wahrheitImmer wieder werde ich gefragt, was ich von diesem oder jenem halte, was ich zu diesem oder jenem sage oder ob ich dieses oder jenes gut oder schlecht fände. „Sag mir ehrlich deine Meinung!“, heißt es dann oft. Ehrlich! Ehrlich? von wegen! Meine Erfahrung zeigt immer wieder, dass ich zwar um meine Meinung gefragt werde, sie aber keiner wirklich wissen möchte. Zumindest ist meine Meinung dann nicht wirklich gefragt, wenn sie von der Meinung des Fragestellers abweicht. Denn sobald ich eine andere Meinung habe, findet sie kein Interesse. Bestenfalls. Meistens stößt sie nicht nur auf kein Interesse, sondern löst Unmut aus. Oft auch Ärger. Manchmal sogar Wut. Schlimmstenfalls gehen dabei auch Freundschaften oder gute geschäftliche Beziehungen drauf.

Jetzt ist wieder so ein Fall eingetreten. „Was hältst du von meinem Manuskript?“, wurde ich von einem Freund gefragt. Und ich hätte es so machen sollen, wie es fast immer mache: Ich hätte mich positiv äußern und auf jegliche Kritik verzichten sollen. Leider habe ich das nicht gemacht. Im Gegenteil. Ich habe das Manuskript sehr aufmerksam gelesen. Zeile für Zeile. Rund zwanzig Stunden war ich damit beschäftigt. Also rund zweieinhalb (Arbeits)Tage. Damit aber nicht genug. Nach der Lektüre habe ich weitere zwei Stunden damit verbracht, mir Gedanken zu machen über das, was mir gefallen hat und über das, worüber ich gestolpert bin. Danach habe ich eine weitere Stunde gebraucht, um mein Fazit schriftlich zu formulieren, inklusive konstruktiver Kritik und entsprechenden Vorschlägen bzw. Fragen und Hinweisen.

Ergebnis: Er ist stinkesauer und teilt mir seine Argumente mit, warum er sein Manuskript genau so verfasst habe, wie es nun mal dasteht. Aha! Allerdings frage ich mich, warum er mich ursprünglich, und zwar ausdrücklich, um meine Meinung gebeten hat. Meine Vermutung ist, dass es so ist wie nahezu immer: Sag mir deine Meinung, aber wehe, sie fällt anders aus als meine eigene …

P. S.: Diese Erkenntnis hatte ich vor Jahren schon und habe darüber auch eine kleine Betrachtung verfasst:

Sag mir deine Meinung!

9 Gedanken zu „Sag mir deine Meinung!

  • 17. Oktober 2016 um 14:08
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    Ist leider so. Mit Kritik umzugehen – haben die meisten vermutlich nicht gelernt. Am eigenen Ego kratzen – nein. Weil Schwäche negativ gesehen wird und nicht als Chance.
    Auch ich bin, nein, war harmoniesüchtig. Wollte niemandem weh tun. … Auf die Dauer geht das nicht gut.
    Natürlich höre auch ich lieber Lob als Kritik. Wer nicht? Aber wenn der Ton stimmt, dann versuche ich, darüber zu schlafen, nicht sofort panisch zu reagieren und die sachliche Kritik zu analysieren und zu relativieren. Und dabei konnte ich auch schon viel lernen. Kritik – ja, gern, wenn sie mir verständlich gemacht wird. Meckerer – nein, da schalte ich auch Durchzug.

    Ich sehe noch einen anderen Grund: die Eindimensionalität der schriftlichen Kommunikation, auch über FB und andere Medien. Wenn man dann noch ein direkter Mensch ist, der ohne viel Umschweife auf den Punkt kommt – entsteht oft ein anderer Eindruck als beabsichtigt. Geschriebenes klingt härter, man kann es durch Betonung oder den Klang der Stimme nicht weichzeichnen. Überzeichnungen, Ironie, Bedauern, Empathie – das alles kann auf der Strecke bleiben. …
    Das gleiche Gespräch/Feedback wäre mit einem Glas Rotwein vermutlich anders, besser verlaufen. …
    Schnell wird man in die Ecke gestellt – als besserwisserisch oder noch schlimmer.
    Ja, das kostet „Freunde“, „Beziehungen“. Aber sich selbst in die Tasche lügen?
    Ich weiß nicht. Ich bin auch gerade frustriert und traurig. Letztendlich sind wir allein mit uns, deshalb müssen wir zuerst mit uns selbst im Reinen sein. Und Freundschaft auch als etwas temporäres sehen und schätzen. Einen anderen Rat habe ich leider nicht. Wir können nur uns selbst ändern, nicht die anderen.

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    • 17. Oktober 2016 um 14:14
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      So ist es, Sabine. Leider. Und natürlich hast du recht: Kritik einzustecken, ist nicht so einfach. Das weiß ich selbst sehr gut. Auch ich habe einen Freund, den ich um meine Meinung bitte. Er sagt sie mir. Er schreibt sie auch. Geschriebenes ist manchmal sogar besser … allerdings bedarf es da wirklich sehr vorsichtiger Formulierungen.
      Ich höre mir seine Meinung immer an. Sehr interessiert! Weil mich seine Sichtweise interessiert. Ich setze seine Vorschläge oder Ansichten nicht immer um, aber oft. Zumindest ist seine „Kritik“ ein Anstoß. Was ich dann damit mache, ist eine andere Sache. Im Endergebnis sind wir dann aber meist einer Meinung. Und wenn nicht, ist zumindest keiner böse auf den anderen. Im Gegenteil: Unsere Diskussionen haben unsere Freundschaft im Laufe der Jahre vertieft, und unsere gegenseitige Wertschätzung ist gewachsen und wächst immer noch …

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      • 17. Oktober 2016 um 18:45
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        Echte Freundschaft hält einiges aus, selbst Differenzen und auch mal eine kleine Lüge. Freundschaft ist ja die „kleine Schwester der Liebe“. Man liebt den anderen, obwohl man ihn kennt.
        Der Austausch mit Vertrauten ist wichtig. Diese „Kritik“ hinterlässt auch keinen Frust, sondern eine Befriedigung, schafft Klarheit in den eigenen Gedanken, ist positiv.

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        • 19. Oktober 2016 um 22:32
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          So ist es, liebe Sabine!

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  • 17. Oktober 2016 um 15:39
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    Ganz klar, auch ich mag lieber Lob als Kritik. Wenn ich jemanden frage „Was hältst Du von meinem…?“ höre ich am liebsten: „Toll. Super. Ganz prima.“
    Wie in dem vorherigen Kommentar richtig gesagt wurde, haben wir eigentlich alle nie gelernt, mit Kritik umzugehen. Mit fortschreitender Lebenserfahrung lernt man gewisse Techniken, um Kritik abzubiegen, zu kontern oder ins Leere laufen zu lassen. Das sind aber natürlich nur rhetorische Spielchen. Was uns niemand beibringt ist, Kritik als Anregung und Gewinn zu verstehen.
    Was uns üblicherweise auch niemand beibringt ist, „richtig“ zu kritisieren, also objektive Kriterien von subjektiven zu trennen, nicht persönlich zu werden und auch das richtige Maß zu finden. Daran knabbere ich selber auch noch. Ich glaube, letztlich geht es gar nicht so sehr um Wahrheit oder Lüge sondern darum, wie ich meinem Gegenüber mit meiner Meinung und Erfahrung weiterhelfen kann.

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    • 19. Oktober 2016 um 22:31
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      Nicht nur Deinen letzten Satz kann ich unterschreiben, aber der bringt es auf den Punkt. Danke, lieber Leo!

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  • 17. Oktober 2016 um 18:14
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    Interessant. Ich suche eigentlich gerne nach Kritik. Die Kritik sollte natürlich von jemandem kommen, der die nötigen Kenntnisse hat. Aber das sollte ja eigentlich der Fall sein, wenn ich mir meinen Kritiker selber aussuche.

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    • 19. Oktober 2016 um 22:32
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      Konstruktive Kritik ist sehr hilfreich! Kann sehr hilfreich sein, besser gesagt. Wenn sie angenommen wird …

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