Jeden Samstag veröffentliche ich ein Kapitel aus der spannenden und unterhaltsamen Lebensgeschichte des Unternehmers Erwin Kaeß.

Hier das zweite Kapitel:

Sonntagsausflug

Die erste Erinnerung an sich selbst führt Erwin Kaeß auf den Pfänder. Der 1064 Meter hohe »Erlebnisberg« mit seiner einzigartigen Aussicht auf den Bodensee und bei klarem Wetter mit Blick auf 240 schneebedeckte Alpengipfel erhebt sich nordöstlich von Bregenz und ist beliebtes Ausflugsziel für Alt und Jung. Erwin Kaeß war jung, als er dieses traumatische Erlebnis hatte. Heute lacht er, wenn er davon erzählt, doch für den damals fünfjährigen Jungen stand für wenige Minuten die Welt still. Dabei fing der Tag so wunderbar an. Ein strahlendblauer Sonntag im August, genau richtig für eine kleine Reise in die weite Welt.

Beim ersten Hahnenschrei war Erwin hellwach und schlüpfte in die von seiner Mutter am Abend zuvor auf dem Stuhl neben seinem Bett zurechtgelegten Sonntagskleider. Kurzärmeliges, kariertes Baumwollhemd. Kurze Hose aus dunkelblauem Stoff, erworben bei einem fahrenden Händler, denn zum Einkaufen in der Stadt blieb für die Mutter selten Zeit. Weiße, selbst gestrickte Baumwollkniestrümpfe mit Lochmuster. Schwarze Schnürschuhe, auf Hochglanz poliert. Damit die Hose nicht über die schmalen Hüften rutschte, noch schnell die Hosenträger über die Schultern gezogen, dann polterte Erwin die Treppe runter und rannte voller Vorfreude in die Küche.

Die Küche war menschenleer, die Mutter kam ihrer morgendlichen Pflicht nach. Hühner rauslassen, Kühe melken, Schweine füttern, Stall ausmisten. Erst nach getaner Arbeit gab es Frühstück. Doch gegen zehn Uhr ging es dann los. Der Knecht spannte die Pferde vor den Landauer und kutschierte die Ausflügler nach Oberreitnau. Vier an der Zahl. Erwin, seine Schwester, seine Mutter und Tante Fanny, Mutters Schwester. Von Oberreitnau ging es mit der Eisenbahn nach Lindau. Diese Fahrt war der erste Teil des Abenteuers. Aufmerksam schaute Erwin aus dem Fenster und sah die Welt draußen vorbeiziehen. Bäume, Wiesen, einzelne Gehöfte, kleine Dörfer. Völlig neue Perspektiven für den Jungen.

In Lindau dann ein kleiner Fußmarsch zur Dampferanlegestelle, wo das Schiff bereits auf seine Gäste wartete – am Holzsteg, auf dem sich eine lange Schlange gebildet hatte. Lauter gut gelaunte Menschen, die sich auf eine Fahrt über den Bodensee freuten.

Auch ein kleiner Junge aus Isigatweiler freute sich.

»Mama, wann können wir endlich aufs Schiff?« Erwin war so aufgeregt, dass er an der Hand seiner Mutter von einem Bein auf das andere hopste und es kaum erwarten konnte, das Schiff zu betreten. Es war so groß wie ein Haus. Ein schwimmendes Haus hatte er noch nie gesehen. Er kannte nur die vom Knecht aus alten Zeitungsseiten gebastelten Papierschiffchen, die er auf dem Bach hinter den Feldern zu Wasser ließ und deren Lebensdauer begrenzt war. Eine einzige Fahrt, und schon war es vorbei. Absturz bei einer Gesteinsstufe oder Untergang in den Ranken von Brunnenkresse oder anderen Wasserpflanzen.

Allmählich bewegte die Menschenschlange sich vorwärts, nach einer Viertelstunde durfte er den Dampfer betreten, der kurze Zeit später mit lautem Tuten ablegte.

Erwins erste Schifffahrt. Der Fahrtwind wehte ihm um die Ohren, er streckte seinen Kopf durch die Streben der Reling und beobachtete die Heckwelle, die dem Dampfer folgte. Anfangs ganz schmal, wurde sie immer breiter und verlor sich allmählich im See. Überhaupt der See, was für ein Erlebnis. Das einzige größere Gewässer, das er bisher gesehen hatte, war die Argen, ein Wildwasserfluss, der nordwestlich von Isigatweiler seinen kurvenreichen Lauf in den Bodensee nimmt. Zusammen mit Nachbarkindern spazierte er am Sonntag manchmal dorthin und warf Kieselsteine in die Fluten. Aber der Fluss war nicht zu vergleichen mit der riesigen Wasserfläche hier. Erwin konnte sich gar nicht sattsehen. Er war fasziniert von all den neuen Eindrücken, und weitere waren angekündigt. Nach der Fahrt mit dem Schiff sollte die Fahrt mit der Seilbahn kommen. Er konnte sich gar nicht vorstellen, was das war – eine Seilbahn. In der Luft schwebe sie, so hatte der Knecht am Abend zuvor beim Nachtmahl berichtet. In der Luft, wie ein Vogel. Was für ein Abenteuer für den kleinen Kerl, der bislang nur den heimischen Weiler kannte und das Nachbardorf, wohin er seine Mutter an besonderen Feiertagen beim Kirchgang begleiten durfte.

Eine junge Frau jonglierte im Bauchladen Süßigkeiten durch die Menschenmenge, Tante Fanny winkte sie herbei und spendierte Eis am Stiel. Eis hatte Erwin noch nie gegessen. Er leckte genüsslich und langsam. So langsam, dass die Masse bei der hochsommerlichen Temperatur schmolz und auf sein Hemd tropfte. Ein Taschentuch der Mutter behob den Schaden ohne großes Aufheben. An so einem Tag wurde nicht geschimpft, außerdem war Viktoria Kaeß ohnehin keine Frau, die schnell böse wurde, sie war milde und nachsichtig.

Die Fahrt von Lindau nach Bregenz dauerte keine halbe Stunde. Dann wieder ein kleiner Fußmarsch, und an der Talstation der Pfänderbahn betrat Erwin zum ersten Mal eine Gondel. Der Raum war schnell angefüllt mit Menschen, seine Mutter stellte ihn auf die Sitzbank, er drückte seine Nase an die Scheibe, dann hob die Kabine ab. Was für ein merkwürdiges Gefühl, wenn die Kabinenaufhängung über die Stützpfeiler ratterte und danach ihre Last mit kleinem Abwärtsschwung wieder auf das Drahtseil verlagerte. Erschrocken griff er nach der Hand seiner Mutter. Bei jedem Pfeiler dasselbe, jedes Mal spürte Erwin diesen Ruck bis in den Bauch. In der Luft zu schweben hatte er sich anders vorgestellt, leicht und schwerelos und ohne dieses Ruckeln, das ihm Schrecken einjagte. Doch sie kamen heil in der Bergstation an, der Menschenpulk schob sich nach draußen, jetzt sah Erwin den Bodensee von oben. Aus dieser Perspektive wirkte das große Gewässer noch größer. Am Horizont verschwand es im Himmel und reichte bis ans Ende der Welt – dachte Erwin.

Hinter dem Restaurantgebäude befand sich der Wildpark. Dort tummelten sich Rehe, Rothirsche, Muffelwild, Murmeltiere, Steinböcke, Zwergziegen, Hasen und Wildschweine, und dorthin spazierten die Ausflügler. Der Anblick von Schweinen war Erwin vertraut, schließlich fütterte er sie jeden Tag mit Kartoffeln und Küchenabfällen. Doch diese Rasse hier war ihm neu. Die sah ganz anders aus als die daheim. Nicht rosa und fast unbehaart, sondern braun-schwarz, mit dichtem, langborstigem Fell. Der Schwanz war nicht geringelt, sondern gestreckt und leicht buschig. Der Körperbau war deutlich schlanker und muskulöser, die Ohren hingen nicht schlapp hinunter, sondern standen aufrecht. Erwin stand vor dem Wildschweingehege und betrachtete die Frischlinge, die vergnügt um die Muttersau herumwuselten und in der Erde wühlten. Da passierte es. Er wollte die Mutter fragen, wieso die kleinen Schweine Streifen hatten, und drehte sich um. Die Mutter war nicht da! Auch Tante Fanny nicht. Auch die Schwester nicht. Alle drei verschwunden. Nur fremde Gesichter um ihn herum. Er konnte nicht denken, Angst schnürte ihm die Luft ab. Sie hatten ihn verlassen. Hier, mitten in der Fremde, wo er niemanden kannte. Panik machte sich in ihm breit.

Er schrie: »Mama! Mama! Mama!«

Die anderen Besucher wurden auf den verzweifelten Jungen aufmerksam. Besorgt gingen sie auf ihn zu, redeten auf ihn ein, drehten ihre Köpfe nach allen Seiten, um nach der Mutter zu schauen. Erwin nahm nichts mehr wahr, spürte nur diese Angst, die ihm fast den Atem nahm.

Mama. Er schrie nicht mehr, schluchzte nur noch leise. Tränen rollten über seine Wangen und tropften auf das Hemd. Sein Herz klopfte wie verrückt. Plötzlich sah er durch den Tränenschleier einen Menschen heraneilen. Die Mama, Schwester und Tante im Gefolge. Sie hatten Limonade gekauft und angenommen, Erwin sei so beschäftigt mit den Wildschweinen, dass er ihre kurze Abwesenheit nicht bemerke. Erwin stolperte auf seine Mutter zu, umklammerte mit beiden Armen ihre Oberschenkel, drückte sein feuchtes Gesicht in ihren Rock, spürte ihre Hände liebevoll seinen Kopf streicheln. Er japste, schluckte, schnaufte tief durch, beruhigte sich. Die Mama hatte ihn nicht verlassen.

Die Tränen waren nach wenigen Minuten getrocknet, gemeinsam unternahmen sie einen Spaziergang durch den Wildpark. Erwin betrachtete all die unbekannten Tiere, bestaunte die riesigen und geschwungenen Hörner der Mufflonwidder und die gewaltigen Geweihe der Rothirsche, lachte über die putzigen Murmeltiere, und nun konnte er auch fragen, warum die kleinen Wildschweine Streifen hatten. Die Mutter wusste es nicht, Tante Fanny hatte auch keine Ahnung. Aber das war Erwin jetzt egal. Seine Mama war wieder da, nur das zählte.

unternehmerbiografieNach dem Rundgang verdrückte jeder der kleinen Reisegruppe in der Gartenwirtschaft neben der Bergstation noch ein Paar Wiener Würstchen mit einem Klacks Senf und einer Scheibe Brot. Dazu gab es wieder Limonade, »Sinalco«, mit Strohhalm zum Nuckeln der süßen und prickelnden Flüssigkeit. Auch die war neu für den kleinen Kerl, der nur Obstsäfte kannte. Nach dem kleinen Vesper wurde der Heimweg angetreten und erneut die Gondel bestiegen. Wieder die ruckelnde Kabine, wieder das mulmige Gefühl im Bauch. Kleiner Spaziergang zum Dampfersteg, wieder Schlange stehen, wieder die Heckwelle, die dem Schiff folgte. In Lindau angekommen, ein Fußmarsch zum Bahnhof, dann mit dem Zug zurück nach Oberreitnau. Der Knecht wartete bereits mit der Pferdekutsche und brachte sie auf direktem Weg nach Hause. Erst als sie durch die Haustür traten, ließ Erwin die Hand seiner Mutter los.

In den ersten Wochen nach dem Ausflug hatte er immer wieder den gleichen Traum: Er stand auf dem Pfänder vor dem Wildschweingehege, beobachtete die Frischlinge und merkte plötzlich, dass die Mama verschwunden war. Wenn er dann voller Panik aufwachte und sein Herz wild klopfte, stand er auf, tappte auf nackten Sohlen über die knarrenden Dielen zum Zimmer seiner Mutter, öffnete vorsichtig die Tür, schlich auf Zehenspitzen zum Bett, warf einen Blick auf das Kissen, konnte im Halbdunkel die Silhouette ihres Kopfes ausmachen, schlich wieder zurück und kroch beruhigt unter sein Federbett. Die Welt in dem kleinen Weiler war in Ordnung.


Erwin Kaeß verschickt das Buch gern signiert und auf Wunsch auch mit persönlicher Widmung.

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Unternehmerbiografie: Sonntagsausflug

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