Scheiden tut weh

Vor über zwanzig Jahren lernte ich einen Mann kennen. Ich machte mit meiner Freundin einen Zug durch die Gemeinde (München), und beim „Absacker“ in der letzten Kneipe saß er am Tresen. Er gefiel mir auf Anhieb! Ich ihm umgekehrt wohl auch, denn aus uns wurde ein Liebespaar. Wir verstanden uns prächtig – ja, ich kann sagen, dass ich mich mit keinem Mann jemals so gut verstanden habe. Weder davor – noch danach, wie ich heute weiß.

Meine männlichen Freunde fanden ihn prima, meine Freundinnen gratulierten mir. Jede(r) mochte ihn – verständlicherweise, denn er war nicht nur intelligent und gebildet, sondern sah dazu auch noch gut aus, war charmant, witzig und aufmerksam. Ein Prachtexemplar geradezu. Er hatte nur einen Fehler: er war verheiratet. Das wusste ich von Anfang an. Am zweiten Abend hatte er es mir gesagt. In einer Jazzbar – während der Pianospieler leise „Georgia on my mind“ in die Tasten gab. Ich weiß das noch, als wäre es gestern gewesen.

Nach einigen Wochen war klar: wir wollten zusammenbleiben, denn wir waren wie geschaffen füreinander. Er wollte nur den richtigen Zeitpunkt abwarten, um seine Frau von dem Entschluss zu unterrichten.

Ich will es kurz machen. Nicht er sagte es seiner Frau, sondern ich. Ich hatte keine Lust auf den Geliebten-Status.

Mein Anruf bei seiner Frau war dann letztendlich auch das Ende unserer kurzen Beziehung, denn er schaffte es nicht, sich zu trennen. Die Kinder, zwei kleine Söhne, seien noch zu klein, meinte er. Das könne er ihnen nicht zumuten. Unglückliche Eltern seien für Kinder besser als getrennte Eltern. So meinte er. Dass weder er noch seine Frau in der Ehe glücklich waren, daran bestand übrigens kein Zweifel. Das haben mir auch seine Freunde bestätigt…

Er trennte sich nicht. Vorläufig. Und er und ich blieben Freunde. Ja, das geht, wenn man nicht gram aufeinander ist. Ich mochte ihn weiterhin, weil er ein wunderbarer Mann war – und bis zum heutigen Tag ist.

Aber an der verkorksten Beziehung mit seiner Frau änderte sich natürlich nichts, außer dass sie naturgemäß noch schlechter wurde und er letztendlich dann doch auszog. Aber nicht zu mir, sondern zu einer anderen Dame. Die Sache dauerte ein paar Monate – seine Ehefrau hatte ihn wieder, und er schlief im Gästezimmer.

Die Ehe dümpelte so vor sich hin. Der Mann und ich trafen uns in regelmäßigen Abständen, wir gingen miteinander essen oder ich bekochte ihn. Mehr war nicht. Mehr wollte ich auch nicht. Eine Beziehung zu einem verheirateten Mann kam für mich nach wie vor nicht in Frage. Ob er mehr gewollt hätte … danach habe ich nicht gefragt.

Er war weiterhin unglücklich, über Jahre hinweg. Und nun hat er endlich die Kurve gekriegt: er hat sich definitiv getrennt. Lebt seit einigen Monaten allein. Wir verstehen uns nach wie vor sehr gut, aber die Liebe lässt sich nicht mehr aufwärmen. Hat ihr besonderes Aroma verloren – im Laufe der Zeit

Das ist die eine Hälfte der Geschichte. Und hier kommt die andere.

Ich habe einen Freund. Ich mag und schätze ihn sehr. Dieser Freund lebt seit Jahren mit einer Frau zusammen. Nicht unglücklich, aber alles andere als glücklich. Sie leben mehr oder weniger nebeneinander her. Verbringen langweilige Abende, Wochenenden und Urlaube miteinander, streiten viel und machen sich gegenseitig das Leben schwer – mit ihren unterschiedlichen Erwartungen. Die keiner von beiden jemals wird erfüllen können – aufgrund unterschiedlicher Charaktere und Weltanschauungen. Er bemängelt an ihr dieses, sie bemängelt an ihm jenes. Wenn ich mit beiden – getrennt voneinander – spreche, verstehe ich jeden Standpunkt. Ich kann ihre Defizite nachvollziehen, kann aber genauso gut seine Defizite nachvollziehen. Und genau wegen diesen nicht zu vereinbarenden Gegensätzen habe ich beiden mehr als einmal geraten, sich zu trennen. Weil ich aus ganz persönlicher Erfahrung weiß, dass aus einem Entlein kein Schwan wird – und umgekehrt.

Ich befürchte nun, dass der Kampf weiter geht, denn die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Und dieser Freund hofft nach über acht Jahren immer noch auf ein Wunder. Und seine Freundin auch. Wunder gibt es aber wenige, unglückliche Beziehungen dagegen sehr viele.

„Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende“. Dieser Spruch birgt viel Wahrheit in sich. Ich plädiere hier keinesfalls für vorschnelle Entscheidungen, im Gegenteil. Man sollte den Problemen auf den Grund gehen und die Fehler erstmal bei sich suchen. Wenn man dabei aber feststellt, dass die Fehler gar keine sind, sondern einfach nur zwei Menschen zusammen sind, die schlecht oder gar nicht zueinander passen, dann sollte man die Konsequenzen ziehen.

Eine Trennung tut immer weh, egal unter welchen Umständen. Aber eine Trennung ist auch eine Chance. Eine Chance auf ein besseres, friedvolleres Leben. Und das kann man notfalls auch ohne Partner führen…

15 Antworten auf Scheiden tut weh

  • Stefanie sagt:

    Ja, es ist wirklich erstaunlich, wie lange manche Menschen an aussichtslosen Beziehungen festhalten. Aber auch ich weiß, dass es nicht leicht fällt, loszulassen. Es ist wohl die Angst vor Einsamkeit.

  • Regina sagt:

    Hallo Renate, ich denke, die meisten von uns kennen die Schwierigkeit aus einer Beziehung rauszugehen. Die Hoffnung stirbt halt zuletzt.
    Lieber Gruß und ein schönes Wochenendde!
    Regina

  • Luise sagt:

    Ach, wie bin ich froh, dass ich vor über 20 Jahren meinen Traummann gefunden habe. Was für ein Glück das ist, merke ich jeden Tag.
    Luise

  • Paula sagt:

    “Die Kinder, zwei kleine Söhne, seien noch zu klein, meinte er. Das könne er ihnen nicht zumuten. Unglückliche Eltern seien für Kinder besser als getrennte Eltern. So meinte er…”

    Ich stimme ihm zu, als traumatisiertes Scheidungskind. Kleine Kinder brauchen Sicherheit, damit sie stark werden können. Das ist wichtiger als alles andere. Die unglücklichen Gefühle ihrer Eltern nehmen sie natürlich auch mehr oder weniger wahr, das hängt vom Schauspieltalent der Eltern und ihrer Selbstdisziplin ab. Streiten kann man auch nachts, wenn sie schlafen. (Sobald jedoch Gewalt und Hysterie ins Spiel kommt, bin ich natürlich auch für ein Ende mit Schrecken.)

    Aber dass Freund 1 sich nicht getrennt hat, als das ursprüngliche Versprechen, die Kinder zusammen großzuziehen, eingelöst war, könnte ein Ausdruck großer Abhängigkeit und Angst sein. Kein Wunder, dass die Liebe zu ihm ihr Aroma verloren hat, interesant sind nur wirklich freie, selbständige Menschen.

    Das zueinander passen ist so eine Sache, denn ich glaube, dass unsere Auswahl der Partner – zumindest in jüngeren Jahren – eher unbewusst biologisch gesteuert ist, damit die Gene recht schön unterschiedlich sind, um gesunden Nachwuchs in die Welt zu setzen. Die Pheromone sind da nicht sehr wählerisch, was Intelligenz, Geschmack und gemeinsame Interessen angeht.

    Alle weiteren Versuche könnten daher ruhig ein bisschen mehr rational gesteuert werden. Also ich würde mir das mit Freund I noch mal überlegen…

  • Anonymous sagt:

    Liebe Paula, ich teile deine Meinung leider nicht und halte es nicht für gut, wenn zwei Menschen, die nicht zueinander passen, nur der Kinder wegen zusammen bleiben. Auch wenn nur nachts gestritten wird, bekommen Kinder tagsüber die schlechte Stimmung mit. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, wie es ist in einer schlechten Stimmung zu leben. Die schönste Zeit für uns Kinder mit meiner Mutter war die, als mein Vater mit gebrochenem Bein im Krankenhaus lag…

  • Paula sagt:

    Offenbar hast Du Deinen Vater nicht genauso geliebt wie Deine Mutter, Herr/Frau Anonym, in dem Fall war es dann wohl tatsächlich in Deinem Fall besser nach der Trennung.

    Eine Trennung der Eltern ist für Kinder immer eine Katastrophe, wenn sie beide Eltern lieben, weil sie durch die Trennung wie innerlich zerrissen sind und meist dazu genötigt werden, sich entscheiden zu müssen. Deshalb ergreife ich immer Partei für die Kinder, auch weil sie die Schwächsten der beteiligten Personen sind, und rate allen halbwegs vernünftigen und selbstdisziplinierten Eltern, auch “nur” wegen der Kinder zusammenzubleiben, bis diese groß genug sind, dass sie eine Trennung seelisch verkraften können. Sonst bleiben die Folgen für sie ein Leben lang nahezu unüberwindbar (Scheidungskinder sind oft beziehungsunfähig). Wie gesagt, mit der Ausnahme, wenn Gewalt oder Hysterie im Spiel ist.

  • renate sagt:

    Liebe Paula, Frau Anonymous war ich, … unbewusst … hab nicht mitgekriegt, dass da in der Absenderzeile kein Name stand.
    Ja, du hast Recht, ich habe meine Mama mehr geliebt als meinen Vater. Kein Wunder, angesichts seines Verhaltens der Familie gegenüber. Meine Mutter war eine sehr liebevolle, gerechte und faire Frau. Mein Vater war genau das Gegenteil. Kriegsfolgen vermutlich und der Verlust von allem, was er sich je erarbeitet hatte. Vor dem Krieg hatte er ein gut gehendes Kürschnergeschäft in Breslau, nach dem Krieg hatte er nichts. Das hat ihn wohl so verbittert gemacht.
    Lieber Gruß von Renate

  • Bernd sagt:

    Beim Gedanken an Trennung sollte man immer zuerst an die Kinder denken. Die können all das kluge Gerede – wieso und warum nicht verstehen, wollen einfach nur Eltern haben -ZWEI und nicht EINE/EINEN.
    Gruß
    Berndl

  • renate sagt:

    Stimmt! Aber was fühlen Kinder, wenn Eltern sich ständig streiten. Und wenn sie das “nur” nachts machen, tagsüber permanent miserable Stimmung herrscht?

  • Paula sagt:

    Natürlich sind die Kinder dann sehr unglücklich und dann wird es wichtig darüber zu reden und es nicht totzuschweigen.

    Es geht mir in meiner Haltung um die Prioritäten, meiner Meinung nach sollten die Eltern auf jeden Fall ihr Ego und ihre Befindlichkeiten zugunsten der Befindlichkeiten ihrer Kinder zurückstellen, das ist mit sehr viel Selbstdisziplin und etwas Klugheit möglich (Da spreche ich aus langjähriger Erfahrung aus meiner Ehe, die nicth nur einmal kurz vor der Trennung stand). Wer nicht dazu in der Lage ist, muss sich natürlich trennen mit all den schlimmen Folgen, die das für die Kinder hat. Hier ist ein Aufsatz zum Thema “Wieviel Vater braucht das Kind”, das beste, was ich je dazu gelesen habe:

    http://www.wera-fischer.de/Vaeter.html

    In diesem Sinne, schönes Wochenende!

  • renate sagt:

    Danke für den interessanten Link, liebe Paula. Ich habe ihn erstmal überflogen, werde ihn aber nachher genau lesen. Über dieses Thema werde ich noch mal schreiben, denn die Ansichten von Frau Fischer sind interessant – verdienen aber auch individueller Sichtweisen anderer. Wenn ich beispielsweise an meine Eltern denke und die permanente Angst, die ich vor meinem Vater hattte … und das Frauenbild, das ich von meiner Mutter übernommen habe … dieses Thema ist auf alle Fälle einer dialektischen Betrachtungsweise wert.

  • Calo sagt:

    Der Fall 1. erschüttert mich, weil es mir ein weiteres Mal bestätigt, wie rational eine Frau an das Objekt ihrer Begierde ´rangeht. Von der Macht der Verliebtheit habt ihr Frauen wohl noch nie was gehört! Leidenschaft kennt ihr nur aus Filmen und billigen Groschenromanen.
    Kein Wunder, daß, nachdem der Mann frei war, sich keine Liebe mehr fand…sie wäre auch vor 20 Jahren nicht entstanden…du brauchst dir DESWEGEN keine Sorgen zu machen.

  • Renate sagt:

    Liebe wird oft mit rationaler Blindheit verwechselt, lieber Calo. Ich bin nach wie vor sehr froh, dass ich damals die richtige Entscheidung getroffen habe – nämlich nicht als Geliebte eines verheirateten Mannes zu leben.

  • Annenonym sagt:

    Hallo Renate,
    zu Fall 1 (deinem) konstatiere ich aus sicherer und zeitlicher Entfernung, dass du diesen Mann nicht wirklich gewollt hast; vermutlich weil du durch sein mangelndes Engagement ohnehin enttäuscht von ihm warst.

    Zu Fall 2 nur zwei profane Sätze:
    Partner bedingen einander.
    Es muss noch dicker kommen.

    Aber unterm Strich hat jeder Mensch sein individuelles Tempo für wichtige Entscheidungen.

    Gruß und schönes Wochenende,
    Anne

  • renate sagt:

    Schade, dass du anonym bist. Ich würde gern wissen, wer du bist – denn ich teile deine Ansicht.
    Lieber Gruß von Renate

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