Verfall der Marktpreise

Vor ein paar Tagen bekam ich eine Einladung zu einem Fotowettbewerb. Initiator ist eine große Firma – auf der Suche nach dem ultimativen Foto. Thema: der Einfluss moderner Technologie auf unser Alltagsleben. Es wurde dabei deutlich formuliert, dass eine hochwertige Fotomontage erwartet wird.

Nun weiß jeder, der sich ein bisschen mit Bildbearbeitung auskennt, dass eine gute Fotomontage sehr aufwändig ist und viel Arbeit bedeutet. Dabei können locker einige Tage drauf gehen. Außerdem muss sich der Fotograf erstmal überlegen, mit welchen Motiven er das anspruchsvolle Thema überhaupt umsetzt. Wenn er das weiß, braucht er hochwertiges Equipment und fotografisches Know how und letztendlich sehr gute Kenntnisse in “Phototoshop” für die Montage als solche.

Der Gewinner des Wettbewerbs bekommt 1.000 Euro Honorar. Dafür muss er dann sämtliche Rechte an dem Foto abgeben. Sämtliche Nutzungsrechte! Die Firma darf mit diesem Foto dann also den gesamten Globus bewerben – mit allen zur Verfügung stehenden Medien.

Früher, zu Zeiten der analogen Fotografie, kostete ein Foto bei einer Bildagentur, das für eine Broschüre verwendet wurde, so um die 300 bis 1.000 Mark, je nach Größe des Fotos und Umfang und Auflage der Broschüre. Wurde sie weltweit und in verschiedenen Sprachen eingesetzt, stieg das Honorar entsprechend. Das Honorar war – wie gesagt – für eine einzige Broschüre.

Heutzutage allerdings ist das anders. Jeder Hinz und Kunz stellt seine Fotos ins Netz, viele davon kosten gar nichts, andere ein paar Euro. Und genau das ist der Grund für dieses unverschämte Ansinnen, für eine professionelle Fotomontage 1.000 Euro zu zahlen, mit allen Nutzungsrechten! Zeitgenossen, die ihre Kreationen verschenken oder verscherbeln, verderben damit die Marktpreise und schaden nicht nur anderen, sondern letztendlich sich selbst. Darüber sollten sie mal nachdenken.

Und Auftraggeber, die sich ein Loch in den Bauch freuen, so billig (im doppelten Sinn des Wortes) an professionelle Fotos zu kommen, sollten mal darüber nachdenken, wie es wäre, wenn sie ihre eigenen Produkte auch zu solchen “Sonderkonditionen” verschleudern müssten, zum Beispiel einen Mittelklassewagen für 1.000 Euro. Denn bei oben erwähntem Projekt liegt das marktübliche Honorar für ein Foto, das weltweit und in sämtlichen Medien eingesetzt wird, so um die 30.000 bis 50.000 Euro, kann durchaus auch höher sein. Zumindest war das so, als die “Kreativen” sich noch nicht gegenseitig mit Schleuderpreisen das Wasser abgegraben haben.

Aber in Zeiten der 1-Euro-Jobs sind Schleuderpreisehonorare wohl normal.

Nachsatz: Bei so einem Wettbewerb gibt es normalerweise einen ersten, einen zweiten und einen dritten Preis. 97 Prozent der Teilnehmer gehen also völlig leer aus und haben für die Katz gearbeitet. Auftraggeber und Jury allerdings haben ein Füllhorn von Ideen zur Verfügung. Und zum Thema Urheberrechte schreib ich ein anderes Mal, denn das ist eine Sache für sich. Und mindestens genauso ärgerlich ist es, wie damit umgegangen wird, beziehungsweise wie leicht sie umgangen werden.

3 Antworten auf Verfall der Marktpreise

  • Bernd sagt:

    Liebe Renate,
    eine interessante Aufklärung über eine Branche, die mir völlig fremd ist. Nun ist es mir klar, warum es solchen Inflation von Fotowettbewerben gibt.
    Liebe Grüße
    HD und Bernd

    (wir sind leicht geschafft, hat uns das Schicksal nun seit neun Tagen eine vierjährige Dezibelschleuder auf den Hals geschickt)

  • Renate sagt:

    Dezibelschleuder – das ist ja ein köstlicher Ausdruck. Ich hoffe, Ihr habt auch Freude an dem lautstarken “Produkt” … ;-)

    Liebe Grüße – von Renate

  • Pingback: Fotohonorar – Nutzungsgebühr :

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