Zum 1. Advent: in Memoriam Mama
Meine liebe, kleine Mama,
morgen brennt zum zweiundzwanzigsten Mal die Kerze. Genau wie damals, als du am ersten Advent beschlossen hast, deinem Herzschlag Einhalt zu gebieten und alles hinter dir zu lassen. Deinen Mann, deine Kinder, deine Kochtöpfe, deine Wäsche, den Staub in deiner Wohnung, das Unkraut, das Gemüse und die Beeren in deinem Garten, deine schmerzenden Glieder, deine Müdigkeit, deine Medikamente, deine mit Krimskrams vollgestopften Schubladen, deine geheimen Verstecke mit den Leckereien für deine Enkel, die Vorabendserien im Fernsehen, die Pralinen aus dunkler Schokolade von ‘Feodora’, deine Singer-Nähmaschine, die sauer eingelegten Schwedenhappen aus der ‘Nordsee’, die Weihnachtsabende mit Salzkartoffeln, Sauerkraut und Weißwürsten in Polnischer Soße, die mühseligen Stufen vom Keller in den zweiten Stock, die Abende voller Lachen am Esstisch in der Küche, wenn Papa nicht da war, das schlechte Gewissen, wenn du mal wieder vergessen hattest, das Licht im Badezimmer auszuknipsen, deinen steifen Rücken, die lästigen Körnchen in deinem Gebiss, die Schwierigkeiten, aus der Wanne zu klettern, das Kuscheln mit mir auf dem Sofa, während wir uns die Vorabendserien reinzogen, das Unverständnis des Menschen, mit dem du fast fünfzig Jahre verheiratet warst, den Duft des Frühlings, die Kälte des Winters, die lauen Sommerabende bei Bärbel auf der Terrasse, die wunderbaren Gespräche beim Abendessen im ‘Alten Wirt’ im Glottertal, die Telefonate mit mir, die Patschhände deiner Enkelkinder …
Du weißt, es gäbe noch Seiten zu füllen mit dem, was du hinter dir gelassen hast. Und du hast es ganz bewusst getan. Du wolltest, dass alles vorbei ist. Und bei dem, was du hinter dir gelassen hast, war vor allem eines, deine Traurigkeit. Die leise Wehmut, die Melancholie, die Verletzungen deiner sensiblen, gefühlvollen Seele, die du ein Leben lang im Gesicht getragen hast, auch wenn es dir nicht bewusst war. Du hast immer versucht, sie für dich zu behalten. Warst fröhlich und hast gelacht. Hast dich nicht beschwert, wenn Papa dich gepiesackt und ungerecht behandelt hat, immer und konsequent in jeder Angelegenheit ein Haar in der Suppe gefunden hat, nie ein Lob über seine Lippen ließ, sich wegen missglückter Kleinigkeiten zornig und cholerisch wie Rumpelstilzchen aufgeführt hat. Immer hast so getan, als würde dich das alles nicht treffen. Aber es hat dich getroffen. Jedes Mal, genau am empfindlichsten Punkt.
Ich habe es immer bemerkt, du hast fast unmerklich gezuckt, und über dein Gesicht zog der Ausdruck, als hätte dich jemand gepeitscht. Ich habe dich gefragt, warum wehrst du dich nicht? Ach, hast du nur gesagt, so als wolltest damit ausdrücken, es sei die Sache nicht wert. Ich hab dir das aber nie abgenommen, und heute weiß ich, dass ich recht hatte. Ich habe oft die Tränen in deinen Augenwinkeln gesehen, die du auf alle Fälle vermeiden wolltest. Hast dich umgedreht, geschluckt und irgendeine Tätigkeit verrichtet, von denen es ja genügend für dich gab. Kartoffeln schälen, Essen kochen, Wäsche waschen, Staub wischen, in einem fünf-Personenhalt gibt es ja genug zu tun.
Die schönste Zeit für uns war, als Papa von einem Auto angefahren wurde, und er aufgrund gebrochener Knochen im Krankenhaus lag. Diese Monate ohne ihn waren paradiesisch. Für uns alle. Aber vor allem für dich und für mich. Bärbel war schon verheiratet und Manfred arbeitete. Und so konnte ich dich nach der Schule allein genießen, und das habe ich getan. Du hast es auch genossen. Voller Glück habe ich das beobachtet. Ausgelassen und fröhlich warst du. Hast das Radio bei „nigths in white satin“, diesem Lied von den Moody Blues, die wir so liebten, nicht leiser gedreht, so wie du es sonst immer getan hast, wenn Papa unverhofft rein kam, sondern hast mitgesummt und mich in die Arme genommen dabei. Die Erleichterung und das Glück kroch aus all deinen Poren. Das Objekt Deiner Angst, unserer Angst lag im Krankenhaus, weit weg.
Sonntags mussten wir ihn besuchen. Widerwillig haben wir das getan. Haben zwar nicht gesprochen darüber, aber ich weiß, dass es weder dir noch mir Spaß gemacht hat. Da lag er, in diesem, nach Desinfektionsmitteln riechenden fünf-Bett-Zimmer und schaute uns vorwurfsvoll entgegen. Seine braunen Augen blitzten unfreundlich, und am liebsten hätten wir ihm das Obst aufs Bett geknallt und wären wieder gegangen. Das haben wir uns aber nicht getraut.
Dieses Sich-Nicht-Trauen habe ich übrigens von dir gelernt. Und es ist weiß Gott nicht leicht, es nach und nach abzulegen. Jahre hat es gedauert, viele Jahre. Und vorbei ist dieser Prozess noch lange nicht. Immer wieder mache ich Dinge, die ich eigentlich lieber nicht machen würde. Mich aber nicht traue, die Wahrheit zu sagen. „Nein danke, ich bleib am Samstag Abend lieber zu Hause als zu euch zu kommen“. Zu diesem Ehepaar zum Beispiel, bei dem ich mich regelmäßig zu Tode langweile. Den ganzen Abend nur oberflächliches, dümmliches Geschwätz. Keiner sagt, was er wirklich denkt oder fühlt. Keiner fühlt sich wohl dabei, und trotzdem finden diese schrecklichen Abende einmal im Vierteljahr statt. Ich habe so oft mir vorgenommen, konsequent zu sein. Nein, von wegen. Ich gehe immer wieder hin, und es läuft immer wieder gleich ab. Ich lasse es einfach geschehen, so wie du die Dinge hast geschehen lassen.
Dein kleines Herz muss zum Schluss voller Narben gewesen sein. Kein Wunder, dass es so unregelmäßig geschlagen hat und du es am ersten Advent dann so leicht und endgültig anhalten konntest. Du hast deine Verletzungen nicht aus Scham für dich behalten, sondern aus Rücksicht. Weil du dich nie für wichtig genommen hast, obwohl du es warst. Du warst so unglaublich wichtig für uns, für mich. Ich liebte dich, und ich liebe dich auch heute noch.
Auf den Tag genau zweiundzwanzig Jahre ist es her, dass mein Kopf auf deinen Bauch lag und du mir mit deinen Händen sanft durch die Haare gefahren bist und wir beide darauf gewartet haben, dass deine Seele ins Abendrot schwebt. Du fehlst mir nach wie vor. Nicht mehr mit diesem unerträglichen Schmerz wie an jenem 1. Advend und auch nicht so schlimm wie der Zeit danach. In den langen Tagen, Wochen und Monaten. Ich glaubte schon, der Schmerz würde nie aufhören. Damals hat mir ein Freund eine Musik geschenkt, einfach so. Er wusste nichts von deinem Tod. Trotzdem war diese Musik Balsam für meine Wunden. Jeden Abend hatte ich sie auf den Ohren, im Kopfhörer meines Walkman. Sie entsprach so genau meinen Gefühlen. Während das Saxophon wimmerte und die Gitarren klagten, sah ich sah deine Seele durch die rauhreifbedeckten Tannenspitzenschweben, mitten hinein in den blauen, kalten Novemberhimmel, wo die Engel nur darauf warteten, dich auf weiche Wölkchen zu betten.
In jener Zeit habe ich sehr viel geweint, täglich, und jede Nacht von dir geträumt. In diesen Träumen hast du noch gelebt, und immer warst du todkrank, lagst im Krankenhaus aber ich hatte es vergessen. Hatte dich einfach vergessen. Es war schrecklich. Mitten im Traum wurde mir bewusst, dass es dich gibt, dass du noch lebst. Dass du in diesem vermaledeiten Krankenhausbett liegst und auf mich wartest. Ich konnte es nicht fassen, wie ich dich vergessen konnte, nicht begreifen, wie das passieren konnte. Rannte ins Krankenhaus, du lebtest noch. Mein Gott, war ich froh! Küsste dich, umarmte dich und wusste nicht, ob ich träumte ich oder wach war.
Es waren grausame Träume, und ich habe sie heute noch manchmal. Dann wache ich auf und bin sehr froh, dass du gut aufgehoben bist und du nicht vergessen von mir im Krankenhaus liegst. Aber es gibt auch Momente, außerhalb dieser Albträume, in denen ich an dich denke, in denen du mir ganz nah bist, ich mich in deine Arme kuschle, deine Finger auf meinem Gesicht spüre, mich vertrauensvoll in deinen Schoß versenke und wieder ein kleines Mädchen bin. Vermutlich wird das immer so sein. Solange, bis ich in so einem Bett liege, in dem du damals lagst. Nur wird mir nicht meine Tochter den Kopf auf den Bauch legen, weil ich keine Tochter habe. Nie eine wollte. Auch keinen Sohn. Ich wollte überhaupt keine Kinder. Ich wollte nicht erleben, was du erlebt hast. Ich wollte mich nie einem Mann unterwerfen. Von ihm abhängig sein. Nein, ich wollte meine Freiheit. Die habe ich nun, jeden Tag. Ob sie wirklich das ist, was ich wollte, das weiß ich nicht. Aber eine Tochter, die mir dann, wenn es so weit ist, den Kopf auf den Bauch legt, die wird mir bestimmt fehlen. +++











Liebe Renate, eine Geschichte die nachdenklich macht. Sie las sich wie ein Ausschnitt aus einer Autobiografie. Bei dem Teil über den Vater habe ich deine Geschichte im Geist verlassen und erlebte wieder, wie vor rund 50 Jahren in meiner Familie der Hausherr regierte.
Lieben Gruß zum Advent
von Bernd
“Regierte”, ja, das ist der richtige Ausdruck!
Herzliche Adventsgrüße zurück – von Renate
Liebe Freundin – Sätze, die zu Tränen rühren.Wenn ich das lese, wird mir wieder bewusst, wie dankbar ich sein kann, dass ich noch eine Mutti habe und um so mehr freue ich mich, dass ich das Weihnachtsfest mit ihr verbringe – ich umarme Dich Hermi
Liebe Renate,
während ich diese Zeilen schreibe, habe ich Tränen in den Augen und einen dicken Kloß im Hals. Deine Mama scheint ein totaler Familienmensch und eine starke, aufopferungsvolle und tapfere Frau gewesen zu sein, wie so viele damals und heute auch noch. Ich denke du bist genau die Tochter geworden, die sie sich gewünscht hat, ganz egal was man verbockt hat, ob man erfolgreich ist oder gerade so über die Runden kommt – eine Mutter liebt ihr Kind immer, auch wenn viele es vielleicht manchmal nicht so zeigen können.
Ich wünsche dir eine schöne und besinnliche Adventszeit,
Stephanie
Ja, liebe Hermi, eine Mama zu haben, ist Glück. Ich wünsche dir noch viele Jahre mit deiner Mama und deiner Mama wünsche ich eine stabile Gesundheit!
Liebe Stephanie, du hast Recht, meine Mama war eine prächtige Frau. Unglaublich bescheiden und sehr stark. Und sie hat für Menschen, die sie liebte, ihr letztes Hemd gegeben. Sie war extrem freigiebig und völlig selbstlos. Und dabei hat sie ihre eigene Mama schon mit 14 Jahren verloren und musste sich um ihre Geschwister (12 an der Zahl) kümmern. Die letzten Stunden mit ihr werde ich nie vergessen. Es waren “unsere” Stunden, die wir ungestört von anderen Familienmitgliedern verbringen konnten.
Lieber Gruß von Renate
Liebe Renate,
Feodora-Pralinen, Cabochard-Parfum, Singer-Nähmaschine – ist es nicht wundersam, dass Deine und meine Mama so vieles gemeinsam hatten? Noch erstaunlicher: Deine Träume voller Angst und Panik, ich kann sie so gut nachvollziehen, denn ich habe sie selbst auch so erlebt – und erlebe sie noch. Genau wie Du. Aber heute wache ich nicht mehr mit rasendem Herzklopfen und schweißgebadet auf, schmerzt es nicht mehr so körperlich, sondern fühlt sich an wie dunkler Samt, der mich und meine irrwitzigen Gedanken einhüllt, streichelt, wegbläst. Wie die liebenden Hände meiner Mama.
Mitr laufen gerade die Tränen übers Gesicht. Voller Wehmut, aber auch voller Zuversicht. Und es fällt mir ein Spruch meiner Oma ein: Immer wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her…
Heute ist erster Advent, heute brennt ein Lichtlein, das erste!
Melancholische Grüße
Karin
Liebe Renate…….ich habe geweint…. Deine Zeilen, sie haben mich ganz tief im Inneren berührt…..Es ist so schön, dass Du deine Gedanken mit uns teilst.
Alles Liebe
Lena
Hallo Renate,
deine Zeilen haben mich zu tiefst berührt,
mir geht es auch so wie Dir ,je älter ich werde umso mehr vermisse ich meine geliebte Mutter und meinen sehr geliebten Vater die mit 45 Jahren
durch einen Gasunfall im Jahre 1975 ums Leben kamen.
Besonders in der Adventszeit sind Sie mir ganz nah.
Meine 3 Geschwister und ich hatten ein sehr schönes und harmonisches Zuhause.
Übrigens habe ich das Buch schon 2 x gelesen.
Liebe Renate ,es grüßt Dich ganz herzlich und den geliebten Ammersee ,vielleicht sehen wir uns mal wieder
dort.
Machs gut meine liebe Renate
Sonja und ruhige Pol Gerhard
Liebe Freundinnen, herzlichen Dank für Eure liebevollen Kommentare.
Ganz lieber Gruß zurück – auch an den “ruhenden Pol” Gerhard :-))
Eure Renate