Zeit der Affenschaukeln
Monika Arcucci, ehemalige Kulturredakteurin beim ZDF und beim Bayrischen Rundfunk, hat ein ganz bezauberndes Buch geschrieben. “Zeit der Affenschaukeln” heißt die Autobiografie, die die wohlbehütete Kindheit eines kleines Mädchens in den Nachkriegsjahren beschreibt. Ich hatte das Vergnügen, Umschlag und Inhalt des Buches zu gestalten und dabei natürlich die wunderbare und sehr unterhaltsame Kindheitsgeschichte zu lesen – was sehr großen Spaß gemacht hat und mich oft zum Schmunzeln brachte – unter anderem weil die kleine Eva ein kluges, witziges und gefühlvolles Kind ist, das mit offenen Augen durch die Welt geht und Vieles wahrnimmt, das anderen Zeitgenossen gar nicht auffällt.

Hier ein Auszug aus dem ersten Kapitel des Buches, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte, weil es so gut, interessant, mit viel Humor und erstaunlicher Selbstbeobachtung geschrieben ist:
Eva war noch keine vier Jahre alt, als sie kamen. Sie saß an diesem Nachmittag auf der Wiese neben den eifrig pickenden Hühnern und versuchte, bei einem Regenwurm heraus zu finden, an welchem Ende sich der Kopf befand. Eine dicke, haarige Raupe hatte sie bereits genauer untersucht und festgestellt, wo ihr Gesicht und ihr Hinterteil sein mussten. Besonders interessierten sie die Gesichter der Kriechtiere. Bei Heupferden und manchen Käfern glaubte Eva ein Lächeln in deren Mimik zu erkennen. Eva saß gerne im Garten und besah sich alles, was da herumkroch. Sie war hoch konzentriert und keuchte wie eine alte Dampflock. Einmal war sie so beschäftigt mit ihren Entdeckungen gewesen, dass sie, ganz in Gedanken, den zu bestimmenden Käfer auf ihrer Hand in den Mund gesteckt hatte. Das machte sie immer mit Gegenständen, die sie mit den Augen und den Händen nicht begreifen konnte. Aber, dass sie das mit einem lebendigen Käfer getan hatte, war ihr sehr peinlich, das würde sie niemandem erzählen.
Plötzlich hörte Eva etwas, das sie aufschauen ließ. Es waren Tritte von vielen Füßen auf dem Kiesweg, der von der Fabrik zur Villa ihrer Eltern führte. Eine düstere Menschenschlange kroch da langsam an ihr vorbei. Sie sah hauptsächlich Frauen und nur wenige Männer, die in dunkler Wollkleidung an ihr vorbeistapften. Mit gesenkten Köpfen und kraftlosen Schritten schlurften sie vorwärts, keiner sah zu ihr hinüber. Die Gestalten wirkten dick und schwerfällig, denn sie trugen mehrere Kleidungsstücke übereinander und bei manchen umhüllte sogar noch eine Wolldecke die Schultern. Sie sahen unheimlich aus, diese schleppenden Gestalten, wie Unheil verkündende Geister.
Eva rannte los, überholte die ihr Angst einflößende Gruppe und landete in den Armen ihrer Mutter, die aus dem Haus geeilt kam, um den Menschen entgegenzutreten.
„Was sind das für Leute, Mami?“, stammelte Eva atemlos.
„Flüchtlinge Kind, Flüchtlinge aus Schlesien“, erwiderte Frau Zierer ernst.
„Was sind Flüchtlinge, Mami?“
„Menschen, die durch den Krieg ihre Heimat verloren haben“.
„Wo gehen die jetzt hin?“
„Sie bleiben hier, Eva. Ich muss sehen, wo wir sie alle unterbringen können.“
Damit wandte sich Frau Zierer der Gruppe zu, die jetzt vor ihr Halt machte und sich um sie scharte.
Erschöpfte, graue Gesichter sahen sie an.
Eva kroch in die Rockfalten ihrer Mutter und linste von diesem sicheren Ort vorsichtig hinaus. Ganz hinten, in der letzten Reihe der Flüchtlingsgruppe, erspähte sie etwas Helles, etwas Fröhliches. Zwischen all den traurigen Gestalten stand ein junges Mädchen mit einem blonden langen Zopf über dem Rücken. Sie hatte all die schweren Kleidungsstücke, die auch sie, wie die anderen, übereinander getragen hatte, ausgezogen und hielt sie nun als Bündel im Arm. Sie stand da, in einem duftigen weißen Sommerkleid mit blauen und rosa Margeriten. Es war ja fast schon Sommer, Juni, und die Sonne schien.
Eva zupfte an Mamas Rock: „Warum sind die alle so warm angezogen?“
„Sie tragen alles, was sie an Kleidern noch haben, am Leib. So sind sie leichter zu schleppen und die Hände bleiben frei für die Sachen, die sie sonst noch auf ihren großen Treck mitnehmen mussten“, antwortete Evas Mutter.
Nun aber wollte sich Frau Zierer um die Ankömmlinge kümmern. Um sich besser Gehör zu verschaffen, stellte sie sich auf die oberste Stufe der kurzen Treppe, die von der Küche ihres Hauses in den Garten führte. Sie trug ein rotes, leicht gemustertes Seidenkleid. So elegant, wie es war, stammte es sichtlich noch aus Vorkriegszeiten. Rot war Frau Zierers Lieblingsfarbe. Die puritanische Verwandtschaft ihres Mannes regte das auf.
„Mein Gott Lilly, was trägst Du nur für ein katholisches Fähnchen“, empörte sich immer wieder die bigotte, evangelische Schwiegermutter. Alles, wohinter Frohsinn und Lebensfreude zu vermuten waren, erschien ihr sündig und geschmacklos. Nur der galt in dieser ländlichen, durch und durch protestantischen Gegend als schicklich, der sich mausgrau kleidete, sich keinesfalls schminkte und farbloses, aschblondes Haar im Genick zu einem Knoten steckte. Evas Mutter war der alten Fabrikantensippe, in die sie eingeheiratet hatte, nur zu oft ein Dorn im Auge. Schon allein der Vorname „Lilly“ klang ihnen leichtsinnig. „So heißen in der Stadt die Bardamen“, schockierte man sich an Schwiegermutters Kaffeetafel. Solide Menschen trugen in ihrem Taufnamen kein kokettes i. Oma Zierer hatten die Eltern Alma genannt und ihre Schwester hieß Martha, das war gottgefällig.
Eigentlich war Lilly Zierers Name „Elisabeth“, aber schon als Kind hatten die Verwandten sie Lilly gerufen und dieser Name stand nun auch in allen wichtigen Dokumenten.
Lilly Zierer kam tatsächlich aus der Stadt, aber aus einer gut situierten Lehrerfamilie. Sie hatte Schick und war auffallend hübsch, südländisch hübsch. Evas Vater behauptete stolz in der Familie, sie stamme sichtlich von den alten Römern ab, den Gründern ihrer Geburtsstadt. Frau Zierer hatte üppige, kastanienbraune Locken, dunkle, glänzende Augen, eine zierliche, gerade Nase und einen feinen Mund. Sie trug stets Lippenstift.
„Ohne Lippenstift fühle ich mich nackt“, erklärte sie den darüber entrüsteten Tanten.
„In diesen Zeiten schminkt man sich nicht“, meinte die Schwiegermutter, „der Krieg ist gerade erst zu Ende, unser Vaterland liegt in Schutt und Asche, Millionen Menschen haben ihr Leben gelassen, da putzt man sich nicht heraus wie ein Pfau.“
Freilich, Lippenstift zu kaufen gab es 1946, in der unmittelbaren Nachkriegszeit, noch nicht, aber Frau Zierers Vorrat an alten Hülsen, aus denen sich immer noch ein Rest Rouge herauskratzen ließ, war unerschöpflich. Sie fand sie in Krimskramschubladen, in Manteltaschen, kleinen Kästchen, Porzellanschälchen und alten Handtaschen.
Lilly Zierer war schlank, aber keineswegs mager, wie ihre Schwiegermutter sie lieber gesehen hätte.
„Wer mager ist zeigt, dass er bescheiden lebt“, lautete einer der puritanischen Grundsätze der alten Frau Zierer.
Wenn Eva sich, so wie jetzt, an ihre Mama kuschelte, war diese weich und warm wie das geliebte Plumeau in ihrem Kinderbett. Sie fühlte sich beschützt und geborgen.
„Woher kommen Sie?“, hörte sie die feste Stimme ihrer Mutter fragen, und sie wickelte sich noch tiefer in die Falten des roten Sommerkleides ein.
„Aus Schönwies in Oberschlesien“. Einer der Männer war humpelnd vorgetreten, um alle Fragen zu beantworten. Er humpelte, weil er ein Holzbein hatte. Er sei im Krieg verwundet worden und man habe ihm das Bein abnehmen müssen.
Evas Mutter fragte in die Runde: „Wer von Ihnen kann gut mit Kindern umgehen? Ich könnte ein Kindermädchen für meinen Sohn und meine Tochter gebrauchen.“
Eva sah, wie ein kräftiges, rotwangiges Bauernmädchen mit kurzen, dunklen Zöpfen vortrat.
„Ich mag Kinder gern“, sagte sie mit frischem, gewinnendem Lächeln.
Eva gefiel das Mädchen sehr. Sie sagte, dass sie Ruth heiße und achtzehn Jahre alt sei.
„Ich kann auch noch jemanden für die Hausarbeit gebrauchen“, rief Frau Zierer und es meldete sich Ruths ältere Schwester Annemarie.
„Gut“, nickte Frau Zierer, „ihr beiden wohnt bei uns im Haus“.
Eva hätte gerne noch das Mädchen mit dem hellen Sommerkleid bei sich gehabt, sie war die jüngste Schwester der beiden anderen. Sie hieß Laura und war erst sechzehn Jahre alt, aber Frau Zierer meinte, soviel Platz gebe es nicht im Haus.
Ruth und Annemarie zogen in das Stübchen neben Evas Kinderzimmer und Eva war froh, die beiden in Hörweite zu wissen, denn sie hatte Angst beim Einschlafen. Zwischen ihrem Zimmer und dem Schlafzimmer der Eltern lag ein weiter Weg. Wenn sie einen bösen Traum hatte, musste sie, um zum schützenden Bett der Eltern zu gelangen, zuerst das Bad und dann das Zimmer des Bruders durchqueren. Dazu fehlte ihr nachts der Mut. Sie weinte lieber so laut, bis Vater oder Mutter kamen, um ihr die Ängste zu nehmen. Aber nun hatte sie ja unmittelbare Nachbarn und das war beruhigend. Eva war erleichtert und froh über die neuen Hausgenossen.
Wohin aber mit den übrigen Verwandten von Annemarie und Ruth? Die nach ihrem langen Treck hier angekommenen Schlesier sahen entkräftet und hoffnungslos aus. Eva hatte solche mutlosen Gesichter noch nie gesehen. Frau Zierer bat die restlichen Mitglieder der Familie Matthes, ihr zu folgen und sieben aus der Gruppe traten vor und schlossen sich Evas Mutter an. Es war ihnen egal, wohin Frau Zierer sie führte, sie waren müde und zu Tode erschöpft. Über Evas Furcht vor den vermummten Fremden siegte die Neugier. Sie suchte die Hand ihrer Mutter und lief wie ein Hündchen an der Leine neben ihr her.
Ziel war das große Gebäude auf dem nahe der Villa liegenden Fabrikhof der Firma „Zierer und Sohn“, ein klotziger Versorgungsbau. Es gab dort eine Werksküche, in der die Arbeiter der Fabrik ihr mitgebrachtes Essen aufwärmen ließen. Auch wurde ihnen hier bottichweise Kaffee gekocht, kein Bohnenkaffee, sondern „Muckefuck“, ein Kaffeeersatzgetränk aus Getreidemalz. Bohnenkaffee war unbezahlbar. Im Stockwerk über der Werksküche befanden sich die Waschräume und daneben ein großer Saal für Versammlungen. In der Pause saßen die Arbeiter hier an langen Tischen und nahmen ihre mitgebrachte, in der Werksküche aufgewärmte Mahlzeit ein. Eva hatte das Haus noch nie von innen gesehen und war jetzt sehr gespannt darauf. Frau Zierer führte ihre Schutzbefohlenen gleich in den zweiten Stock, da gab es eine Reihe von Zimmern. „Im Krieg“, so erklärte sie, „hatten wir hier die Zwangsarbeiter aus Italien, Frankreich und Russland untergebracht. Seit Kriegsende stehen die Zimmer leer“. Es waren ideale Räume, um die Flüchtlinge dort einzuquartieren.
„Papa“ und „Muttl“, so nannten die Schwestern ihre Eltern, zogen in den größten Raum. Es standen darin zwei eiserne, graue Armeebetten und ein farbloser Spind. Ein hässliches Zimmer, fand Eva. Sie lief zu den beiden Fenstern und sah hinaus. Unter ihr lag der Fabrikhof. Sie sah die rußgeschwärzten Gebäude der Hammerschmiede, die vielen Stapel Eisenstangen und die zum Versand fertigen Kisten mit der in der Fabrik hergestellten Ware. Dahinter erkannte sie die Dreherei und die Montagehalle, in die sie schon oft mit ihrem Vater, dem Chef der Fabrik, hineingegangen war. Als Frau Zierer die Fenster öffnete, um die muffige Luft zu vertreiben, hörte man sehr nah den ohrenbetäubenden Schlag des großen Gesenkhammers, dessen schwerer Fall jedes Mal die Erde erzittern ließ. Die Flüchtlinge erschraken. Zierers nahmen diese überlauten Hammerschläge längst nicht mehr wahr. Auch die Bewohner der näheren und weiteren Umgebung hatten sich an sie gewöhnt und die schlesische Familie würde den Lärm sicher auch bald nicht mehr wahrnehmen. Für Eva hatten die schweren Schläge sogar etwas Beruhigendes, sie gehörten ganz einfach zum Alltag. Solang der Hammer schlug, war alles so, wie es immer war, eben normal. Doch in die Schmiede ging sie nicht gerne. Ihr Vater nahm sie manchmal an der Hand zu einem seiner täglichen Kontrollgänge mit. Die Schmiede gefiel Eva nicht, die war ihr in der Nähe zu laut, da musste sie sich die Ohren zuhalten. Auch ängstigten sie die großen Feuer neben den Hämmern, in denen das Eisen zum Glühen gebracht wurde.
Frau Zierer wollte es den Heimatvertriebenen etwas gemütlicher gestalten, deshalb ließ sie von ihrem Dachboden ein Möbelstück holen, von dem es hieß, es habe einst der Schwester des letzten deutschen Kaisers gehört. Es war ein über und über vergoldetes, reich durch Schnitzwerk verziertes Nachtschränkchen. Es wurde zwischen die grau gestrichenen Militärbetten gestellt und wirkte dort so deplaziert, wie eine Prinzessin im Schweinestall. Eva staunte über das auffällige Möbelstück. Lilly Zierer war es einige Jahre zuvor von einer jüdischen Freundin zur Aufbewahrung überantwortet worden. Esther Grünbaum hatte alle Schätze aus ihrem gut sortierten Antiquitätenladen im Bekanntenkreis verteilt, sie wollte sie zu gegebener Zeit wieder abholen. „Wenn das alles hier vorbei ist“, hatte sie voll Zuversicht gesagt. Dann war sie nach Holland geflohen. Sie hatte ihr Leben nicht retten können. Als die Gestapo an ihre Tür kam, sprang sie aus dem Fenster in den Tod.
Frau Zierer hatte also das hinterlassene Schränkchen auf den Dachboden verbannt, weil es sich in die schlichte, elegante Einrichtung ihres Hauses nicht einfügen ließ. Nun bekam das, mit preußischem Adler und Kaiserkrone überladene, goldene Möbelstück eine neue Aufgabe. Papa und Muttl bargen in ihm die wenigen, von zu Hause mitgebrachten Schätze. Eva durfte sie später, nach dem Einzug der Flüchtlinge, anschauen und bewundern. Da waren ein paar Fotos von dem Bauernhof, der ihnen in Schlesien gehört hatte, das Gebetbuch, ein Rosenkranz und einige Spitzen umhäkelte Taschentücher. Schmuck und Silber waren zurückgeblieben. Alle wirklich wertvollen Gegenstände lagen in der Heimat, im Garten vergraben und sollten dort auf die baldige Rückkehr ihrer Besitzer warten.
Das Zimmer neben Papa und Muttl bezogen Laura, die jüngste der drei Matthes-Schwestern und Tante Mathilde. Tante Mathilde, eine magere alte Jungfer mit schwarz gerahmter Brille und kleinem, dunkelbraunem Haarknoten im Genick, war Papas Schwester. Sie wirkte streng und sehr fromm, nicht zuletzt wegen des auffälligen Holzkreuzes, das sie, wie eine Nonne, auf ihrer schwarzen Kleidung trug. Eva fand, dass sie Ähnlichkeit mit Kasperls Großmutter in einem ihrer Bilderbücher hatte, nur war ihr Ausdruck nicht so gütig. Eva hielt vorsichtshalber Abstand von Tante Mathilde.
Die nächsten beiden Räume sollte Tante Lisbeth, die Witwe von Papas gefallenem Bruder, mit ihren beiden Kindern, der siebzehnjährigen Tochter Hedwig und dem achtzehnjährigen Sohn Hermann bewohnen.
In jedem der Zimmer stand eine Waschschüssel mit dazugehörigem Wasserkrug.
Frau Zierer versammelte die kleine Schar aufs Neue, um ihnen die übrigen Räumlichkeiten zu zeigen. Die Toilette für alle befand sich draußen, im Zwischenstock. Es war ein finsteres Örtchen. Die nackte, an der Decke hängende Glühbirne, war immer noch schwarz-blau angemalt. Sie stammte aus den Zeiten der Verdunklung, in denen wegen der feindlichen Fliegerangriffe nachts kein Fenster erleuchtet sein durfte.
Im Keller der Werksküche gab es eine Waschküche mit verschiedenen Trögen und einer großen Zinkwanne. Die Familie würde hier jeden Samstag ihr Bad nehmen.
Frau Zierer war zufrieden. Es war ihr gelungen, einer neunköpfigen Familie auf ihrem Anwesen eine ordentliche Bleibe zu verschaffen. Um die übrigen Flüchtlinge der Gruppe kümmerte sich die Gemeinde.
„Jetzt gilt es noch Arbeit und Aufgaben zu verteilen. Die Leute müssen doch Gelegenheit erhalten, Geld zu verdienen, um sich Essen und Kleidung besorgen zu können“, erklärte Frau Zierer ihrer kleinen Tochter, die ihr überall hin gefolgt war. Muttl wurde Chefin der Werksküche, einem großen, weiß gefliesten Raum mit einem Herd, der so lang war wie zwei hintereinander stehende Betten, einem ebenso großen Tisch, an dem die Familie die Mahlzeiten einnehmen konnte und einem Spülbecken, in dem vier Kinder von Evas Größe leicht Platz für ein Bad gefunden hätten. Muttl war zierlich und klein. Wenn sie am Herd stand, sah sie aus wie Zwerg Nase in der Küche des Herzogs. Die großen Kannen, die sie mehrmals täglich, mit Hilfe von Tochter Laura, in die Betriebsgebäude schleppte und dort in Warmhaltekanister umfüllte, waren sehr schwer, aber Muttl gab nie auf. Sie war zäh, und Pflichterfüllung war ihr oberstes Gebot.
Papa Matthes und der Mann mit dem Holzbein, der inzwischen in einem Behelfsheim im nächsten Dorf untergebracht worden war, bekamen von Herrn Zierer die Stellung des Fabrikpförtners. Sie schoben abwechselnd Tag- und Nachtwache in der winzigen Holzhütte neben dem Fabriktor, in der nur Platz für den Schreibtisch und den ewig bullernden Kanonenofen war. Papa Matthes, der in seiner Heimat Bauer gewesen war und auf den Feldern in freier, weiter Natur gearbeitet hatte, litt anfangs sehr unter der Eintönigkeit seiner Aufgaben als Fabrikpförtner. Er gab Schlüssel aus und sammelte sie später wieder gewissenhaft ein. Er öffnete und schloss das große Fabriktor und hatte zu notieren, wer anwesend, noch nicht da oder schon weg war. Was aber hätte er sonst tun sollen, er hatte ja nichts anderes als Landwirtschaft gelernt und hier gab es nur Wälder und enge Flusstäler, in denen sich, wegen der dadurch vorhandenen Wasserkraft, Industriebetriebe angesiedelt hatten.
Tante Mathilde wurde von Frau Zierer mit der Pflege des großen Gartens betraut. Vor dem Haus, die Straße entlang, erstreckte sich der Blumen- und Ziergarten mit seinen weißen Kieswegen, den Staudenrabatten und dem Steingarten. Auf der anderen Seite des Hauses dehnte sich der viel wichtigere Nutzgarten bis zum Beginn der Fabrikgebäude aus. Tante Mathilde, mit ihrer betonten Gottgefälligkeit, war geradezu ausersehen, in der Natur zu wirken und die Schöpfung zum Blühen und Gedeihen zu bringen.
So schickte Frau Zierer endlich den alten Holzenberg, der diesen Posten bisher inne hatte, in Pension. Sie tat es mit großer Erleichterung, denn mit ihm verschwand nun auch die Jauchekelle, die Zierers immer ein Dorn im Auge gewesen war. Das makabere Ding bestand aus einem Stahlhelm der deutschen Wehrmacht, den der alte Holzenberg an einen Besenstiel genagelt hatte. Eva sah gerne zu, wenn der Gärtner hinterm Haus die Versitzgrube öffnete und mit dem Stahlhelm die stinkende Brühe in einen Zinkeimer schöpfte.
Das 139-seitige Buch kostet 10 Euro, und man kann es signiert und gern auch mit Widmung direkt bei Monika Arcucci bestellen.
m.arcucci[at]t-online.de
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