Im Winter. Der erste Schnee fiel Ende November, zwei Tage nach dem ersten Advent. Gerade mal so viel, dass er wie ein weißer Schleier die Landschaft bedeckte. Erwin Kaeß und Onkel Otto war das nur recht, sie wollten in den Wald, um Holz zu machen. Ungastliche Witterungsverhältnisse waren zwar kein Hinderungsgrund, aber wenig bis gar kein Schnee war ihnen lieber, weil die Arbeit schneller voranging. Der Förster des Fürsten von Achberg hatte alte, morsche, von Schädlingen befallene oder durch Pilze geschwächte Bäume in den vergangenen Monaten markiert, die galt es nun zu fällen.

Zuerst wurde festgelegt, an welcher Stelle der jeweilige Baum landen sollte. Eine kleine Lichtung war ideal, weil er dann ungehindert fallen konnte. Auf der in Fallrichtung zeigenden Seite wurde mit der Axt unten im Stamm erst eine Kerbe gehackt und dann ein Keil herausgeschlagen. Gesägt wurde von der gegenüberliegenden Seite, so tief hinein, bis der Baum zu kippen begann.

Lag er am Boden, wurden die Äste abgeschlagen, geschnitten und zusammen mit dem Reisig zu großen Bündeln gebunden. Zu guter Letzt wurde der Stamm von einem Pferd an den Waldrand gezogen und dort in Handarbeit mittels einer Zweimannsäge in Meterstücke geteilt. Das zum Verkauf bestimmte Holz wurde zwischen vier in die Erde geschlagenen Pflöcken gestapelt, das für den Eigenbedarf auf die Pritsche eines Gummiwagens geladen und nach Hause transportiert. Dort wurde es mit dem Reppeleisen entrindet, hinter der Scheune gelagert, nach und nach zersägt, in handliche Scheite gehackt und im Holzschopf gelagert, um in Küchenherd und Kachelofen verheizt zu werden.

Nicht nur dem Wald galt das Augenmerk, auch die Bäume auf der Streuobstwiese wurden begutachtet. Um diese Jahreszeit hatten sie kaum noch Saft in den Ästen. Je früher sie zurückgeschnitten wurden, desto stärker trieben sie im nächsten Frühjahr wieder aus, entsprechend ging es ihnen jetzt an den Kragen. Alte und dünne Seitenäste, Queräste und steil nach oben wachsende oder sich kreuzende Äste wurden mit einer gut geschärften Astschere abgeschnitten oder mit der Baumsäge entfernt. Auch die Krone wurde ausgelichtet. War der Schnitt fachmännisch durchgeführt, wirkte er wie eine Verjüngungskur. Formte das Astwerk, lenkte den Saftstrom in die richtigen Bahnen und förderte Blütenreichtum und damit den Ernteertrag, was Sinn der Sache war. So nahmen Erwin, sein Onkel und der Knecht einen Baum nach dem anderen unter die Lupe. Nicht jeder wurde nur gestutzt, alte und kranke Bäume fielen der Säge ganz zum Opfer. Für jeden gefällten Baum wurde im folgenden Frühjahr ein neuer gesetzt. Eine schweißtreibende Arbeit, denn bevor der Neuankömmling in die Erde kam, musste der Wurzelstock des alten Baumes ausgegraben werden.

Für die Bäuerin war die Arbeit an der frischen Luft nahezu beendet. Nur hin und wieder ging sie in den Garten, um Bebballesgraud (Rosenkohl) und Sonnawirbale (Feldsalat) für das Mittagessen zu holen. Langweilig wurde ihr trotzdem nicht. Erst unterzog sie das Wohnhaus von unten bis oben dem jährlichen Großputz, denn was andere im Frühjahr machten, erledigte sie im Winter. Als alles wieder blitzte, waren liegen gebliebene Stopf- und Flickarbeiten und Sockenstricken an der Reihe, zum Schluss widmete sie sich dem Backen von Weihnachtsplätzchen. Ihr Sortiment an Breedla (Plätzchen) war breit gefächert und entsprach dem, was so ziemlich jeden Weihnachtsteller in der Region füllte: Zimtsterne, Springerle, Spitzbuben, Kokos- und Haselnussmakronen, Lebkuchen, Vanillekipferl und Butter-, Schwarzweiß- und Spritzgebäck. Tagelang war sie beschäftigt, mahlte Nüsse und Mandeln, rührte und knetete Teig, wellte ihn aus, stach weihnachtliche Motive heraus und bestrich sie mit Marmelade, Zucker- und Schokoladenguss. Von Tag zu Tag wurden die Dosen voller, und obwohl gut versteckt, von ihrem Sohn jedes Jahr gefunden. Er war verrückt nach Kokosmakronen, bis heute sein liebstes Weihnachtsgebäck.

Am Nikolaustag zogen am Himmel dunkle Wolken auf, der Winter hielt endgültig Einzug. Es schneite kräftig, innerhalb weniger Tage lag Isigatweiler unter einer geschlossenen Schneedecke. An den Fensterscheiben blühten Eisblumen, nachts wärmten Bettflaschen die Füße, gearbeitet wurde nun drinnen. Die Männer brachten in Remise, Schuppen und Ställen die Gerätschaften auf Vordermann, reparierten und schmierten Maschinen und Motoren, dengelten Sensen, schärften Schneidezähne von Sägen, putzten und ölten Werkzeug. Die Frauen widmeten sich Haus- und Handarbeiten. Waren die Tiere versorgt und die Arbeit beendet, saßen die Menschen im Oberen Kaeß nun gern auf der warmen Ofenbank und machten dort etwas, was sie nur in dieser Jahreszeit machen konnten, sie gaben sich dem Müßiggang hin, hörten Radio, lasen Zeitung und das eine oder andere Buch, und Erwin widmete sich dem nächsten Karl-May-Schmöker. Die Bände mit den Erlebnissen von Winnetou und Old Shatterhand hatte er in der Bücherei im Nachbarort alle schon ausgeliehen, nun waren andere Wildwest-Abenteuer an der Reihe, von denen er eines nach dem anderen verschlang und anschließend mit seinem Freund Heinrich, der dieselben Bücher las, die Vor- und Nachteile von Anschleichmethoden und Verteidigungsstrategien diskutierte. Diesbezüglich waren die beiden oft unterschiedlicher Meinung, nur was die Charaktere der Protagonisten betraf, waren sie sich einig. Sie verachteten die Schurken und bewunderten die Aufrechten und Tapferen.

Am Vormittag des Heiligen Abends stapfte Erwin zum nahe gelegenen Wäldchen, um einen Christbaum zu schlagen. Er suchte nicht lange, denn ihm war kalt. Seit Tagen schon lagen die Temperaturen weit unter null. Also sägte er die erstbeste Tanne ab und schleifte sie durch den Schnee heimwärts. Dort wurde sie in den Christbaumständer gestellt, so lange ausgerichtet, bis sie schön gerade stand und dann gut festgeschraubt, damit sie nicht umfallen konnte.

Am Nachmittag zog der Duft von Lebkuchen durchs Haus, auf dem Wohnzimmertisch flackerten die unterschiedlich heruntergebrannten Stumpen auf dem Adventskranz, im Radio lief Weihnachtsmusik. Viktoria Kaeß wickelte das Seidenpapier vom Christbaumschmuck, den sie vom Speicher geholt hatte, und schmückte den Baum. Weiße Kerzen, bunte Kugeln, Lametta und ganz oben eine Spitze aus mundgeblasenem Glas. Die kleine Krippe in der Ofenbankecke hatte sie mit Erwin am Vortag bereits aufgebaut, mit handgeschnitzten Figuren und frischem Moos, das den Geruch von Waldboden und Tannennadeln verbreitete.

Nach dem Abendessen mit Wiener Würstchen und Kartoffelsalat fand die Bescherung statt. Im nur mit Kerzen beleuchteten Wohnzimmer wurden Weihnachtslieder gesungen und Geschenke ausgepackt. Socken für Erwin waren auch wieder dabei. Danach saß man gemütlich beieinander, trank Kaffee und Glühwein, knabberte Weihnachtsplätzchen und überbrückte die Zeit bis zur Mitternachtsmesse im Nachbardorf mit Brett- und Kartenspielen. Draußen tänzelten vereinzelte Schneeflocken durch die kalte Nacht, drinnen versprühten Wunderkerzen kleine Sternchen.

Als Erwin Anfang Januar seinen 16. Geburtstag feierte, herrschte in Isigatweiler immer noch Winter. Schneepflüge hatten die Straßen aber geräumt, und so knatterte er nach den Weihnachtsferien wieder mit dem Moped nach Laimnau. Einen Tag pro Woche besuchte er dort die Berufsschule für Landwirtschaft. Zehn Kilometer hin und wieder zurück, in so einem kalten und schneereichen Winter wahrlich kein Vergnügen. Er hätte auch mit dem Bus fahren können, die Fahrt dauerte ihm aber zu lange, da nahm er lieber eine kalte Nase in Kauf.
Viehzucht, Milchwirtschaft, Krankheiten und Seuchen im Stall, Schädlingsbekämpfung, Acker-, Obst- und Gartenbau, Boden- und Grünlandbearbeitung, Schnittreife, Fruchtfolge, Fruchtwechsel – zu allem, was er seit Jahren praktizierte, lernte er nun den theoretischen Unterbau. Das durch Mutter und Onkel Otto vermittelte Wissen zu erweitern, machte ihm zwar Spaß, wie ihm auch die Arbeit auf dem Hof im Großen und Ganzen Spaß machte, doch gab es zwei gravierende Einschränkungen: so gut wie keine Freizeit und die miserablen Aussichten, mit der Landwirtschaft im jetzigen Umfang und der gegebenen Ausstattung Geld zu verdienen. Zwar konnte vor kurzem ein Traktor angeschafft werden, der die Arbeit deutlich erleichterte, trotzdem war die Wahrscheinlichkeit, mehr als ein für das tägliche Leben notwendiges Einkommen zu erwirtschaften, sehr gering. An die Möglichkeit, damit ein Vermögen aufzubauen, war erst recht nicht zu denken, denn rechnen konnte Erwin. Neben der Berufsschule belegte er einen Kurs in Algebra, und schnell war ihm klar: Bis ich den Hof so auf Vordermann gebracht habe, dass richtig was hängen bleibt, bin ich fünfzig.

Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig. Er war nun mal Bauer, da biss die Maus keinen Faden ab.

Unternehmerbiografie: Ganz normale Tage – Winter

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