Veränderungen – auch im fortgeschrittenen Alter
„Der Charakter eines Menschen verändert sich nicht“, so heißt es. Ich teile diese Meinung. Denn der Charakter ist elementares Persönlichkeitsmerkmal, also kein Produkt von Erziehung und sozialem Umfeld. „Ein erwachsener Mensch verändert sich nicht mehr“, so heißt es aber auch, und diese Meinung teile ich überhaupt nicht. Denn damit ist gemeint, dass ein erwachsener Mensch seine Verhaltensweisen nicht mehr ändern kann, und das ist Quatsch, denn wie ein Mensch sich verhält, wie er agiert und reagiert, wird zum großen Teil von seinem Bewusstsein gesteuert.
Dass auch Menschen über fünfzig ihr Verhalten durchaus ändern können, dafür habe ich ein anschauliches Beispiel: meine Mutter. Sie war eine wunderbare und fürsorgliche Frau. Mit Liebe und Hingabe kümmerte sie sich um ihre Familie, und vor allem ich, der ungeplante Nachzögling, hatte ihre volle Zuwendung. Sie versuchte, jeden meiner Wünsche zu erfüllen und war immer für mich da, nur mit körperlicher Nähe hatte sie es nicht so. Das war vielleicht auch generationsbedingt, denn im Gegensatz zu heute, wo es für Mütter (und Väter) selbstverständlich ist, mit ihren Kindern zu kuscheln, hab ich damals auch meine Freundinnen selten (nie) in zärtlicher Zweisamkeit mit ihren Müttern erlebt.
Für mich war diese körperliche Zurückhaltung demzufolge eine ganz normale Sache, und mir hat auch nichts gefehlt, zumindest nicht bewusst. Doch dann – ich war so um die sechzehn – bekamen meine Geschwister Nachwuchs. Und mit dem hat meine Mutter gekuschelt. Sie hat die Kleinen geherzt und geküsst, auf den Schoß genommen und liebevoll geknuddelt, und die haben das sichtlich genossen. Sie quietschten vergnügt, patschten mit ihren Händchen im Gesicht ihrer Oma herum, die ihre Nase zärtlich in die kleinen Bäuche stupste. Ich stand daneben, beobachtete verwundert das Geschehen und spürte ein feines Grummeln in mir drin. Meine Mutter schmuste, aber nicht mit mir.
Später ging ich dann für ein Jahr ins Ausland, und wenn ich aus dieser großen Ferne nach Hause kam, war die Freude groß. Meine Mutter küsste und umarmte mich zu Begrüßung und Abschied, dass es eine Wonne war. Endlich schenkte sie mir auch körperliche Zuwendung!
Doch das Jahr war schnell vorbei, ich wieder zu Hause (im selben Ort) und wieder täglich in Reichweite. Meine Mutter brauchte keine Angst mehr ums ferne Kind zu haben, und deshalb war auch bald wieder alles beim alten. Es gab keine Küsse mehr und auch keine Umarmungen. An meine Nichten und Neffen allerdings, die mittlerweile längst Schulkinder waren, verteilte meine Mutter nach wie vor ihre Zärtlichkeiten – und das vollkommen ungeniert. Da musste endlich was passieren – ich ging zum strategischen Angriff über.
Es war abends, und auf dem Nachhauseweg von der Arbeit machte ich eine Stippvisite bei meinen Eltern. Mein Vater saß im Sessel und las, meine Mutter saß auf dem Sofa und guckte fern. Ich ließ mich neben sie plumpsen, legte meinen Arm um sie und lehnte meinen Kopf an ihre Schulter. Meine Mutter zuckte zusammen. Ich dagegen gab mich ganz entspannt und küsste ihren Hals, was sie vollends irritierte und mir einen verständnis- und wortlosen Blick bescherte.
„Was ist?“, fragte ich in harmloser Manier.
„Ehm … ja … hmh …“, stotterte sie, „…was ist denn los … was ist denn los mit dir?“
„Was soll denn los sein mit mir? Mit mir ist gar nichts los … wieso?“ Ich grinste in mich hinein und demonstrierte mein Interesse am Fernsehprogramm – den Arm nach wie vor um ihrer Taille und den Kopf an ihrer Schulter.
Sie startete einen kleinen Versuch, sich aus meiner Umarmung zu winden, hielt dann aber inne. Im Gegenzug rückte ich noch ein Stückchen näher an sie ran und streichelte ihre Wange. In angespannter Haltung ließ sie sich die Zärtlichkeiten gefallen, doch allmählich entspannten sich ihre Muskeln wieder.
„Mama“, sagte ich nach dann, als sie wieder einigermaßen locker war,und nahm ihre Hand. „Ich hab dich sehr lieb. Und deswegen möchte ich, dass du mit mir kuschelst – so wie mit … (ich zählte die Namen ihrer Enkel auf).
„Aber das ist doch was anderes,“ fuhr es aus ihr heraus. „Die sind doch noch so klein…“
„Ist doch egal, ob sie klein oder groß sind. Außerdem haben sie ihre eigene Mutter, mit der sie schmusen können. Aber DU bist MEINE Mutter…“ Sprachs und schmatzte ihr einen Kuss auf die Backe. Mama wusste nicht wie ihr geschah, geschweige denn, was sie tun sollte, und deshalb tat sie auch nichts. Saß einfach nur da und ließ meine Schmuse-Attacke über sich ergehen – einem resignierten Büßer ähnlich.
Doch dann, nach ein paar Minuten, schob sie – ganz zaghaft – ihren Arm um meine Schulter. Und sie lächelte, wie ich aus den Augenwinkeln beobachten konnte. Das Lächeln wirkte ein bisschen verlegen, aber auch ein bisschen erleichtert. So, als sei eine jahrelange Last von ihr abgefallen. Von diesem Abend an war der Bann gebrochen. Küsse, Umarmungen und Kuscheln auf dem Sofa, all die Dinge, die ich unbewusst über viele Jahre entbehrt hatte, waren plötzlich ganz normal und taten nicht nur mir gut – das war deutlich zu spüren, auch wenn Mama niemals ein Wort darüber verloren hat.
Einige Jahre später zog ich dann nach München und irgendwann kam sie zu Besuch. Und wieder haben wir ferngesehen. Aber nicht auf dem Sofa, sondern auf meinem Bett. Und dort saßen wir nicht, sondern lagen – in „Löffelchen“-Position. Ich vorn, sie hinten. Wie ein zärtlicher Liebhaber drückte sie sich an mich, und während wir den Film verfolgten, spielte sie mit meinen Haaren und streichelte hin und wieder ganz sacht meine Wange.
Das hat sie dann auch getan als die Zeit für den endgültigen Abschied gekommen war. Meine alte Dame lag im Krankenhausbett und ich saß auf einem Stuhl dicht daneben, den Oberkörper zu ihr gebeugt. Mein Kopf ruhte seitlich auf ihrem Bauch, und trotz der traurigen Umstände war ich dankbar und glücklich über unsere spät gewonnene Nähe. Und Mama war es auch, das konnte ich sogar sehen. Denn manchmal – während ihre zittrige Hand behutsam über meine Wange strich – zog ein feines Lächeln über ihr Gesicht.
Man kann sein Verhalten jederzeit verändern, auch im fortgeschrittenen Alter. Wenn man es will. Man muss sich nur trauen. Sind Verlegenheit und Verunsicherung erstmal bei Seite geräumt, können selbst kleine Veränderungen zauberhafte und nachhaltige Erlebnisse bewirken.










Die Etrusker legten, wenn sie meinten ein Lebensabschnitt war vorbei, einen Stein in einen Krug. Jeder Lebensabschnitt war für sie eine Veränderung. Am Ende ihrer Tage nahmen sie die Steine, Kiesel für Kiesel in die Hand und erinnerten sich an die einzelnen Dekaden.
Wie du mit deiner Mutter verfahren bist, hätte ich mich nicht getraut.
Lieben Gruß
HD und Bernd
Hallo Renate,
was Sie über sich und Ihre Mutter erzählt haben, hat mich zutiefst berührt und – da wir gerade im Unterricht über innere Kinder sprechen – erlaube ich mir, wenn Sie nicht protestieren -:), Ihren Post im Unterricht vorzulesen. Enkel aktivieren ja oft brachliegende Gefühle, aber dass Sie es vermochten, dass Ihre Mutter sich so öffnet, das finde ich ehrlich umwerfend.
In Bezug auf den Charakter sehe ich, was Sie schreiben – auch wenn jetzt der Kommentar etwas länger wird – anders. Wenn man so will, repräsentieren, astrologisch gesehen, das Sternbild und unser Aszendent den Charakter. Das ist ja oft überraschend, welche Zusammenhänge da ein Fachmann-Frau offen legt.
Nur: Ich gebe Paracelsus Recht, der davon spricht, dass es unser Ziel ist, den Himmel in uns zu reinigen. Er bezieht sich dabei auf unser Horoskop; wir und die traditionelle Psychologie nennen es Charakter.
Paracelsus hat schon vor Jahrhunderten diese Grenzen nicht akzeptiert. Wenn er von reinigen spricht, will er genau diese Grenzen öffnen, damit alles fließt.
Wenn das Klavier unserer Seele 12 Oktaven umfasst, warum nur auf einer spielen? Klar, manche spielen auch nur auf einem Ton, aber Sie selbst, wenn ich mich auf Ihren Seiten so umschaue, spielen doch auf einigen Oktaven … Das hängt damit zusammen, dass man solche Grenzen passiert …
Die Aufgaben des Herakles hängen allesamt mit den Sternzeichen zusammen; und er ist auch nicht bei sechs oder sieben ausgestiegen :-) … viel Erfolg weiterhin …
Sehr schön, wie du das gemacht hast und sehr bereichernd für beide Seiten.
Vielen Dank für Eure Kommentare!
Und Johannes, ich habe natürlich nichts dagegen, wenn Sie den Artikel Ihren Schülern vorlesen.
Viele Grüße – Renate
Renate, was fuer eine schoene Geschichte.
Hat mich total beruehrt.
Ich persoenlich habe Glueck gehabt und bin in einer Familie aufgewachsen wo das Kuscheln und Emotionen zeigen an der Tagesordung waren.Und genauso bin ich auch mit meinen Kindern verfahren.
Mittlerweile kuschel ich mit meinem Enkel….
Gruesse aus Texas,
Susanne
Schön, mal wieder von dir zu lesen, liebe Susanne!
Herzliche Grüße nach Texas vom Ammersee
P. S.: Irgendwann suche ich dich heim, ich möchte nämlich unbedingt nochmal die USA bereisen.
Renate, was du beschreibst kann ich genau nachvollziehen. Vielen Dank fuer diese Zeilen. Die Enkel schmusen alle gern, und mir tut es auch gut.
Uebrigens, wenn du Susanne in Texas besuchst, musst du unbedingt auch bei mir vorbeikommen.
Beate in Texas
Oh, zwei Internetbekanntschaften in Texas. Wie schön!
Wenn ich die Reise über den großen Teich antrete, melde ich mich bei Euch.
Herzliche Grüße – Renate vom Ammersee, wo heute schon wieder der Schnee riesel. Und vor einer Woche saß ich draußen, in der Sonne und dachte, der Frühling stünde vor der Tür…