Mit dem Lorio-Männchen nach Dubai?

Ich war gerade mal neunzehn, als ich zum ersten und einzigen Mal darüber nachdachte, ob ich mich zur Prostituierten eigne.

Auf diese Idee bin ich nicht selbst bekommen, sondern der Mann einer Freundin, der seine ersten Meriten als junger Strafverteidiger verdiente. Ich war bei den beiden zum Abendessen eingeladen und wir saßen gerade über der Vorspeise als Heinz mich fragte, wie viel ich im Monat so verdiene. Ich antwortete wahrheitsgemäß. So um die 600 Mark waren das. Heinz grinste und meinte weiter, da gäbe es eine Möglichkeit das Doppelte zu verdienen und zwar nicht im Monat, sondern in lediglich einer Nacht. Verblüfft schaute ich ihn an und er grinste noch breiter. Ja, fuhr er fort, das sei wirklich ganz einfach, ich sollte in meinem schnuckeligen Apartment Männern zur Verfügung stehen. Wie er das nun wiederum meinte, brauchte ich gar nicht zu fragen, ich bin ja nicht doof.

Woher das denn so gut über die Einkommenszahlen von Prostituierten Bescheid wisse, fragte ich stattdessen. Er verteidige seit Neustem einige Zuhälter, sagte Heinz, und die seien ganz großzügig mit Auskünften.

Wir haben dann das Thema gewechselt, aber der Gedanke saß immer noch im meinem Kopf als ich ein paar Wochen später zu einem Richtfest eingeladen war. Der erste Terrassenhausbau Freiburgs wurde gebührend gefeiert, der Bauherr zählte zu den wohlhabendsten Männern der Stadt, und ich hatte die Ehre, genau neben ihm zu sitzen.

Der Mann war so um die Mitte fünfzig und hatte fatale Ähnlichkeit mit dem Loriot-Männchen. Knollennase, wenig Haare auf dem Kopf und Überbiss, also abgesehen davon, dass er 35 Jahr älter war als ich, sah er nicht mal gut aus. Aber Männer seines Schlages sind an solchen Tatsachen wohl nicht interessiert, denn er hatte überhaupt keine Schau mich zu einem Wochenende nach Dubai einzuladen. „Sie wollen doch nur mit mir schlafen“, sagte ich. Ja, das könne er nicht leugnen, antwortete er, doch ich brauche nichts zu tun, was ich nicht ausdrücklich wolle. Der Dialog ging dann noch weiter, spielt hier aber keine Rolle, denn relevant ist nur, dass ich nicht mit ihm nach Dubai geflogen bin und die Überlegung, mein Geld eventuell mit dem horizontalen Gewerbe zu verdienen, von diesem Zeitpunkt an erledigt war.

Jahre später machte ich mich selbständig und hatte naturgemäß mit Menschen zu tun, die mir unmoralische Angebote unterschiedlichster Natur machten (Provisionszahlungen bei Auftragsvergabe unter anderem), die ich aber alle ablehnte. Allerdings gab es auch Aufträge, bei denen es um ein stattliches Sümmchen ging, bei denen ich aber auch ohne unmoralische Angebote so ein Grummeln im Bauch verspürte. So ein ungutes Gefühl, das ich nicht rational begründen konnte, sondern ganz tief aus dem Innern kam. Einen Auftrag mit Honorarwert von mehreren tausend Mark abzulehnen, das fällt einer Freiberuflerin wie mir doch sehr schwer. Also überhörte ich das Grummeln und begab mich an die Arbeit. Solche Fälle gab es mehrere und jedes Mal war die Sache ein Schuss in den Ofen. Ich konnte dem Geld per Anwalt nachlaufen, bekam es gar nicht oder der Arbeitsablauf war derart schwierig, zeitaufwändig und kompliziert, dass ich auf den Auftrag besser verzichtet hätte. Aber hinterher ist man ja immer schlauer…

Und an dieser Stelle schlage ich nun den Bogen zur Prostitution. Ich vermute nämlich, dass es nicht sehr viele Frauen gibt, die mit Begeisterung diesen Job ausüben, sondern weil das Einkommen winkt. Einen Auftrag widerwillig und gegen seine innere Überzeugung auszuführen, nur weil ein paar Mark (heute Euro) winken, ist meiner Meinung nach auch eine Art von Prostitution, und deshalb habe ich mir im Laufe der Jahre angewöhnt, Aufträge abzulehnen, sobald mein Alarmglöckchen bimmelt. So auch vor zwei Wochen. Auftraggeber war der hier schon beschriebene Konrad. Ich sollte für ihn eine Homepage entwickeln. Im Grunde eine schöne Aufgabe, ich konzipiere und gestalte nämlich sehr gern Homepages.

Ich besprach mit ihm mein gedankliches Konzept, sagte ihm das Honorar, bei dem er anfangs meinte, es sei doch ein bisschen hoch, ich ihm aber innerhalb weniger Minuten erklären konnte, dass es keineswegs hoch sei, im Gegenteil, ein Freundschaftshonorar. Kurz und gut, ich bekam den Auftrag und machte mich an die Arbeit. Entwurf und Struktur gefielen ihm gut, ich begann mit der Ausarbeitung. Und dann ging es los: das wollte er anders haben, und jenes auch. Die Struktur passte ihm auch nicht mehr – obwohl klar besprochen. Die Programmierung sollte auch nicht mehr mein bewährter Computerfreak machen, sondern Menschen, die ich gar nicht kannte, und von denen ich demzufolge nicht wusste, ob sie ihr Handwerk beherrschten (was in so einem Fall extrem wichtig ist – ich hab da meine leidigen Erfahrungen). Alles in allem konnte ich meine bisherige Arbeit in die Tonne treten und von vorn beginnen.

Das war die eine Sache. Die andere Sache war die, dass Konrad denselben Ton an den Tag legte, den ich früher an ihm schon nicht verknusen konnte und auch grundsätzlich leiden kann. Dazu muss man wissen, dass ich geschäftliche Gespräche bevorzugt in gleicher Augenhöhe führe. Mich also nicht als subalterne Befehlsempfängerin sehe, sondern als paritätische Partnerin. Konrad allerdings liebt es, den Boss zu geben und vom Podest herab zu sprechen. Mich von unterwegs anzurufen und zur selben Zeit auch Telefonate mit anderen zu führen und mich in der Leitung hängen zu lassen, macht ihm übrigens auch Spaß – mir aber nicht.

Die Diskussion mit ihm dauerte ungefähr eine Stunde. Er hörte überhaupt nicht zu, fiel mir dauernd ins Wort und während des Telefonats bereits fühlte ich mich überhaupt nicht gut und nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, fühlte ich mich noch schlechter.

Ich trank erstmal ein Glas Wein. Meine Gefühle wurden nicht besser. In meinem Bauch grummelte es, und ich wusste, was ich zu tun hatte.

Vorsichtshalber telefonierte ich später am Abend noch mit meiner Freundin Ruth und die empfahl mir genau das, was ich mir selbst auch schon empfohlen hatte: Rücktritt vom Auftrag.

Das habe ich dann auch gemacht. Auf ein paar tausend Euro zu verzichten, das ist wirklich keine leichte Entscheidung, zumal die Hälfte der Arbeit ja schon geleistet war. Für die Katz zwar aber totzdem…

Doch nur des Geldes wegen absehbaren Ärger, Stress und unangenehme Auseinandersetzungen auf mich zu nehmen, nein, das ist nicht mehr meine Sache. In der Zeit, in der ich mich rumärgere, beschäftige ich mich lieber mit angenehmen Dingen oder ich mache endlich meine Acquise-Präsentation fertig. Gegen meine innere Überzeugung etwas zu tun, das mache ich mittlerweile nur noch, wenn mir definitiv nichts anderes übrig bleib. Aber in geschildertem Fall hatte ich ja die Wahl. Die habe ich getroffen und ich fühle ich sehr gut damit. Denn in meinem 25 Jahren als Freiberuflerin weiß ich ganz genau, mit wem ich gut arbeiten kann und mit wem nicht. Früher wusste ich das zwar auch schon, aber ich habe meiner inneren Stimme nicht getraut. Und das war im Nachhinein gesehen immer ein Fehler!

Nein, ich fliege nicht mit dem Loriot-Männchen nach Dubai – sondern bleibe am Ammersee und schmuse mit meinen Katzen!

5 Antworten auf Mit dem Lorio-Männchen nach Dubai?

  • Rita sagt:

    Wenn eine Frau mit 55 einen jungen Mann mit 19 zu einem gemeinsamen Wochenende nach Dubai einladen würde, da würde wohl jeder den Kopf schütteln. Bei einem Mann ist das was anderes. Ungerechte Welt!
    Übrigens: Gratulation zu deinem Entschluss. Man sollte wirklich hin und wieder nein sagen.
    Lieber Gruß von Rita

  • Ulf Runge sagt:

    Liebe Renate,

    egal, ob als FREI-BeruflerIn oder als “abhängig Beschäftigter”, es ist sehr schwer, einen Kundenauftrag abzulehnen, ohne dass das nicht weitreichende Folgen haben kann.

    Womöglich wird Konrad in absehbarer Zeit einsehen, dass er so nicht mit Dir umspringen kann. Und dann besteht ja eventuell noch einmal die Chance, eine Basis für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu finden.

    Liebe Grüße, Ulf

  • Renate sagt:

    Nein, lieber Ulf, diese Basis ist definitiv nicht mehr vorhanden. Denn sie hat etwas mit Respekt zu tun, der hat (mir) damals schon gefehlt und heute noch mehr.
    Interesse und dadurch Verständnis für das Gegenüber ist mir heute sehr wichtig und darauf mag ich nicht mehr verzichten – im Umgang mit jedermann. Wenn man sich Zeit nimmt für Erklärungen eines anderen, dann kann man ihn meist auch verstehen und dann findet sich eigentlich immer irgendein Weg zu einem Konsens. Konsens lässt sich nicht diktieren. Konrad diktiert aber sehr gern. Und ich hasse es, etwas diktiert zu bekommen.
    Lieber Gruß von Renate

  • Bernd sagt:

    Liebe Renate, ich bin mal ein Jahr zurückgereist und befinde mich im November 2007. Dort flatterte mir diese Story auf den Bildschirm. Die habe ich gern gelesen und dabei ein wenig bedauert, dass ich nie Freiberufler war. Mit Bauchschmerzen hab ich vieles veranstaltet, was mir von oben aufgedrückt wurde. So ergeht es aber den meisten. Den Bogen schlage ich nun zurück, zur Prostitution. Über eine Dame, die aus Not ihr Geld mit Sex verdiente, habe ich eine Geschichte geschrieben. Zu finden unter: http://www.bernd-wohlers.de/literatur/meine-rettung.html
    Die Story hat den Vorteil, dass der Rahmen auf tatsächlichem fußt.
    Lieben Gruß
    Bernd

  • Renate sagt:

    Lieber Bernd, ich denke, dass es viele Frauen gibt, die Geld verdienen müssen mit etwas, das ihnen keinen Spaß macht. Männern geht es wohl ähnlich…
    Deine Story habe ich gelesen. Sehr gut geschrieben!
    Lieber Gruß von Renate

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