Und der Wertewandel findet doch statt

„Babyboomer“, so nennt man die Generation, zu der auch ich gehöre, geboren in den Jahren 1943 und 1960. Das war die Generation der Rebellion, der antiautoritären Erziehung, der Pop-Musik, der Diskos, des Hasch-Konsums und bewusstseinserweiternder Drogen, der Jugendproteste, der neuen Mode (Minirock, Mao-Look), der sexuellen Revolution, der Studentenbewegung, der Experimentierfreudigkeit, der neuen Lebensformen (Wohngemeinschaften) und des Rufs nach Freiheit und Individualität – „Babyboomer”, das war die Generation mit dem neuen Lebensgefühl.

„Generation X“, so heißen die zwischen 1960 und 1980 Geborenen. Aufgewachsen und verwöhnt durch Wohlstand und Wirtschaftswachstum einerseits, demotiviert durch Ozonloch, Furcht vor atomarer Verseuchung, Aids, Arbeitslosigkeit und Zukunftsängste andererseits, fühlten sie sich von der Gesellschaft im Stich gelassen und „wurschtelten sich so durch“. Null-Bock-Generation“, so nennt man sie auch, und Zynismus und Pessimismus prägen ihr Gesicht. „Das langweiligste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts“, so nennt Florian Illies die Zeit, in der die „Generation Golf“ erwachsen wurde, in seinem gleichnamigen Buch.

Ganz anders sieht das bei der Generation Y aus, den heute 15 – 20jährigen. Diese „behütete“ Generation pflegt Optimismus und sieht sich für ihr Schicksal selbst verantwortlich. Die Jugend meiner Generation wollte die Welt aus den Angeln heben, die Jugend von heute will genau das Gegenteil. Ruhe, Frieden, Harmonie, Geborgenheit, Vertrauen und christliches Gedankengut – das sind die Werte von heute. Von Rebellion keine Spur mehr. Familie, Freunde und Zusammenhalt, oberflächliche und unproblematische Kommunikation steht an vorderster Stelle. Extremistische Außenseiter sind dabei Randerscheinungen.

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„Mit Pessimismus kann ich nichts anfangen, das führt doch zu nichts. Man muss immer schauen, ob man etwas an einer Situation ändern kann und dann sich dafür einsetzen.“
Miriam, 14 Jahre
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Wenn ich mir so mein ganz persönliches – nicht unbedingt typisches aber auch nicht a-typisches Leben anschaue, so hat sich wirklich viel verändert. Arm aufgewachsen, ohne Wasserklosett, Badewanne, Fernsehen geschweige denn Computer. Volksschule, Handelsschule und das war’s dann schon. Selbst genähte Klamotten, keine Urlaubsreisen. Kein Komfort, geschweige denn Luxus – nur das Lebensnotwendigste, so sahen meine Kindheit, meine Jugend und mein Erwachsenwerden aus. Spaß und Freude allerdings hatte ich trotzdem.
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„Wir wissen gar nicht, wie gut wir es haben, wenn man von den Älteren hört, wie denen es gegangen ist.“
Heinke, 23 Jahre, Studentin
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Heutzutage hat fast jedes Kind ein Handy, über 70 Prozent der deutschen Haushalte besitzt einen Computer. Fernreisen sind selbstverständlich, Markenklamotten für viele ein Muss. Internet, chatten, simsen gehören zum Alltag. Blitzschnelle Kommunikation und Informationsbeschaffung rund um den Globus ebenfalls.

Ein Studium ist für die jungen Leute heute nahezu selbstverständlich, zumindest in meinem Freundes- und Bekanntenkreis darf jedes Kind studieren – wenn es will. Wurde zu meiner Zeit allerdings sehr entspannt studiert (sehr viele Semester) und viel gefeiert, so wird das Studium heutzutage zackig durchgezogen – mein neuer Zahnarzt ist gerade mal 30 und hat bereits vier Jahre Berufserfahrung.

Galt ein Kind in den siebziger Jahren als freiheitsberaubendes „Anhängsel“, so zeigen die Frauen heute stolz erst ihren Bauch und dann ihren Nachwuchs her.

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„Man kann stolz darauf sein, Mutter zu werden. Man soll sich zeigen und andere daran teilhaben lassen. Außerdem sieht das sehr weiblich und sexy aus.“
Birte, 14 Jahre
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Prominente wie Verona Feldbusch und Steffi Graf inszenieren aus ihrem Muttersein wahre PR-Kampagnen. Und auch die Einstellung der Väter zu ihrem Nachwuchs hat sich verändert.1924 verbrachten 40 Prozent der Väter weniger als eine Stunde täglich mit ihren Kindern. 10 Prozent widmeten ihnen gar keine Zeit. 1999 waren es 17 Prozent, die weniger als eine Stunde aufbrachten und nur 1 Prozent keine einzige. Und wenn auch nicht spektakulär aber immerhin sichtbar, nehmen immer mehr Männer die Möglichkeit des Erziehungsurlaubs in Anspruch. Und überhaupt machen sich Eltern heutzutage viel mehr Gedanken um die Erziehung ihrer Kinder, und entsprechend sinkt auch die Gewaltbereitschaft unter den Jugendlichen – auch wenn die Medien es gern anders darstellen. Denn wer zu Hause nicht geprügelt wird, neigt selbst auch weniger zu Gewalt.

Grundsätzlich herrscht unter den eutigen Jugendlichen eine positive Stimmung, aber die traditionellen Vorstellungen von Leben und Familie haben sich verändert. War Scheidung früher ein Makel, so ist sie heute nahezu eine wertfreie Selbstverständlichkeit. Wenn nicht passt, dann passt’s halt nicht und man trennt sich. “Patchworkfamilien” sind heute gang und gäbe.

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„Die Jugend von heute ist pragmatischer geworden, micht mehr so idealistisch, einfach realitätsbewusster. Früher war das Ganze viel utopischer. Heute bleibt man mehr auf dem Boden, schaut nach dem Kleinen. Nicht mehr nach der Weltrevolution, das war vielleicht auch damals ziemlich überhöht. Heute sind wir auf dem Boden der Tatsachen.“
Michael, 22 Jahre, Student
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War früher die Ehe das Ziel der meisten Frauen (meines allerdings nicht), so heiratet heute nur noch drei Viertel der Frauen und gut ein Drittel der Verheirateten will keine Kinder. Die klassische Familie wird immer seltener, dafür entwickeln sich neue Lebensmodelle. So wird zum Beispiel immer mehr die Form einer WG gewählt, um sich gegenseitig zu unterstützen. Als Alternative entwickelt sich ein „großes Haus“, mit separaten Wohnungen. Und es entstehen auch ganze Wohnprojekte, in denen Alleinstehende, Familien, Ältere und Jüngere zusammenwohnen. Weil diese neue Lebensform immer mehr gefragt wird, entstehen in Amerika in dieser Art ganze Dörfer, und in Deutschland gibt es auch schon derartig konzipierte Wohnanlagen.

Waren wir in den sechziger und siebziger Jahren sehr an Politik interessiert, so sieht das heute ganz anders aus. 70 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 25 bezeichnet sich als politikverdrossen. Allerdings bezieht sich diese Verdrossenheit nicht auf die Politik als solche, sondern auf die Menschen, die sie machen, also auf die Politiker, die nicht mehr glaubwürdig, überzeugend und ehrlich anagesehen werden. Viele der Jugendlichen bauen sich deshalb im Internet eine Alternative auf, wo sie politische Plattformen gründen und sich dort engagieren und austauschen.
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„Das Internet ist eine Art Marktplatz oder Sammelpunkt von Menschen aus der gesamten Welt. Alle sind miteinander verknüpft. Diese friedliche, grenzenlose Kommunikation wird eventuell ins politische Leben übergehen.“
Hosun Lee, 20 Jahre, Student
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(Fortsetzung folgt)

Quellen:
1. „Die neue Moral der Netzwerkkinder“ von Andreas Steinle und Peter Wippermann (Ich danke an dieser Stelle den Autoren für die freundliche Genehmigung, Ausschnitte, Statistiken und Zitate aus ihrem Buch zu veröffentlichen!)
2. Statisches Bundesamt
3. verschiedene öffentliche Statistiken

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Jutta Aurahs
Redaktion "Geliebte Katze"

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