Der kleine Junge ist gerade dabei, mit Indianergeheul das feindliche Lager zu stürmen. Er und seine Kameraden schwingen bereits mit stolzer Geste die Kriegsbeile, als ein gemeines Geräusch den Siegestaumel unerwartet abwürgt. Zur gleichen Zeit verschwinden alle Farben und Bilder durch ein schwarzes kleines Loch, wie wenn mitten in einem spannenden Film der Fernseher den Geist aufgibt. Es ist aber nur der Wecker, der unbarmherzig den Traum ausknipst.

Die Siegesfreude klopft noch in dem kleinen Herz, während seine Augen angestrengt durch die Dunkelheit dringen, um herauszufinden, wie spät es ist. Halb sechs sagen die grünen Leuchtziffern. Er wundert sich. Warum habe ich denn den Wecker gestellt? Es fällt ihm nicht mehr ein. Aber es hat einen wichtigen Grund, das weiß er genau. Kurz entschlossen drückt er auf den Schalter der Nachttischlampe. Der goldmatte Schein fällt auf einen kleinen Zettel, der schräg zwischen Lampe und Wecker steckte. Überrascht greift der Junge nach dem Zettel. Darauf steht, fein säuberlich mit Kleinjungenschrift geschrieben: »Nicht vergessen!!! Ich bin böse auf Mami und Papi!!!«

Das hat Schwerwiegendes zu bedeuten. Aber was? Er grübelt. Ach ja, natürlich. Sie hatten ihn mal wieder ertappt. Ertappt bei seiner großen Leidenschaft. Als seine Mutter gestern nach dem Abendessen zielstrebig zum Tiefkühlschrank ging, schwante ihm schon Böses. Nach ein paar Sekunden war es dann soweit. Sie öffnete die Tür, zog die mittlere Schublade heraus, griff die Schachtel mit dem Schokoladeneis, schubste mit einer schnellen Bewegung ihrer beiden Daumen den Deckel nach oben und dann, nachdem sie fassungslos mehrere Sekunden schweigend in die Schachtel hineingestarrt hatte, sagte sie, ohne jegliche Regung: »Oliver hat schon wieder das ganze Eis aufgegessen.«

Tatsächlich. Das hatte er. Er mag Schokoladeneis für sein Leben gern. Und am liebsten isst er den Inhalt einer ganzen Familienpackung hintereinanderweg. Es wird ihm überhaupt nicht schlecht davon. Im Gegenteil, er genießt jeden Löffel. Vom Anfang bis zum Schluss.

Das Ganze ist eine Zeremonie. Und es darf niemand zu Hause sein. Kein Mensch. Tollkühn schlendert er in die Küche, holt erst einen Suppenlöffel aus der Schublade und danach das Eis aus dem Tiefkühlschrank. Absoluter Höhepunkt dieses Vergnügens ist eine nagelneue, jungfräuliche Schachtel. Ganz langsam zieht er den gezackten Kartonstreifen auf der Längsseite auf, dann lässt er die Plastikschachtel aus der Hülle rutschen und betrachtet verliebt die auf dem Deckel abgebildeten prallen, dunkelbraunen Kugeln, die ihm vielversprechend entgegenlachen und höchste Sinnesfreuden ankündigen. Er kniet auf dem Stuhl, das Gesicht hängt über der Schachtel, und er zieht mit seinem kleinen Zeigefinger liebevoll die Konturen der Kugeln in der feinen Kondensschicht nach, während ihm ganz hinten an der Gurgel voller Vorfreude schon das Wasser zusammenläuft. Den Vollzug zögert er absichtlich ein wenig hinaus. Als kleines masochistisches Vorspiel sozusagen. Er wartet so lange, bis er es schier nicht mehr aushält und ungestüm den Deckel runterreißt.

Genüsslich taucht er den Löffel in das Objekt seiner Begierde und schabt im Zeitlupentempo dicke, fette Schokoladenspäne ab. Sie sehen aus wie Rosenknospen. Kalte, braune Rosenknospen.

Knospe für Knospe legt er auf seine Zunge und lässt mit geschlossenen Augen die zarte Masse im Munde zergehen. Dann presst er die körperwarm gewordene Soße mehrmals durch seine Zähne hin und zurück, saugt den Schokoladengeschmack durch alle Poren und schluckt schließlich das Ganze mit einem leisen Glucksen. Es ist grandios, einfach göttlich. Es ist das Schönste auf der Welt. Wenn er groß ist, wird er Besitzer einer Eiscremefabrik, das steht fest.

Tja, und dann ist die Schachtel irgendwann leer. Und nach dem Genuss kommt die Reue beziehungsweise das schlechte Gewissen. Auweia, das würde Ärger geben. Und damit dieser auf sich warten ließ, fiel ihm diese Superidee ein, die leere Schachtel wieder zurückzustellen – ganz so, als ob nichts gewesen wäre. Denn würde er sie in den Mülleimer schmeißen, käme ihm seine Mutter sofort auf die Schliche. Also besser ein paar Tage Galgenfrist.

Gestern Abend aber war es dann mal wieder soweit. Sein Vater sagte nichts, schaute ihn lange aufmerksam an und seufzte nur. Sein älterer Bruder dagegen brüllte aufgebracht: »Ich hau dir eine auf die Rübe, du Schwein!« und wollte schon zur Tat schreiten, als seine Mutter meinte, so könne es nicht mehr weitergehen, es müssten nun andere Seiten aufgezogen werden.

Und dann hatten sie gemeinsam ausgeheckt, dass er eine Woche lang nicht mehr Alf gucken dürfe. Das war gemein und traf ihn an genau der Stelle, die am meisten wehtat. Alf, das war sein geheimer Kumpel. Alf würde das mit dem Schokoladeneis total verstehen. Und außerdem stellte der auch dauernd irgendwelche komischen Sachen an. Oliver hockt dabei immer in dem dicken Ledersessel von seinem Vater und kichert vergnügt in sich hinein, wenn Alf seinen dicken, haarigen Finger mal wieder in einem Pudding versenken will.

Und jetzt hatten sie sich das Alf-Verbot ausgedacht. Das würde er ihnen nicht verzeihen. Und sie würden ihre wohlverdiente Strafe bekommen. Jawohl. Er würde auswandern. In ein Land, in dem es so heiß war, dass man die ganze Zeit Eis essen muss. Afrika war bestimmt prima geeignet dafür. In Afrika laufen alle fast nackt rum, weil es sonst keiner aushält vor Hitze. Das ist Olivers feste Meinung.

Schnell packt er seinen kleinen Rucksack mit dem Notwendigsten. Ein paar Tim-und-Struppi-
Heftchen, sein grünes Schweizer Messerchen, eine Rolle Kekse, mit Schokoladenfüllung natürlich, und Brummi, seinen Teddybär.
Er zieht sich an und geht zu seinem kleinen Schreibtisch, reißt ein Blatt aus seinem Rechenheft und schreibt in die Karos: »Ich wandere aus. Nach Afrika. Und ihr werdet mich ganz arg vermissen. Oliver.«
Den Zettel legt er mitten im Raum auf den Fußboden. Dann schleicht er auf leisen Sohlen durch den Flur zur Schlafzimmertür seiner Eltern. Sein Vater schnarcht in regelmäßigen Zügen. Alles in Ordnung. Er tappt die Treppe nach unten, zieht seinen grünen Anorak mit Tigerfutter an, setzt die Zipfelmütze auf, hängt sich den Rucksack auf den Rücken und verlässt das Haus. Dumpf klackt die Tür hinter ihm ins Schloss.

Wild entschlossen und mit großen Schritten tappt der kleine Kerl im diffusen Licht der Straßenlaternen in Richtung Bahnhof. Sein Atem verwandelt sich in kleine Wölkchen, die erst eine Weile seinem Kopf hinterher schweben, dann allmählich in der Dunkelheit verschwinden.

Wacker kämpft er gegen seine Angstgefühle an und marschiert mit tief in die Taschen seines Anoraks gebohrten Händen weiter, als er plötzlich eine schwere Hand auf seiner Schulter spürt und eine tiefe Stimme fragt: »Na, kleiner Mann, wohin denn schon so früh?«

Erschrocken bleibt er stehen und dreht den Kopf. Vor ihm steht ein Riese. Mit rotem Mantel, roter Zipfelmütze und langem weißen Bart.

Ojemine, der Nikolaus, fährt es Oliver durch den Kopf. Vorsichtshalber sagt er nichts und wartet ab, was passiert. Der Nikolaus kauert sich vor ihm hin und schaut ihn an. Seine Augen sind kaum zu sehen, weil die Brauen wie gewaltige Schneewechten darüber hängen.

»Was hast du denn vor … so früh am Morgen?«, fragt der bärtige Mann. »Kleine Jungs wie du liegen um diese Zeit normalerweise doch noch im Bett.«

Oliver windet sich und sucht nach einer plausiblen Erklärung. Leider fällt ihm keine ein, und er entscheidet sich, bei der Wahrheit zu bleiben.

»Ich wandere aus.«

»Soso … wohin denn?«

»Nach Afrika.«

»Soso, nach Afrika. Na ja, das kann ich verstehen – bei diesem Wetter. In Afrika ist es wenigstens warm.«

»Ja … und deswegen muss man dort immer Eis essen«, ergänzt Oliver, sehr erleichtert über so viel Verständnis.

»Wissen deine Eltern denn Bescheid über deine Auswanderungspläne?«

Schon wieder so eine unangenehme Frage. Unschlüssig schaut der kleine Kerl am Nikolaus vorbei ins Dunkel. »Och … ehm … vielleicht«, nuschelt er in den Rollkragen seines Pullovers.

»Du bist dir also nicht sicher?«

Dieser Nikolaus fängt an lästig zu werden. »Nein!« Trotzig bohrt der Junge seine Hände tiefer in die Taschen und zieht den Kopf in die Anorakmütze.

»Meinst du, deine Eltern freuen sich, wenn ihr kleiner Sohn so weit weg in einem fremden Land lebt?«
»Weiß nicht.«

»Hast du deine Eltern denn lieb?«

Darüber muss Oliver nachdenken.

»Hm … nicht immer!«

»Wann zum Beispiel denn nicht?«

»Wenn ich nicht Alf gucken darf«, purzelt es aus ihm heraus.

»Aha, verstehe. Was hast du denn angestellt?«

Oliver wundert sich. Woher weiß dieser Nikolaus, dass er was angestellt hat? Dann fällt ihm ein, dass der Nikolaus ja grundsätzlich über alles Bescheid weiß.

»Fast nichts«, brummt er.

Der Nikolaus lacht. Oliver grinst und erzählt ein bisschen verschämt die Geschichte von der leeren Eisschachtel. Der Nikolaus brüllt vor Lachen.

»Komm, wir gehen jetzt zu deinen Eltern. Wo wohnst du denn?«

Insgeheim sehr froh über den unerwarteten Abbruch seiner großen Reise, teilt Oliver dem Nikolaus seine Adresse mit, und gemeinsam stapfen sie in die Richtung, aus der er gerade gekommen war. Unterwegs malt er sich aus, was seine Mutter wohl sagen würde. Bestimmt würde sie schimpfen und einen Tag lang nicht mit ihm reden. Oder er müsste eine Woche lang jeden Mittag den Tisch decken. Oder den Hamsterkäfig sauber machen. Oder sein Zimmer aufräumen. Oder alles zusammen. Und Alf gucken war sowieso verboten. Aber trotzdem. Wer weiß, ob es ihm in Afrika überhaupt gefallen hätte. Und gefährlich wäre es auch gewesen – wegen der wilden Tiere. Löwen, Tiger und so weiter.

Während all diese Gedanken durch seinen Kopf schießen, sind sie auch schon angelangt. Durch das Küchenfenster dringt Licht. Olivers Mutter macht Frühstück, und der Nikolaus legt seinen behandschuhten Finger auf den Klingelknopf. Schnelle Schritte – dann steht sie vor ihnen, blickt verdutzt von einem zum anderen und stottert: »Eh … was ist denn hier los? Wo kommst du denn her?« Verwirrt schaut sie ihren Sprössling an, den sie offensichtlich noch nicht vermisst hat.

»Er wollte nach Afrika«, grinst der Nikolaus, und Oliver fängt an zu weinen.

»Nach Afrika?!«

Sie bückt sich entsetzt und legt die Arme um ihren Sohn. Der schluchzt herzerweichend und kuschelt sich an ihre Brust. Mittlerweile taucht auch der Vater auf. Mit Rasierschaum im Gesicht und nacktem Oberkörper steht er schlotternd im Türrahmen und versteht überhaupt nichts. Alle reden durcheinander und Oliver weint unaufhörlich vor sich hin.

Schließlich drängt der Nikolaus ins Haus und meint, man solle Oliver schlafen legen. Fünf Minuten später liegt der kleine Kerl in seinem Bett.

Die Arme fest um den Hals seiner Mutter geschlungen, schnuppert er das ihm vertraute Parfüm und flüstert in ihr Ohr: »Ich hab dich so lieb!«

»Ich hab dich auch lieb, du kleiner Ausreißer.« Liebevoll streichelt sie seine braunen Locken und lächelt ihn an.

»Gut, dass du nicht nach Afrika ausgewandert bist … du hättest mir doch sehr gefehlt.« Sie knipst das Licht aus und verlässt auf leisen Sohlen das Zimmer.

Oliver schläft innerhalb weniger Minuten ein, und ab und zu schlüpft das sonore Lachen des Nikolaus‘ aus der Küche in seine Träume.


Die Geschichte ist aus meinem Weihnachtsgeschichtenbuch “Advent, Advent …” Es gibt es als Taschenbuch, Ebook und Hörbuch in der Bücherstube von Edition Blaes.

weihnachtsgeschichten

Oliver und der Nikolaus

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