Unser neuer Freund
In der Nachbarschaft gab es vor einigen Tagen was zu feiern, und ich war zum Umtrunk eingeladen. Unter den Gästen war ein mir unbekannter Mann, der mit folgenden Worten vorgestellt wurde: „Das ist A., unser neuer Freund.“
Diese Worte gingen mir nicht aus dem Kopf, irgendwas störte mich daran. Nach einer Weile wusste ich es, es war die Wortkombination „neuer Freund“, die so klingt wie „neue Couch“ oder „neue Handtasche“. Ein Gegenstand, den man gestern oder vor kurzem erworben hat. Aber kann es einen “neuen” Freund geben?
In englischsprachigen Ländern hat das Wort „friend“ zwei Bedeutungen. Es kann ein wirklicher Freund sein, aber auch ein flüchtiger Bekannter. Bei uns in Deutschland ist das normalerweise anders. Wir unterscheiden zwischen Bekannten und Freunden. Bekannte sind alle, die man lediglich kennt und über die man nicht allzu viel weiß, oft auch mangels Interesse. Ein Freund ist mehr. Einen Freund kennt man gut oder sogar sehr gut. Man empfindet tiefe Gefühle für ihn, man vertraut ihm. Man freut sich auf ihn, man freut sich über ihn.
Ich habe im Laufe meines Lebens sehr viele Menschen kennengelernt. Die meisten davon blieben Bekannte. Einige sind zu Freunden geworden, manche davon sind es bis heute. Es gibt auch Menschen, die mir auf Anhieb sympathisch sind, mit denen ich mich in der ersten Stunde schon über Themen unterhalte, die mit anderen Menschen nicht möglich sind. Aus solchen Menschen können Freunde werden – müssen aber nicht. Man kann freundschaftliche Beziehungen pflegen, die sich einfach auf einen „netten“ Niveau einpendeln und dort bleiben.
Dann aber gibt es Menschen, denen man Gedanken und Gefühle anvertraut, die man sonst niemandem erzählt, diese Menschen nenne ich Freunde. Einem Freund vertraue ich meine Sorgen und Nöte an. Einem Freund zeige ich meine Schwächen – ohne Angst zu haben, dass er sie ausnutzt oder benutzt. Ein Freund ist ein Mensch, der das, was ich ihm anvertraue, nicht in der Gegend herum tratscht, sondern für sich behält und sorgsam damit umgeht. Ein Freund ist jemand, der mich so gut kennt, dass er bereits an meinen Tonfall am Telefon oder an meinem Gesichtsausdruck bei der Begrüßung erkennt, ob es mir gut geht. Ein Freund ist jemand, dem mein Wohlergehen am Herzen liegt und der sich um mich kümmert, wenn es mir nicht gut geht.
Ein Freund ist ein Mensch, der meine Ecken und Kanten respektiert, bestenfalls sogar mag. Ein Freund ist ein Mensch, der mir zuhört und der mir Fragen stellt – weil er sich für mich interessiert. (Das mit den Fragen ist übrigens eine hervorragende Möglichkeit um herauszufinden, ob jemand nur Bekannter oder Freund ist, denn “Bekannte” stellen normalerweise keine Fragen, zumindest keine tiefgehenden.) Ein Freund ist jemand, der in kritischen Situationen sagt, was er denkt und mir nicht nach dem Mund redet. Ein Freund ist auch jemand, der nicht höhnisch grinst, wenn ich mal wieder in eines meiner Fettnäpfchen getappt bin, sondern verständnisvoll lächelt. Ein Freund ist jemand, der mir die Hand reicht, wenn ich stolpere – egal worüber. Und Stolpersteine gibt es ja genügend.
Ein Freund ist ein Mensch, den ich um Rat fragen kann, und der mir dann auch einen gibt. Ehrlich gemeinten und durchdachten Rat und nicht dahin geschluderte Worte – um dann schnell wieder auf die eigenen Angelegenheiten sprechen zu kommen.
Ein Freund ist ein Mensch, der mit mir zusammen nicht nur lustige Zeiten teilt, sondern auch schwierige Situationen durchsteht und nicht Fersengeld gibt, sobald es etwas kompliziert wird. Ein Freund ist keiner, der alle meine Wünsche erfüllt. Ein Freund ist kein Bilderbuchmensch, im Gegenteil, ein Freund ist oft ziemlich unperfekt, genauso unperfekt wie ich selber. Aber genau das macht Freundschaft aus: das Wissen um die Stärken des anderen, aber auch das Wissen um seine Schwächen und ganz persönlichen Eigenarten. Aber dazu muss man sich kennen. Und deshalb kann es zwar „alte“ Freunde geben aber keine „neuen“. Das ist wie mit der Liebe. Man kann sich zwar spontan verlieben, aber damit sich Liebe entwickelt, braucht es Zeit, Toleranz, Geduld und vor allem Respekt. Und genauso ist es mit der Freundschaft.
Ich habe Freunde, Gott sei Dank. Mehr als eine handvoll ist es bei kritischer Betrachtung aber nicht. Doch angesichts der Tatsache, dass zwanzig Prozent der Deutschen laut Statistik überhaupt keine Freunde haben, ist eine handvoll eine Menge.
P. S.: Wenn ich einen “Bekannten” jemandem vorstelle, sage ich allerdings auch nicht “das ist mein Bekannter”, sondern nenne einfach nur den Namen.











Ich finde es auch merkwürdig, wie inflationär heutzutage mit dem Begriff “Freund” umgegangen wird.
Insbesondere im Web – bei Facebook zum Beispiel ist auch gleich jeder ein “Freund”, da gibt es keinerlei Abstufungen. Vielen geht es da auch nur darum, möglichst viele von diesen Pseudofreunden zu haben. Das ist die digitale Version von Längenvergleichen primärer Geschlechtsmerkmale würde ich sagen.
Richtige Freunde hat man selten mehr als eine Handvoll. Eher weniger.
Liebe Renate
Ein cyberfreundschaftliches Abendlächeln aus USA, dem Land, in dem ich fand, dass das Wort “Friend” oft auf eine Art angewendet wird, die ich nicht ganz einfach und instinktiv nachvollziehen kann.
Nun, nachdem ich fast 30 Jahre hier lebe und inzwischen älter, … hoffentlich auch … weiser, verständnisvoller, offener, einsichtiger und toleranter bin, sehe ich die Aussage “Dies ist mein neuer Freund” auf eine Weise an, bei der ich es mir weiterhin vorbehalte, die “Intensität” dieser Freundschaft auf mich zukommen zu lassen. Ich verstehe es schon lange nicht mehr so, wie ich früher einen nahen Menschen als “meinen Freund / meine Freundin” bezeichnete. Ich denke nun auch, dass sich diese amerikanisierte Freundschaftsinflation verbreitet.
Inzwischen bedaure ich, dass ich sehr oft heftig reagierte, wenn Thomas, mein amerikanischer Ehemann, Menschen, die ich selbst eher als flüchtige Bekannte” ansah, als “your friend XY” bezeichnete. Damals dachte ich ” Wie bitte?? mein Freund?? … nee ich kenne diesen Menschen doch nur flüchtig.” Inzwischen sehe ich das entspannter.
Es gibt wohl in vielen Kulturen den Unterschied von Bekannter und Freund nicht so strukturiert ist , wie wir es in Deutschland … oder in der deutschen Sprache kennen. Ich lese gerade ein sehr interessantes Buch, “Shantaram” wo dieser Unterschied von “Freund” oder “einem Menschen den ich mag” gar nicht mehr so wichtig zu sein scheint.
Es war übrigens meist sehr schwierig amerikanischen Deutschschülerinnen den Unterschied klar zu machen von der Aussage:
“Martin ist ein Freund” … und …
“Martin ist MEIN Freund”
Lächelnde Grüße von
-Anna-in-N.