Wunder über Wunder … Neues von der Literaturagentur Axel Poldner
Vor vielen Jahren, als meine Ahnungslosigkeit und Naivität noch ein bisschen größer waren als heute, nahm ich Kontakt auf zu der “Literaturagentur Poldner”. Die hatte ihr Firmendomizil damals in München und suchte jeden Samstag unter der Rubrik “Verschiedenes” in der SZ nach unverbrauchten Literaturtalenten. In diesem Zusammenhang wurden auch die hervorragenden Kontakte zu namhaften Verlagen erwähnt.
Seinerzeit hatte ich mein Kurzgeschichtenbüchlein “Liebe und andere Gefühle” ganz frisch bei BoD veröffentlicht und dachte mir, dass sich dafür auch ein Verlag interessieren könnte. Aber wie nimmt man (ich) Kontakt zu so einem Verlag auf? Ja, natürlich – über eine Literaturagentur. Mir fiel diese Anzeige in der SZ ein, ich suchte die Telefonnummer raus, rief bei der Agentur Poldner an und hatte umgehend einen Termin und zwar mit dem Chef höchstpersönlich.
Dieser Chef, Axel Poldner, begrüßte mich überschwänglich und warf einen Blick in mein BoD-Büchlein. Dieser Mann ist schließlich ein Literaturprofi, und brauchte deshalb nur wenige Seiten des Büchleins zu überfliegen um sich eine fundierte Meinung zu bilden. Und die Meinung war positiv. Ja, Herr Poldner war sehr beeindruckt. Ich sei literarisch sehr begabt, meinte er, fast schon ein Ausnahmetalent. Welcher Autor hört so was nicht gern – vor allem aus dem Mund eines Profis.
Also, Herr Poldner war sich sehr sicher – für dieses Werk würde er in Nullkommanix einen Verlag begeistern können. Ich war ebenfalls begeistert! Doch bevor er mit diesem oder jenem bekannten Verlag sprechen würde, bedürfe es noch eines klitzekleinen Lektorats – das würde eine(r) seiner Angestellten übernehmen. Für preiswerte 1.000 Mark. Na, das war doch ein Schnäppchen, für dessen Erwerb ich postwendend einen Vertrag unterschrieb.
Es dauerte nicht lange, und das Büchlein war lektoriert. Da ein Wörtchen getauscht, dort ein Satzteil ein bisschen umformuliert oder verschoben. Es waren wirklich nur bedeutungslose Winzigkeiten. Na ja, kein Wunder bei meinem literarischen Talent…
Nun konnte (und wollte) sich Herr Poldner – höchstpersönlich – auf die Suche nach einem passenden Verlag machen, schließlich hatte er die allerbesten Kontakte. Doch dieses Unterfangen schien doch nicht so einfach zu sein wie vermutet, denn ich hörte über viele Monate nichts von ihm. Ich rief an, Herr Poldner war auf Geschäftsreise. Ein paar Wochen später rief ich wieder an, Herr Poldner war schon wieder (oder immer noch) auf Geschäftsreise. Ich bat um Rückruf und bekam nach irgendwann auch einen – auf Dauer kann man sich halt nicht verleugnen lassen. Leider, leider, so meinte Herr Poldner mit allergrößtem Bedauern in seiner Stimme, gestalte sich die Verlagssuche doch nicht so einfach wie gedacht, aber er bleibe am Ball. Da könne ich ganz sicher sein. – Ich war mir mittlerweile sicher. Sehr sicher sogar. Allerdings bezog sich das nicht auf seine Bemühungen in Sachen Verlagssuche, sondern darauf, dass vorschnell 1.000 Mark berappt hatte. Na ja, ich verbuchte sie als Lehrgeld.
Die Jahre zogen ins Land, und mittlerweile hatte eine andere Literaturagentur Kontakt zu dem renommierten Verlag “Schneekluth” hergestellt, der meinen ersten Roman “Augen auf und durch” veröffentlichte – als Hardcover! Und ich brauchte auch nichts für das Lektorieren des Manuskriptes bezahlen, weil diese Aufgabe die Literaturagentur übernahm – weil die einen diesbezüglichen Vertrag mit dem Verlag hatte. Ansonsten übernehmen verlagsinterne Lektoren diese Aufgabe. Statt einer Kostenrechnung fürs Lektorat bekam ich einen Vorschuss vom Verlag – abzüglich 15 % Provision für die Agentur, was ebenfalls üblich ist. Das Honorar kann auch 10 oder 20 Prozent betragen. Das ist von Agentur zu Agentur unterschiedlich.
“Augen auf und durch” erschien dann auch noch als Taschenbuchausgabe bei Droemer Knaur, und bei Schneekluth erschien zwei Jahre später mein zweiter Roman “Die Klügere denkt nach”, wieder als Hardcover (später als Taschenbuch bei Bastei Lübbe). Mein dritter Roman “Post von Dornröschen” schließlich erschien als Taschenbuch beim S. Fischer Verlag (nicht zu verwechseln mit dem Zuschussverlag R. G. Fischer!). Für das Lektorat bezahlte ich alles in allem keinen Pfennig, bekam stattdessen jedes Mal 50 % Vorschuss auf das Honorar bei Vertragsabschluss – was auch üblich ist. Abzüglich der Agenturprovision natürlich.
Im Jahr 2007, viele Jahre nach dem Kontakt mit Poldner, bekam ich überraschenderweise Post – von Herrn Poldner. Gut Ding will Weile haben, so schrieb der ambitionierte Agent in dem Brief, und er habe nun endlich einen Verlag für meine Kurzgeschichten gefunden. Listigerweise wollte er den Namen nicht verraten. Aber es handle sich um einen “richtigen” Verlag, so viel zumindest ließ er verlauten. Na, das war dann doch beruhigend – wenigstens ein “richtiger” Verlag, und kein falscher…
Weil nach so vielen Jahren des Stillstands nun Eile geboten war, lege Herr Poldner auch gleich einen Vertrag bei. Aber nicht einen Vertrag mit dem Verlag, sondern einen Vertrag mit der Agentur Poldner.

Preiswerte 1.900 Euro für “im Zusammenhang mit der Publizierung anfallende Gesamtkosten” + Mehrwertsteuer, was summa summarum 2.261 Euro ergibt. Als Honorar wurden mir 12 Prozent vom Ladenpreis des Buches angeboten.
Dazu muss man nun noch ein bisschen rechnen. So ein Kurzgeschichtenbüchlein darf maximal 7,95 Euro kosten, weil der Markt nicht mehr hergibt für ein 110-Seiten-Büchlein. 12 Prozent von 7,95 Euro sind 95 Cent. Um die oben genannten 2.261 Euro wieder reinzukriegen, müssen also rund 2.386 Bücher verkauft werden. Dabei hätte ich aber noch keinen Cent Gewinn, sondern lediglich die Kosten ausgeglichen. Aber selbst zweitausend Bücher verkaufen sich nicht so schnell (ein Bestseller beginnt heutzutage übrigens bereits bei 5.000 verkauften Büchern).
Ich habe mir das Angebot aufmerksam durchgelesen und dann Herrn Poldner angerufen, der erstaunlicherweise nicht auf Geschäftsreise war. Ich wollte von ihm wissen, warum denn im Voraus so hohe Kosten auf mich zu kämen, zumal ich ja schon für das Lektorat des Büchlein 1.000 Mark berappt habe. Tja, das läge daran, dass ich eine völlig unbekannte Autorin sei und der Verlag (er nannte immer noch keinen Namen) auf Nummer sicher gehen wolle.
Den (süffisanten) Hinweis auf meine angeblich doch so hohen literarischen Qualitäten verkniff ich mir, stattdessen erzählte ich Herrn Poldner, dass ich durchaus keine unbekannte Autorin mehr sei, sondern drei Romane veröffentlicht hätte und zählte ihm die Verlage auf, bei denen sie erschienen waren. Diese Information verschlug Herr Poldner für kurze Zeit die Sprache und diese Zeit nutzte ich dafür, ihm mitzuteilen, dass ich keinen Wert auf eine Vermittlung durch seine Agentur lege und drückte das Ausknöpfchen am Telefon.
Und, was soll ich sagen? Bekomme ich doch zwei Tage später einen Brief von Herrn Poldner, in dem er mir “bestätigt”, weiterhin nach einem Verlag für meine Kurzgeschichten zu suchen. Diesen Brief habe ich kurzerhand aufs Fax gelegt – mit dem deutlichen Hinweis, dass die “Zusammenarbeit” mit seiner Agentur für mich erledigt ist.
Ich dachte, damit sei Ruhe. Falsch gedacht!
Heute, schlappe zweieinviertel Jahre später, bekomme ich erneut einen Brief von Herrn Poldner.
Dieser unermüdliche Mann hat doch schon wieder einen Verlag entdeckt, der großes Interesse an meinen Kurzgeschichten zeigt. Und – man höre und staune – mein neues Buch könne bereits in diesem Herbst erscheinen, pünktlich zur Buchmesse im Oktober.
Das bedeutet also, dass der (wieder nicht mit Namen genannte) Verlag derart großes Interesse an meinem Buch hat, dass er sämtliche Produktions- und Verlagsprogramm-Rekorde bricht und mein Buch in nur drei Monaten auf den Markt bringt (normal sind zwei Jahre, Minimum ist mindestens ein Jahr!) und bereits im Juli mit der Werbung dafür beginnen möchte. Im Juli. Juli, das ist der Monat, der nach dem Juni kommt … also in rund einer Woche.
Da sage doch einer, es gäbe keine Wunder mehr. Zumal ich die Zusammenarbeit mit Poldner ja zweifach gekündigt habe. Einmal mündlich, einmal schriftlich. Doch dieser Herr Poldner scheint von meinen literarischen Fähigkeiten derart überzeugt zu sein, dass er einfach nicht locker lässt. Ich sage ja, es gibt doch immer wieder kleine Wunder – was wieder mal mein Lebensmotto bestätigt: Man muss mit allem rechnen, auch mit dem Positiven.
Ach ja, es versteht sich von selbst, dass ich den Vertrag nicht unterschrieben habe.
Nachsatz am 6. September 2010:
Am 4. September 2010 habe ich per Einschreiben mit Rückschein von einem Poldner-Anwalt eine “Unterlassung” bekommen. Aufgrund derer hat mein Anwalt mir geraten, die Kommentare zu diesem Beitrag zu löschen.
Es handelte sich um rund 100 Kommentare von Autoren und anderen Zeitgenossen, die ähnliche Erfahrungen geschildert haben.
Dieser Beitrag ist für Kommentare geschlossen. Wer mir schreiben möchte, kann das per Email machen.
info[at]renateblaes.de














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