Schon erleuchtet?
Bin ich erleuchtet? Die Frage ist mit einem Wort und eindeutig zu beantworten. Nein!
Doch hin und wieder habe ich den Eindruck, dass ich umzingelt bin von Menschen, die glauben, diesen erstrebenswerten Zustand in gewisser Weise bereits erreicht zu haben. Zum Beispiel einige Mitglieder und Moderatoren einer bestimmten Netzwerk-Gruppe, die sich den Begriff “Empathie” auf die Fahne geschrieben haben.
Das Wort lässt sich leicht übersetzen: Mitgefühl bedeutet es. Mitgefühl hat jeder Mensch, besser gesagt, jeder Mensch hat die Fähigkeit dazu – grundsätzlich. Je nachdem mit wieviel Mitgefühl er in seinem Leben bedacht wurde, kann er auch welches für andere empfinden. Ist übrigens gar nicht so leicht, die Sache mit dem Mitgefühl. Das liegt daran, dass wir von so einigen anderen Gefühlen bewegt werden, die uns oft – mich zumindest – daran hindern, wirkliches Mitgefühl zu empfinden. Stattdessen kommt dann ein Gefühl von Missgunst oder Schadenfreude auf. „Das darfst du aber nicht sagen“, meinte eine Freundin neulich, als ich offen bekannte, im Zusammenhang mit einer gewissen Person eine nicht zu verhehlende Schadenfreude zu empfinden.
„Ich weiß, dass das Schadenfreude kein ruhmreiches Gefühl ist, aber ich gönne dieser Sowieso einfach, dass sie mal eine auf den Deckel kriegt.“ Ja, so war das, und innerlich rieb ich mir die Hände dabei.
Es gibt aber auch andere Menschen, bei deren Berichten und Erlebnissen mir die Tränen über die Wangen laufen. Ja, das passiert öfter. Aber es passiert halt auch oft das Gegenteil. Ich bin also weit davon entfernt davon, erleuchtet zu sein. Denn ein Erleuchteter steht ja über den Dingen. Empfindet weder Schadenfreude noch Missgunst, sondern nur Herzenswärme. Zumindest ist das meine Vorstellung von einem Zustand der Erleuchtung.
Aber nun zurück zu dieser Gruppe, bei der das Wort Empathie täglich und inflationär in Beiträgen und Kommentaren benutzt wird. Ich wurde dort vor ein paar Tagen Mitglied, weil mich das Thema – gerade aufgrund meiner Unzulänglichkeit – interessiert und weil ich wissen wollte, wie andere damit umgehen. Und dabei habe ich eine sehr interessante Feststellung gemacht. Es wird dort zwar unentwegt über Empathie gesprochen, und sie umarmen sich virtuell auch dauernd, und sie lächeln virtuell genauso oft und bedanken sich für Beiträge in engelsgleicher Form. Aber nur, wenn diese Beiträge einem unausgesprochenen Gesetz folgen – das für einen sensiblen Leser deutlich zwischen den Zeilen zu erkennen ist: das Gesetz des “wir haben uns alle lieb” oder “wir sind ganz entspannt im Hier und Jetzt” … oder “ich bin so schwach und brauche euch”. Und wehe, da kommt ein Beitrag oder Kommentar, der nicht dieser stillschweigenden Vereinbarung entspricht. Da ist von Empathie plötzlich nichts mehr zu erkennen, und es geht zu wie im Hühnerstall. Alle rennen empört gackernd auf den Netzbeschmutzer zu und picken ihm die Augen aus. Die ganze viel beschworene Empathie – mit einem Schlag falschen Wort hat sie sich in Luft aufgelöst.
Empathie zu empfinden, wenn alles harmonisch läuft, niemand widerspricht und keiner einem an den Karren fährt – das ist relativ einfach.
Empathie aber auch dann zu empfinden, wenn der innere Schweinehund laut bellt, sich der Magen vor lauter Ärger, Wut und Enttäuschung zusammen krampft, das ist verflixt schwierig und in vielen Situationen nahezu unmöglich. Da muss man erstmal tief durchatmen, vielleicht sogar eine Nacht darüber schlafen und am nächsten Tag all seine Courage zusammennehmen und zu dem momentan ungeliebten Gegenüber gehen, ihm (vielleicht auch nur symbolisch) die Hand reichen und ein Gespräch anbieten. Ein Gespräch, wo jeder bereit ist, zuzuhören, nicht zu unterbrechen und nicht zu bewerten. Sondern einfach nur seine Antennen empathisch auf Empfang zu stellen.
Wie verflixt schwierig das ist, habe ich gestern Abend erlebt, bei Freunden, die ich von Herzen mag. Da ging es hoch her, meinungsmäßig, aber zum Schluss haben wir uns umarmt und zum Abschied auf die Wange geküsst – in ehrlichen Gefühlen füreinander. Doch die nächsten Turbulenzen kommen bestimmt. Das wissen wir alle drei – weil wir eben noch nicht erleuchtet sind. Aber: man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben, denn gut Ding will Weile haben…
P. S.: Aus besagter Gruppe bin ich wieder ausgetreten.










Ich musste beim Lesen schmunzeln, habe ich doch so viel zwischen den Zeilen gelesen. Dieser immer gleiche, wie du es nennst “engelhafte Webjargon” –
Empathie unter dem Begriff Toleranz, Einsicht, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Verständnis zusammengefasst werden, hat in meinen Augen auch eine dunkle Seite, die in unserer Gesellschaft kein Schattendasein führt.
Nehmen wir mal das große Gebiet der Gesundheitsfürsorge. Dort erwarten wir sie am wenigstens und sind daher anfällig für ihren listigen Charme. Die Menschen, die uns diese Produkte verkaufen wollen, kennen das Spiel mit unseren Ängsten um ein paar zusätzliche Pfunde, Falten, Krankheit oder Alter genau. Für all diese körperlichen oder seelischen Beschwerden haben sie ein “Wundermittel” parat, auf dem natürlich auch ein Preisschild klebt.
Das soll jetzt nicht heißen, und ich hoffe dass du und deine Leser mich nicht falsch verstehen, dass ich ein Gegner all dieser Mittel bin. Vieles ist hilfreich und gut.
Nur sollten auch unsere Alarmlampen angehen, wenn wir Menschen im virtuellen Raum begegnen, die uns ständig ihr Wohlwollen, ihre Liebe und ihre Empathie versichern.
Echt toller Beitrag und ich beneide dich um deinen Mut, deine Meinung darüber öffentlich kundzutun. Ich hätte hierzu auch viel zu sagen. Aber soweit bin ich noch nicht. ;-)
Liebe Grüße aus Mannheim
Christa Schwemlein
Liebe Christa, schön, dass du verstehst, was und wie ich das meine.
Diese “Watte-Bäuschchen-Kommunikation”, wie sie vielerorts im Internet stattfindet, befremdet mich sehr. Denn sie entsteht aus – verständlichen – Wünschen heraus, hat aber mit der Realität nichts zu tun.
Trotzdem – oder gerade deshalb – umarme ich dich jetzt mit einem Lächeln und schmeiße dir ein Wattebäuschchen zu ;-) Und vielleicht ergibt sich auch mal die Gelegenheit, die Virtualität zu verlassen. – Ich habe über meinen Blog bei Brigitte schon mehrere Frauen persönlich kennengelernt. Und es waren sehr schön Begegungen. Mit viel Offenheit und Herzlichkeit – in realer Beginn für Freundschaft. Insofern ist das Internet eine wunderbare Errungenschaft.
Lieber Gruß von Renate
P. S.: über dein ganz persönliches Anliegen, die Religiosität, würde ich gern, aber das wirklich nur ganz persönlich, mit dir sprechen. Der Austausch mit dir, würde mich bestimmt bereichern. Denn ich habe mich von Religion, wie ich sie kennengelernt habe, ganz bewusst und konsequent entfernt. Vor einigen – vielen – Jahren habe ich allerdings einmal die Gelegenheit gehabt, mit einem sehr aufgeschlossenen katholischen Priester zu sprechen. Leider nur ansatzweise. Das Gespräch war spannend, emotional und sehr offen … So etwas würde ich gern wiederholen. Mit Zeit und Muße. Und mit dem Mut zur Kontroverse.
hallo zusammen,
ich habe deinen artikel mit interesse gelesen. auch ich sehe einiges was ich schon kennen lernen durfte.
zunächst mal werde ich es etwas sacken lassen und dann auch meinen senf dazu geben, aber ganz menschlich.
Bin schon gespannt auf deinen “Senf”. ;-)
hallo,
senf:
ja denn. also ich sehe das durchaus auch so wie du es beschrieben hast. da wird küsschen gegeben und umarmt und in wirklichkeit…
ja in wirklichkeit auch, nur richtige gefühle oder respekt haben sie trotzdem nicht. erst das küsschen, dann aus den augen und schon wird gelästert. ich kenne das, ich arbeitet in einem hünerstall.
aber im virtuellen raum geht es den meisten erstmal nur um smaltalk. nix ernstes. wenn man da reinschaut stellen sich einem schnell die nackenhaare hoch oder man muß sich unweigerlich fragen auf was für einer prenatalen stufe die user sich bewegen.
die selbstdarstellung spielt auch eine große rolle. jeder möchte natürlich so gut wie möglich weg kommen. selbstbeweihräucherung kommt ja nicht so gut – zumindest das ist schon zu einigen durchgedrungen – somit ist das symphatie werben, ins rudel aufgenommen zu werden, der beste weg. also immer schön mit dem strom schwimmen und gut iss. je besser man das betreibt deso besser sitz man im sattel.
übrigens haben dazu ja auch einige foren oder communities extra onlinezeit erfassungen oder ähnliches. je länger/ mehr deso besser muß man ja sein. ( fresst schei** 1.000.000 fliegen können nicht irren ! ) dem gegenüber stehen aber auch schon mal hin und wieder “wertungsmöglichkeiten”. die werden aber eben nicht nur zum positiv- werten genutzt, sondern eben auch für das negative. soll heißen: ein falsches posting und schon steht man im roten berreich. ( und meist gibt´s dann auch noch streiterein… .)
ja so ist das.
ach und wo wir gleich bei den streiterein sind. die finden dann auch ganz gerne hinter den kulissen statt. andere user der commuty werden gezielt “abgerichtet” und unter umständen auch schon mal mit vertraulichen infos ( mails und PN´s ( persönliche nachrichten ) gefüttert, was im übrigen eine rechstbruch darstellt, um gegen den in missgunst gefallen ins feld ziehen zu können.
selbst besonders geeignete modes ( moderatoren ) sind da oft machtlos, was auch schon mal dazu führen kann das eine community schließen muß oder sogar rechtliche schritte eingeleitet werden.
( du erinnerst dich doch bestimmt an die “regeln” ? )
ja im grunde genommen könnte man sagen es sind eben nur spiegelbilder von menschen die sonst auch nichts zu standen bringen. ob es wirklich so ist, möchte ich nicht urteilen. sicher ist jedoch, daß sich der ein oder andere in dieser welt verliert und tatsächlich denkt es ist real.
wobei auch eine reale – positive – möglichkeit durchaus besteht.
ach und wir älteren, wenn ich das mal so sagen darf, stehen den gepflogenheiten mit seinen ganzen neudeutschen ausprüchen und “zeichensetzungen” wie smilies etc. machtlos gegenüber. ( ich mußte mir auch einen teil erstmal erklären lassen. )
ein netter informativer und eventuell auch inhatlicher wortaustausch ist aber immer schwer. neudeutsch oder superzeichen hin oder her, wenn das feedback sowie ein gewisser respekt vor menschen nicht existent ist und toleranz man nicht bei der bude um die ecke kaufen kann – ist es nicht mein platz !
etwas hat es trotzdem. als studie nur um mal so zu sehen wie diese kultur funktioniert und/ oder aufgebaut ist, ist es interessant. zuweilen aber auch anstrengend.
na gut dann schönen abend noch
Ja, das sehe ich ähnlich. Talkshows und seit neuem Communities und Foren … ein Tummelplatz von “Normalos”. Ein Spiegel der Gesellschaft eben. Es heißt zwar “Kultur”, ob es tatsächlich eine ist, das ist eine andere Frage. Ich würde es eher Pseudokultur nennen.
Und eine Gesellschaft, in der Portale wie “Second Life” explosionsartig wachsen, sagt über diese Art von Kommunikation alles sich selbst aus: das Virtuelle löst das Reale ab. Ist halt auch einfacher, weil man sich (und anderen) was vorgaukeln kann. Wenn auch teilweise vermutlich unbewusst. Ich denke, dass die “Lächler” in den Foren gern so lebten, aber das richtige Leben sieht halt anders aus. Da wird man mit Konflikten konfrontiert. In der virtuellen Welt lächelt man sie sich schön und geht Konflikten aus dem Weg. Verständlich ist das Ganze für mich schon, aber gefährlich – weil nicht real.
Lieber Gruß von Renate
Hallo Renate,
ich hatte gestern schon einmal gechrieben, aber plötzlich war es weg.
Wollte mich für das Wattebällchen bedanken – hab’ mich sehr gefreut.
Hier hat sich ja eine interessante Diskussion entwickelt. Herzlichen Glückwunsch!
Gruß aus einem wunderschönen sonnigen Mannheim
Christa
Hallo Christa,
beim Brigitte-Blog, wo ich den Beitrag auch rein gestellt habe, interessiert sich so gut wie niemand für das Thema – obwohl dort Tausende lesen. (Ich hab pro Woche 5.000 bis 6.000 Klicks). Ist immer wieder interessant zu sehen, auf welche Themen reagiert wird und auf welche nicht.
Ich wünsche dir ein schönes Wochenende uns schicke ebenfalls sonnige Grüße!
Renate
dieses einstellen von themen geht auch gut in foren. das gleiche thema in artverwanden foren wird oft sehr unterschiedlich bis gar nicht reflektiert.
Foren … ich war schon seit Monaten nicht mehr in einem Forum. Der Grund: da oft oberflächliche Gelaber interessiert mich nicht. Und sehr schnell geht es dann irgendwann auch nicht mehr um das Thema, sondern es werden inhaltlose Worthülsen hin- und her geworfen. Ich denke manchmal, die Leute haben zu viel Zeit – oder sie fühlen sich einsam. Oder beides…
Liebe Renate,
mich verwundert nicht, dass Du in dieser Community angeeckt hast (kenne ich die? :-)
Schließlich bist Du empathisch genug, um es nicht allen laufend auf die Nase binden zu müssen…
Sei ehrlich: Du hast vorher schon geahnt, dass Du nicht lange in dieser Empathie-Community bleiben würdest… :-)
LG, Ulf
Möglicherweise kennst du die Gruppe, lieber Ulf. GfK heißt sie – du weißt schon, wo.
Bist du dort möglicherweise Mitglied?