Seit dem letzten Herbst hatte sich so viel verändert. Nachdenklich saß er in seinem Schaukelstuhl in der Loggia, hing seinen Gedanken nach und schaute den Rauchwölkchen seiner Pfeife hinterher.
“Die Scheiben sollten auch mal wieder geputzt werden“, dachte er und fragte sich, ob er überhaupt jemals diese Scheiben geputzt hatte. Nein, hatte er nicht. Scheibenputzen hatte genauso zu Ellis Aufgaben gehört wie alles, was mit Haushalt zu tun hatte. „Du verdienst das Geld“ und ich kümmere mich ums Haus“. Das waren Ellis Worte gewesen, wenige Tage nach der Hochzeit. Er hatte die Worte mit Freude vernommen, denn Bügeln, Waschen und all der andere Hausfrauenkram, wie er diese Beschäftigungen abschätzig nannte, waren ihm schon immer lästig. In der Studenten-WG war ihm nichts anderes übrig geblieben, weil dort die Aufgaben paritätisch verteilt gewesen waren, allerdings von allen WG-Bewohnern sehr lässig erledigt wurden. Ab und zu hatte auch eine seiner Freundinnen sich erbarmt und zum Feudel gegriffen, aber oft, normalerweise eigentlich, hatte es in der Studentenbude ausgesehen wie „bei Hempels unterm Sofa“, so die Worte seiner Mutter.
Er hatte ihr die Rüge nicht krumm genommen, sondern gegrinst und sich seinem Studium gewidmet. Betriebswirtschaftslehre. Er hätte zwar lieber Musik studiert, sein Vater aber meinte, das sei eine brotlose Kunst. Da er Konfrontationen grundsätzlich aus dem Wege ging, hatte er sich nach kurzem Widerstand in der betriebswirtschaftlichen Fakultät immatrikuliert.
Im Nachhinein hatte die Folgsamkeit ihr Gutes, denn in seinem Semester war Elli. Blond und hochgewachsen. Eine Augenweide mit blauen Augen und Rehbeinen. Er brauchte nicht lange um sie zu werben – nach fünfzehn Monaten führte er sie zum Altar. Unterm Brautkleid wölbte sich ein Bäuchlein. Danach kümmerte sie sich den Haushalt und er sorgte für das Einkommen der bald vierköpfigen Familie, als Controller bei einem Automobilhändler.
Die von Elli vorgeschlagene Aufgabenteilung brachte sie ohne Auseinandersetzungen durch insgesamt 49 gemeinsame Jahre, und die Ehe wurde Freunden und Nachbarn als glücklich bezeichnet. Auch die beiden Kinder bereiteten keine Probleme. Wenn man ihn fragte, was selten geschah, dann sagte er „ja, ich bin glücklich“. Insgeheim fragte er sich, ob er tatsächlich glücklich war und kam zu der Antwort, dass er zumindest zufrieden war. Und mit dieser Erkenntnis war er auch zufrieden.
Wenige Wochen vor der Goldenen Hochzeit starb Elli. An einem sonnigen Septembertag. Weil die Kinder längst aus dem Haus waren, kochte er von da an selbst. Allerdings kann man das, was er in seiner Küche verrichtete, nur mit Wohlwollen als kochen bezeichnen. Meistens macht er sich irgendetwas warm. Tiefkühlkost oder Wiener Würstchen. Er liebte Wiener Würstchen. Er dippte sie in mittelscharfen Senf, aß eine Scheibe Graubrot dazu und war zufrieden.
Auf der Suche nach einem Buch entdeckte er dann ein Kochbuch im Regal. „Italienische Küche leicht gemacht“, so lautete der Titel, und nach wenigen Wochen bereits zauberte er ein Tomatensößchen vom Allerfeinsten. Er liebte es, zu experimentieren. Ein Hauch Knoblauch mehr als im Rezept angegeben, statt normalem Basilikum das mit Zitronenaroma, im Mörser zerstoßener Pfeffer, ein Schlückchen Barolo – er hatte einfach ein Händchen fürs Kochen.
Zur selben Zeit entdeckte er seine Leidenschaft fürs Bügeln. Bislang hatte er seine Hemden klatschnass aufgehängt, ums sich die Arbeit mit dem Bügeleisen zu sparen. Doch als er von Freunden in die Oper eingeladen wurde, blieb ihm nichts anderes übrig, und kurze Zeit später konnte er stolz auf sein perfekt geplättetes Oberhemd blicken. Kein Fältchen war zu sehen. Danach zählte Bügeln zu seinen Hobbys.
Mit dem Saubermachen verhielt es sich ähnlich. Als seine Katze eines Tages unterm Sofa hervor kroch – die Schnurrhaare mit Wollmäusen verziert, ging er kurz entschlossen in den Keller um den verstaubten Staubsauger rauszukramen. Ein Mikrofasertuch tat sein Übriges und nach nur einem Tag verwandelte er das dreistöckige Haus vom Keller bis zum Dachzimmerchen in ein schmuckes Anwesen. Jede Hausfrau hätte ihm Respekt gezollt.
Am Himmel zogen dunkle Wolken auf und kurze Zeit später regnete es. Die Tropfen schlängelten sich die verstaubten Scheiben hinunter und hinterließen schmale Spuren. “Morgen werde ich die Fenster putzen”, dachte er. Dann legte seine kalt gewordene Pfeife in einer Tonschale ab, hievte sich aus dem Schaukelstuhl, schlenderte gut gelaunt ins Wohnzimmer und klappte den Deckel seines Klaviers auf. Das Instrument war seine neueste Errungenschaft, und den Flohwalzer bekam er schon ganz prima hin…
Die Geschichte ist Teil von Donnas Schreibprojekt.









meine güte, der mann hat hobbys! natürlich ganz wunderbar geschrieben.
lg
ingrid
Na, das sind ja revolutionäre Veränderungen!!! Es macht ganz viel Spaß, deine Geschichte zu lesen – den Flohwalzer höre ich fast bis hier. Wer weiß, was ihm noch alles einfällt…
Danke, dass du wieder mitgeschrieben hast.
Ein schönes Wochenende wünsche ich dir – liebe Grüße von Donna
Zuerst dachte ich, die Geschichte ist traurig,(eben so eine etwas trostlose lange Ehestory) aber der Schluß gefällt mir richtig gut.
LG, Petra
Ob man ihn ausleihen kann, diesen Hobbymann? Und doch, ich finde die Geschichte auch einen Hauch von ‘traurig’ denn seine Elli war sicher auch nicht glücklisch, sondern ‘nur’ zufrieden (obwohl das ja auch was ist). Aber vielleicht hätte es ihr gefallen, wenn er auch einmal für sie etwas gezaubert hätte.
Eine Emanzipationsgeschichte mal von der anderen Seite aus gesehen – sie gefällt mir sehr gut!
Danke und liebe Grüsse,
Brigitte
Na also. Geht doch. :-)
“Was Hänschen nicht lernt,
lernt Hans nimmer mehr”
wäre damit widerlegt.
Irgendwie liebenswert dein Protagonist.
Schade, dass Elli das nicht mehr miterlebt.
Ne schöne Geschichte, die mir einen Film vors innere Auge gezaubert hat. Ich seh ihn direkt am Bügelbrett.
Das Wort geplättet habe ich lange nicht mehr gelesen. Jedenfalls nicht im Zusammenhang mit Bügeln. Eher so als “… ich bin völlig geplättet, was der Mann für Fähigkeiten hat.”
Deine Geschichte gefällt mir und ich schätze, du hattest da jemanden im Visier, den du vielleicht persönlich kennst. Ich staune immer wieder, wie oft Menschen sich nach dem Tod eines Partners nochmals verändern und tatsächlich zum Positiven, aktiv werden – so als hätte die Routine einer jahrzehntelangen Partnerschaft ihre Entfaltung behindert. Wäre diese Geschichte das erste Kapitel eines Romanes, wäre ich wirklich gespannt, wie es weitergeht. Das hat jede Menge Potential.
Lieben Gruß
Elke
Die Idee der Geschichte ist schön. Aber ich finde, man kann nicht einfach eben mal schnell ein ganzes Leben in ein paar Absätze packen. Bin keine Literaturexpertin, aber dies kommt mir eher wie eine Inhaltsangabe oder Zusammenfassung einer Geschichte vor.
Lieber einen Tag oder einen Nachmittag beschreiben, der den Leser neugierig macht darauf, warum der Mann was macht, und dann vielleicht einige sparsame Rückblenden oder Erinnerungen an seine Zeit mit seiner Frau einstreuen… so ähnlich würde ich das versuchen.
Schönen Abend noch,
und entschuldige bitte meine Direktheit!
Lieber Gruß
Paula
Danke für Eure Kommentare!
Gestern Nachmittag habe ich über die Geschichte nachgedacht, und mir ist dabei aufgefallen, dass die Geschichte nur ein Fragment aus einem Leben ist. Deshalb gebe ich dir, liebe Paula, uneingeschränkt recht. Auch Elkes sieht es wohl ähnlich, in dem sie meint, dass da Potential drin stecke. Vielleicht mache ich aus dem Thema einen Roman. So eine Idee habe ich schon lange im Kopf … eine handvoll Menschen trifft sich regelmäßig in einem kleinen Restaurant von einer Frau namens Anna. Die hat sich von ihrem Mann getrennt, weil sie in ihrem Leben noch was anderes wollte als jeden Tag das gleiche. Jeder ihrer Gäste hat seine Lebensgeschichte, und der Protagonist aus der gestrigen “Geschichte” könne einer davon sein.
Lieber Gruß von Renate
P. S.: Kritik, liebe Paula, ist mir lieber als “Honig um den Mund”. Konstruktive Kritik bringt einen weiter, wenn man es zulässt. Ich lasse es zu. Auch wenn Kritik nicht immer lustig ist, aber sie kann helfen. Vor allem, wenn sie freundlich ausgesprochen wird. Und das hast du ja gemacht. Danke dafür!
Das freut mich, ich hatte nämlich einen Moment gezögert, bevor ich auf den Knopf drückte.
Ein lieber Gruß zurück!
P.