Jeden Samstag veröffentliche ich ein Kapitel aus der spannenden und unterhaltsamen Lebensgeschichte des Unternehmers Erwin Kaeß.

Hier der erste Teil aus dem zweiten Kapitel:

Im Frühling. Erstes Geräusch am Morgen war nicht das Krähen des Gockels, sondern der Gesang der Vögel. Erwin lag im Bett und drehte den Kopf zum Fenster, hinter dem sich ein wolkenloser Himmel zeigte. Die Sonne war vor wenigen Minuten erst aufgegangen, aber die meisten der gefiederten Frühaufsteher im großen Kastanienbaum im Hof waren schon emsig. Die Vogelschar zwitscherte, tirilierte und schilpte, für Erwin Zeit, aufzustehen.

Sechs Uhr. Die Mutter war aus dem Stall zurück und klapperte in der Küche mit Geschirr. Kaffeegeruch zog die Treppe hoch und schlängelte sich unter der Türritze durch. Erwin zog Unterwäsche, Hemd und Lederhose an und schlüpfte in die Schuhe. Im Badezimmer eine Katzenwäsche an Gesicht und Hals, dann stiefelte er nach unten.
Für die Erwachsenen war die Nachtruhe schon eine Stunde vorher zu Ende gewesen. Zu jeder Jahreszeit, an jedem Tag und immer zur selben Stunde rief die Arbeit: Stall ausmisten, Rinder, Pferde und Schweine füttern, Kühe putzen, striegeln und melken. Gemolken wurde nicht von Hand, sondern mit der Melkmaschine. Erwins fortschrittlicher Vater hatte sie schon Anfang der vierziger Jahre angeschafft. Bei rund zwanzig Tieren eine enorme Zeitersparnis. Außer dem Badezimmer war die Melkanlage allerdings die einzige moderne und noch funktionierende Errungenschaft auf dem Hof. Die motorisierte Zugmaschine hatte mittlerweile den Geist aufgegeben und konnte mangels Ersatzteilen nicht repariert werden. Für eine neue Maschine war kein Geld da.
Waren die Tiere versorgt, wurde gefrühstückt. Brot mit Butter, die beim Streichen winzige Tröpfchen verspritzte, verschiedene Sorten Marmelade, selbst gemacht, mit Früchten und Beeren aus dem Garten. Zu trinken gab es warme Milch für Erwin und seine Schwester, Milchkaffee für die Mutter und Tante Fanny. Die jüngere Schwester der Mutter half als Magd auf dem Hof mit. Sie hatte nichts gelernt, war ledig und froh, eine Bleibe zu haben.

Nach dem Frühstück öffnete Erwin die Tür des Hühnerstalls, das Federvieh tippelte nach draußen, in das Auslaufgehege mit Zaun da-rum herum. Der Zaun war notwendig, damit die Hühner ihre Hinterlassenschaften nicht überall auf dem Hofgelände verteilten. Hühnerdreck an den Füßen konnte keiner gebrauchen, erst recht Erwin nicht, der gern barfuß lief. Manchmal war die Bescherung aber nicht zu vermeiden, denn es machte ihm Spaß, die Hühner zu ärgern. Mit ausgebreiteten Armen und lautem Brummen rannte er mitten in sie hinein, und die Tiere stoben gackernd und flügelschlagend in alle Richtungen. Dass sich bei solchen Manövern Hühnerkacke zwischen seine Zehen quetschte, nahm er in Kauf. Mit einem Breitwegerichblatt wischte er das Gröbste weg und spülte den Rest mit einem kräftigen Strahl aus der Wasserpumpe im Hof ab.

Sieben Uhr. Für Erwin war es Zeit, den Schulranzen auf den Rücken zu schnallen. Er war mittlerweile neun und ging seit vier Jahren zur Schule. Auf Bitten seiner Mutter war er mit dem 43er Jahrgang eingeschult worden, der Umstand, dass er in der ersten Januarwoche geboren war, hatte dabei geholfen. Die Mutter war froh, den quirligen Buben für ein paar Stunden los zu sein und in Ruhe ihre Arbeit verrichten zu können. Außerdem brauchte sie für ihre beiden Kinder mittags nicht zu kochen, weil sie in der Schule essen konnten. Schulspeisung nannte sich die Hilfsaktion, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Besatzungsmächten eingeführt worden war. Jedes Kind hatte ein Blechgefäß und einen Löffel von zu Hause in der Schulbank und marschierte nach Unterrichtsende damit ins Kellergeschoss, wo das Essen ausgegeben wurde. Mit einer zerbeulten Kelle schöpfte die Köchin Suppe oder Brei aus einem Topf, von Frühling bis Herbst angereichert mit Zutaten aus dem schuleigenen Gemüsegarten. Ein Stück Brot war auch meist dabei, gegessen wurde dann oben in der Schulbank. Nach einigen Jahren wurde diese Schulmahlzeit wieder eingestellt. Erwin war nicht traurig darüber, seine Mutter und Tante Fanny kochten deutlich besser als die Frau in der Schulküche, außerdem war der Speisezettel daheim nicht so eintönig.

Die zwei Kilometer zur Schule in Esseratsweiler gingen Erwin und seine Schwester entweder zu Fuß, oder sie benutzten das Milchauto als Taxi. Es kam jeden Morgen, um die zur Straße gekarrten Milchkannen abzuholen und zur Molkerei zu transportieren. Pünktlich um sieben fuhr der kleine LKW in die Kurve, der Fahrer hievte die Kannen von der Milchbank auf die Pritsche, die Kinder hockten sich daneben. Nur bei Regen oder im Winter saßen sie in der Fahrerkabine.

Vor dem Schulgang war der Kirchgang angesagt und Pflichtprogramm für jedes Kind. Erwins Mutter war das nur recht. Sie war streng gläubig, hatte selbst aber nur sonntags Zeit für den Gottesdienstbesuch, der ihr über alles ging. Der katholische Glaube mit seinen religiösen Ritualen gab ihr Kraft, das beschwerliche Bäuerinnendasein als Witwe zu meistern. Wie gern hätte sie wenigstens ein Grab auf dem Friedhof gehabt. Eine Erinnerungsstätte, die sie schmücken und sich trauernd davor stellen konnte – in Gedenken an den hochgewachsenen, attraktiven und intelligenten Mann, mit dem ihr nur wenige Jahre vergönnt waren. Doch sie beklagte sich nie und verlor auch kein Wort über den Verlust. Sie erduldete ihr Schicksal demütig und machte alles mit sich selbst aus. Ob die gut aussehende Frau, deren einziger Schönheitsfehler ein Kropf war, heimliche Verehrer hatte, ist nicht bekannt. Ihr Sohn zumindest kann sich an fremde Männer auf dem Hof nicht erinnern.
Der Messner läutete die Glocken, der Ministrant ging mit andächtigen Schritten und das Weihrauchfass schwenkend durch das Mittelschiff, der Pfarrer zelebrierte die Heilige Messe. Erwin kniete neben seinen Schulkameraden auf der Bank, betete und sang. Er schaute sich alles von den anderen ab und machte sich keine Gedanken darüber. Allerdings war er beeindruckt von dem feierlichen Klang der Orgel, dem Geruch von Weihrauch und dem großen Kruzifix mit dem gekreuzigten, abgemergelten Jesus. Alles zusammen schaffte eine Stimmung, wie sie andernorts nicht zu finden war. So zieht es Erwin Kaeß auch heute noch in alte Kirchen, den Passauer Dom zum Beispiel, den er einmal im Jahr besucht. Der Gottesdienst ist ihm dabei nicht wichtig, die sakrale Atmosphäre ist es, die er auf sich wirken lässt.

Nach der Messe ging es über die Straße zur Schule. Der Unterricht fand in zwei Klassenzimmern statt, erste bis vierte Klasse links, fünfte bis achte Klasse rechts. In jedem Zimmer stand an der Frontseite eine holzgerahmte Schiefertafel, an den Seitenwänden hingen eine Landkarte und ein Bild der Muttergottes, überall roch es nach Kreide. Die Schulbänke aus dunkelbraunem Holz waren von unten bis oben angeschlagen und zerkratzt, die Schreibflächen hatten viele Schrammen und Kerben. Zwischen den Schulstuben befand sich ein Gang, mit vielen Kleiderhaken für Jacken und Mäntel.

Der »Herr Lehrer« in den ersten vier Klassen, Oberstudienrat Lobe, war ein despotischer Mann um die sechzig, mittelgroß und schlank, mit grauem, welligen Haar, der vorlaute und freche Knaben stets im Visier hatte und konsequent Kopfnüsse, Tatzen und Hosenspanner verteilte, je nach Schwere des Vergehens. Tatzen mit dem auf dem Lehrerpult stets parat liegenden Haselstecken gab es für Erwin zum Beispiel dann, wenn er Mitschülerinnen triezte. Sie an den Zöpfen zog oder ihnen als Morgengabe eine tote Maus ins Ranzenfach der Schulbank legte. Mädchen zu necken und zu piesacken, machte ihm Spaß, so manche junge Dame bekam auf dem Heimweg ein Bein von ihm gestellt oder Käfer oder juckende Samenkörnchen von Hagebutten hinten in Pullover oder Bluse gesteckt. Solche Schandtaten wurden gern gepetzt, und weil der Lehrer sich auch für außerschulische Delikte zuständig fühlte, schrieb er den Namen des Täters an die Tafel. Die Strafe schrieb er gleich dazu. »Man merkt, dass du keinen Vater hast«, raunzte der Pauker nach der disziplinarischen Maßnahme immer wieder. »Der würde dir schon die Hammelbeine lang ziehen«, schickte er hinterher und bedachte seinen Zögling mit einem missbilligenden Blick.

Bei Erwin berührten diese Äußerungen einen wunden Punkt, auch wenn er mit niemandem darüber sprach. Der Vater, den er nur vom Hörensagen und dem Foto an der Wohnzimmerwand kannte, fehlte ihm. Er war der einzige Halbwaise unter den Schulkindern und hatte den Eindruck, dadurch gebrandmarkt zu sein, weniger wert als die anderen. Er fühlte sich nicht integriert in die schulische Gemeinschaft. Deshalb war er überzeugt davon, dass sein Leben mit Vater anders verlaufen wäre. Wie, das wusste er nicht genau. Aber er stellte es sich leichter und unbeschwerter vor. Irgendwie schöner. Die Mutter hätte bestimmt auch öfter gelacht.

Die körperlichen Züchtigungen des Lehrers zeigten nicht den erwünschten Erfolg, im Gegenteil. Zündplättchen auf den Rand des in die Schulbank eingelassenen Tintenfässchens zu legen, war zu verlockend. Am Unterrichtsende wurde der Deckel mit Schmackes zugeknallt. Peng! Der Lehrer zuckte zusammen, und Erwin wusste, dass dieser Streich Konsequenzen haben würde. Ein spezielles Vergnügen war auch, den in der Klassenzimmerecke im Käfig gehaltenen Eichelhäher mit einer Wasserpistole nass zu spritzen. Der Spaß über das empörte Geschrei des Vogels wog den anschließend verabreichten Hosenspanner bei weitem auf, mit feixendem Grinsen ließ Erwin die Strafe über sich ergehen. Was daheim seine Onkels nicht schafften, schaffte der Pauker in der Schule erst recht nicht. Erwin hatte nur Flausen im Kopf und dachte sich immer wieder neue Bubenstücke aus. Die Liste der Klassenbucheinträge wurde immer länger, und im Zeugnis stand hinter dem Begriff Betragen stets: ungenügend.
Das änderte sich, als ein neuer Lehrer an die Schule kam. Storkenmaier hieß er, war eine Generation jünger und ein ganz anderer Typ Mensch als sein spröder Kollege. Tolerant und stets gut gelaunt brachte er frischen Wind in die angestaubten Klassenzimmer, gab bereitwillig eigene Jugendstreiche zum Besten und sprühte vor Unternehmenslust. So organisierte er zum Beispiel eine Tannenzapfenschlacht auf dem Bolzplatz, auf dem normalerweise Leibesübungen stattfanden. Jeder Schüler war beauftragt, einen Eimer voll Zapfen zu sammeln, und los ging das Spektakel. Allerdings wurde es nur einmal veranstaltet, denn als eines der Geschosse ein Glas von Storkenmaiers Brille zerdepperte und ein Splitter seine Wange verletzte, fand er diese Art von Sportunterricht nicht mehr spaßig.

An die frische Luft zog es ihn trotzdem, er nahm seinen Lehrauftrag deshalb gern bei Spaziergängen in die nahe Umgebung wahr. Naturkundeunterricht vor Ort, sozusagen. Auf diese Weise brachte er seinen Schülern die Merkmale heimischer Flora und Fauna spielerisch nahe und vermittelte auf anschauliche Weise ein Wissen, das weit über den üblichen Lehrplan hinausging und deutlich besser in den Köpfen hängen blieb als trockene Theorie.

Alles in allem ging Erwin nach dem Lehrerwechsel gern zur Schule, seine Noten waren – bis auf Aufsatz – gut bis sehr gut, selbst in Betragen. Der junge Lehrer verstand es, Erwins Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung nicht zu reglementieren, sondern mit psychologischem Geschick in die richtige Richtung zu lenken, zum Lernstoff. So dauerte es nicht lange, und der Junge hatte ein Lieblingsfach: Rechnen, die restlichen Schuljahre hindurch stets mit einer Eins bewertet. Sämtliche Rechenarten beherrschte er aus dem Effeff, Kopfrechnen war seine Stärke und ist es bis heute geblieben. Wozu andere Stift und Papier oder einen Taschenrechner brauchen, das macht Erwin Kaeß in wenigen Sekunden, ohne Hilfsmittel.
Auch neben dem Fach Musik prangte im Zeugnis eine Eins, was Erwin selbst am meisten überraschte. Am freiwilligen Blockflötenunterricht nahm er nämlich nicht aus musikalischem Interesse teil, sondern aus taktischen Gründen. Wer bei Frau Lobe das Flötenspiel erlernte, konnte sich ihres Wohlwollens sicher sein. Für einen Lausbuben wie ihn war das von Vorteil, denn als Ehefrau des Schulleiters hatte ihre Meinung großes Gewicht, und angesichts seiner Streiche wurde nun öfter ein Auge zugedrückt. Sein Plan zeigte Erfolg, womit er schon in jungen Jahren seine strategische Begabung unter Beweis stellte. Dass nebenher sein musikalisches Talent zum Vorschein kam, war ein angenehmer Nebeneffekt.

Dieses Talent brachte er später auch außerhalb der Schule ein. Im Musikverein Achberg spielte er das Tenorhorn und sorgte in schmucker Uniform mit seinen Kameraden bei Hochzeiten, Beerdigungen und Gemeindefesten jeglicher Art für die musikalische Begleitung. Alters- und Ehejubilare wurden durch Ständchen geehrt, die Erstkommunikanten am Weißen Sonntag in die Kirche begleitet, auch in der Fronleichnamsprozession waren die Musikanten fester Bestandteil.

Nach der Schule traten die Geschwister mit den Nachbarskindern den Heimweg an, mangels Milchtaxi um diese Tageszeit zu Fuß. Eine knappe halbe Stunde brauchten sie für die nicht ganz zwei Kilometer, sofern sie den direkten Weg über die Straße nahmen. Erwin und sein Vetter machten aber gern einen Schlenker über die Drumlins und durch das nördlich des Anwesens gelegene Waldstück, was dann deutlich mehr Zeit in Anspruch nahm.
Erwins Verhältnis zum Wald war zwiespältig. Einerseits zog es ihn immer wieder hin, andererseits beschlich ihn zwischen den hohen und dicht beieinander stehenden Buchen und Fichten ein mulmiges Gefühl. Hier war es deutlich dunkler als in der freien Landschaft und bis auf den Gesang der Vögel mucksmäuschenstill. Es roch feucht und modrig, keine Menschenseele war zu sehen. Alles in allem herrschte im Wald eine unheimliche Stimmung, und es hätte ihn nicht gewundert, wenn zwischen den Bäumen und Farnwedeln plötzlich ein Räuber oder eine Hexe aufgetaucht wäre, oder ein wildes und selbstverständlich gefährliches Tier. Ein Wildschwein, ein Bär oder ein Wolf. Dass mit denen nicht zu spaßen war, wusste er aus Märchen und Geschichten. Bei jedem Geräusch im Unterholz zuckte er zusammen und war stets bereit, davonzurennen. Vorsichtshalber hatte er immer einen Ast in der Hand, den er sich beim Betreten des Waldes als Waffe gegen einen möglichen Angreifer suchte. Die Gegenwart seines Vetters beruhigte Erwins Gemüt zwar ein wenig, aber wenn es drauf ankam, würde der gleichaltrige und genauso schmächtige Junge bestimmt keine große Hilfe darstellen. Also hieß es, gewappnet zu sein. Es waren aber genau diese geheimnisvolle Atmosphäre und das subtile Gruseln, die einen Abstecher in den Wald jedes Mal so spannend machten. Die Abenteuerlust lag wohl im Kaeß’schen Blut, so war einer seiner Vorfahren vor vielen Jahren nach Amerika ausgewandert …

Bei seinen Streifzügen war allerdings noch nie ein Räuber oder eine Hexe zwischen den Bäumen aufgetaucht, höchstens der Förster des Fürsten von Achberg, der sich nicht nur um den fürstlichen, sondern auch um den Wald des Oberen Kaeß kümmerte und mit geschultertem Gewehr und Dackel an der Seite öfter nach dem Rechten schaute. Wildschweine, Bären und Wölfe hatten sich auch noch nie blicken lassen, stattdessen Rehe und Hasen, ab und zu auch ein Fuchs. Vor diesen Tieren hatte Erwin keine Angst, im Gegenteil. Er hätte sie gern aus der Nähe betrachtet, aber kaum hatten sie ihn gewittert, waren sie über alle Berge.

Die Buben raschelten durch das Buchenlaub und stapften über herabgefallene Zweige und Äste, die bei jedem Tritt knackten. Auf flachen Steinen nahmen Eidechsen ihr Sonnenbad, Blindschleichen schlängelten über bemooste Baumstümpfe, oben in den Bäumen waren Spechte auf der Suche nach Insekten und Larven und hämmerten Löcher in die Rinde, Eichhörnchen spurteten die Buchen und Fichten hinauf und sprangen in den Baumkronen herum.
Besonders interessant fand Erwin die Ameisenhügel am Waldrand. Er beobachtete die Insekten, wie sie hin und her wuselten und Blattteile, Käfer und kleine Raupen heranschleppten. Obwohl Onkel Otto es bei den sonntäglichen Spaziergängen strikt verboten hatte, nahm Erwin gern einen Stock und bohrte in den Ameisenbauten herum. Er hatte Spaß daran, zu beobachten, wie die Tierchen sich umgehend daran machten, die zerstörten Bereiche zu reparieren. Dass einige sich für die Attacke revanchierten, indem sie seine Beine hoch krabbelten, ihn bissen und mit Ameisensäure bespritzten, nahm er in Kauf. Außerdem hatte er ein Gegenmittel, mit der Hand zerdrückte Blätter vom Spitzwegerich, ein altes und wirksames Hausmittel gegen Ameisenbisse und Mückenstiche.
Nach dem kleinen Waldausflug ging es nach Hause. Als er mit seinem Vetter unter einer mächtigen Eiche hervortrat, sah er Onkel Otto. Den Oberkörper vorgebeugt, stand er in einer Wiese und zog die Sense durch das hohe Gras. Er machte das wie ein Uhrwerk, rhythmisch und gleichmäßig, immer wieder die gleiche Bewegung. An den Seiten seiner Stiefel fielen die Grasbüschel zu Boden und legten sich wie ein grüner Teppich über die Stoppeln. Ein paar Meter hinter Onkel Otto war Tante Fanny dabei, das gemähte Gras zu Reihen zusammenzurechen.
Erwin hüpfte auf den Mann mit der Sense zu. Der hielt inne und schaute dem Jungen entgegen.
»Ah … der Hilfsknecht.«

Der Onkel grinste, schob die Schildmütze nach hinten, zog ein Sacktuch aus der Hosentasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann stellte er die Sense auf den Griff, zog den Wetzstein aus dem am Gürtel befestigten Kuhhorn und zog ihn mit geschickten Strichen über das Sensenblatt.

»Gut, dass du heimkommst. Kannst der Fanny helfen.«

Kinder auf einem Bauernhof zur Arbeit einzuteilen, war seinerzeit normal. Die Devise lautete: Jeder, der einen Rechen ziehen kann, arbeitet mit. Erwin arbeitete gern mit, auch wenn er als Sechsjähriger lediglich damit betraut war, mit einem Strauchwedel Bremsen von den Pferden zu scheuchen. Doch mit nun fast neuneinhalb hatte er Kraft genug, einen Rechen ziehen. Am liebsten hätte er seinen Schulranzen gleich an Ort und Stelle abgeworfen, doch vor der Arbeit waren die Schulaufgaben dran. Darauf hatte die Mutter ein Auge. Erwin lief über die Streuobstwiese nach Hause. Putzi erwartete ihn schon und begrüßte ihn mit freudigem Bellen. Für den Rest des Tages würden die beiden unzertrennlich sein.

Auf dem Esstisch im Flur entdeckte Erwin eine kulinarische Überraschung. Die Mutter hatte Hollerküchle zubereitet, in Pfannkuchenteig getauchte und in Schmalz ausgebackene Holunderblüten. Seine Schwester, eine halbe Stunde vor ihm zu Hause, hatte genug übrig gelassen – rund ein halbes Dutzend der knusprigen und mit Puderzucker bestreuten Dolden lag noch auf dem Teller. Erwin verputzte genüsslich Blüte für Blüte, übrig blieben nur ein paar Teigkrümel und Puderzuckerspuren.

Nach dem süßen Imbiss machte er sich an die Rechenaufgaben, die in einer Viertelstunde erledigt waren. Dann wechselte er das Hemd, zog sich die Schuhe aus und holte einen Henkelkorb aus der Vorratskammer. Mit Korb in der Hand und Putzi an der Seite lief er zum Hühnerstall. Ein Ei nach dem anderen nahm er aus den Strohnestern, sehr vorsichtig, damit ihm auch ja keines aus den Fingern glitt. Den gefüllten Korb trug er zurück in die Vorratskammer. Dabei rannte er nicht, wie es sonst seine Art war, sondern setzte bedächtig einen Fuß vor den anderen. Einmal hatte er das nicht gemacht und war prompt über einen Stein gestolpert. Das Ergebnis waren ein blutiges Knie und rund ein Dutzend angeschlagene oder kaputte Eier. Weinend war er zur Mutter gelaufen. Die hatte nicht geschimpft, sondern die Verletzung mit Jod getränkter Watte abgetupft, ein Pflaster darauf geklebt und gesagt: »Musst halt langsam machen … Bub!« Sie hatte seinen Kopf gestreichelt und bei den Eiern versucht zu retten, was zu retten war. Für ein paar Pfannkuchen hatte es noch gereicht.

Jetzt ging es zu Otto und Fanny auf die Wiese, mit kleinem Umweg über den Garten. Seine Mutter kniete vor dem aufgeklappten Frühbeet und grub mit einer kleinen Schaufel Setzlinge aus. Von Frühling bis Herbst war der Gemüse- und Kräutergarten ihr Lieblingsplatz. Die Beschäftigung dort empfand sie nicht als Arbeit, sondern als Vergnügen. Ein Vergnügen, das im Winter bereits begann. Im Januar setzte sie sich an den großen Tisch im Flur, überlegte Fruchtwechsel und Fruchtfolge, zeichnete einen Plan und legte fest, wann und wo welches Gemüse, welcher Salat und welches Gewürz seinen Platz finden sollte. Jetzt waren die Eisheiligen und damit die Frostgefahr vorbei, der Plan konnte in die Tat umgesetzt werden.

Zuerst versetzte sie die seit März mit alten Fenstern abgedeckten und im Frühbeet gezogenen Pflänzchen in Freilandbeete. Auch die Tomaten, die ihre Triebe im Gewächshaus schon fleißig entwickelt hatten, durften an die frische Luft. Das mit Buchsbaum eingerahmte Kräuterbeet wurde befüllt, Unkraut gejätet, Mist verteilt und mit Kompost in die Erde eingearbeitet. Viktoria Kaeß hackte, harkte und grub um. Sie pikierte, säte, steckte und pflanzte Gemüse und Salat aller Art und Sorten. Kraut und Kartoffeln wurden außerhalb des Gartens auf separaten Äckern angebaut, sie brauchten viel Platz.

Eine besondere Vorliebe hegte die Bäuerin für Blumen. Von März bis Oktober leuchteten bunt gemischte Blüten zwischen den Nutzpflanzen und streckten sich der Sonne entgegen. Von Monat zu Monat steigerte der üppig blühende Garten seine Farbenpracht und war der Bäuerin ganzer Stolz. Neben Gemüse, Salat und Blumen baute sie auch Beeren an, als Belag für Sonntagskuchen und um Saft, Kompott, Marmelade und Gelee daraus zu machen. Breschdlenge (Erdbeeren), rote und schwarze Dreibla (Johannisbeeren), Hengala (Himbeeren) und Knoschele (Stachelbeeren). Der großräumige Garten war so reichhaltig bestückt, dass allein Pflege und Ernte jeden Tag mehrere Stunden in Anspruch nahmen.

Mit einem Pflanzholz bohrte Erwin Löcher in die Erde, steckte Kohlrabisetzlinge und Salatpflänzchen hinein und begoss sie mit Wasser. Danach schaute er nach den Erdbeeren, die allmählich rote Bäckchen bekamen, naschte ein paar halbreife Früchte und machte sich auf den Weg zur Wiese, die sich bis unter die Obstbäume hinzog und mittlerweile vollständig gemäht war. Erwin gesellte sich zu seiner Tante und machte es ihr gleich. Mit einem Rechen zog er das Gras zu Reihen zusammen, so lange, bis die gesamte Mahd in schmalen Bahnen lag. Dann wurde das Werkzeug gewechselt. Otto und Fanny nahmen jeweils eine Heugabel, schoben das aufgereihte Gras zu Haufen zusammen und warfen sie in hohem Bogen auf den Leiterwagen, den die Rösser Stück für Stück weiterzogen. Erwin, für das Aufladen noch nicht kräftig genug, stand auf dem Wagen mitten im Gras und verteilte es gleichmäßig. War der Wagen voll, ging es mit knallender Peitsche nach Hause, in Richtung Kuhstall.

Auf der kahlen Wiese saß eine der Hofkatzen und starrte gebannt auf eine Stelle in den Grasstoppeln. Dort würde sie reglos hocken, bis das Objekt ihrer Begierde aus dem Loch gekrochen kam. Stunden konnte das dauern.
War das Gras abgeladen, ging erneut die Arbeit im Stall los. Ablauf wie am frühen Morgen: Mist zusammenschieben, auf die Schubkarre schaufeln, zum Misthaufen fahren, auskippen. Kühle melken, Pferde striegeln, Schweine füttern. Die Hühner kamen von allein heran getippelt, ihre innere Uhr sagte ihnen, dass jetzt die Zeit für die Nachtruhe gekommen war. Wenig später hockten sie auf den Stangen, den Kopf in das Gefieder gesteckt.

Nach dem Abendessen mit Rührei und Bratkartoffeln dengelte Onkel Otto im Hof seine Sense. Er machte das geschickt und schnell, die jahrelange Erfahrung machte sich bezahlt, eine Viertelstunde nur, schon war er fertig. Nach getaner Arbeit setzte er sich auf die Bank unter dem Kastanienbaum und zog einen Stumpen aus der Brusttasche seiner Latzhose. Fanny kam aus dem Wohnhaus und ging in Richtung Hühnerstall. Wie jeden Abend verriegelte sie dort sorgfältig die Tür, in der Gegend lebten viele Füchse. Als Fanny zurückkam, schaute Otto ihr entgegen und forderte sie mit einer Handbewegung auf, sich neben ihn zu setzen. Was sie auch machte. Sie konnte den ruhigen und besonnenen Mann gut leiden. Dass er ihr wenige Jahre später einen Heiratsantrag machen würde, ahnte sie nicht.

Während Otto und Fanny plauderten, beschäftigte Viktoria Kaeß sich in der Kammer mit Flickarbeiten. Stopfte Socken, besserte Risse und verschlissene Stellen in Hemden, Hosen und Kittelschürzen aus, ersetzte abgerissene Knöpfe und nähte Flicken auf Löcher und Dreiangel. Material dafür hatte sie reichlich. Ausrangierte Kleidungsstücke jeglicher Art warf sie nicht weg, sondern wusch sie, schnitt die noch guten Teile aus und hob sie auf, für genau solche Zwecke. Zu ihrer Unterhaltung hatte sie das Radio eingeschaltet. Durch die kleine Kammer zogen Klänge beliebter Operettenmelodien, die emsig stichelnde Bäuerin summte leise mit.
Erwin stromerte derweil mit Putzi und zwei Nachbarsbuben durch die Streuobstwiese hinter dem Haus. An einem Haselstrauch blieb er stehen, schnitt mit dem Taschenmesser, das stets in seiner Lederhose steckte, einen fingerdicken Zweig ab, legte ihn auf einen flachen Stein und klopfte mit einem weiteren Stein so lange darauf herum, bis der Holzkern sich rausdrehen ließ. Dann drückte er die Rindenröhre an einer Seite etwas zusammen, und fertig war die Saftpfeife, der er helle, schnurrende Töne entlockte.

In den weiß und rosa blühenden Baumkronen veranstalteten Vögel ihr Abendkonzert, hinter dicken Baumstämmen spielten seine Kumpels Verstecken, der Spitz flitzte kläffend zwischen den Kindern hin und her. Als es zu dämmern begann, ging es wieder heim. Otto und Fanny saßen noch auf der Bank, die Mutter hatte sich dazu gesellt.

unternehmerbiografie»So, Erwin, ab ins Bett!«, sagte sie, als ihr Sprössling neben dem Heuschober auftauchte. Es war kurz nach neun, Schlafenszeit. Füße, Arme und Hände wurden eingeseift und mit einer Bürste gründlich geschrubbt, Gesicht, Hals und Ohren mit einem Frotteehandschuh gewaschen. Danach das gemeinsame Nachtgebet, im Stehen und mit kurzen Gedenkworten an den Vater.
Die Sonne war im Horizont versunken. Dunkelrosa Wolkenreihen leuchteten am Himmel und versprachen auch für den nächsten Tag schönes Wetter. Im Kastanienbaum sangen die letzten Vögel ihr Gutenachtlied, Putzi hatte es sich auf dem Bettvorleger bequem gemacht, Erwin lag in den Federn und schlief ein.

Erwin Kaeß verschickt seine Lebensgeschichte gern signiert und auf Wunsch auch mit persönlicher Widmung.

Unternehmerbiografie: Ganz normale Tage – Frühling

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