Nicht ganz normal

Es wird mir öfter nachgesagt und manchmal vermute ich es selbst: ich bin nicht ganz normal, nicht dieser Gesellschaft zugehörig, ein outlaw. Dafür gibt es mehrere Indizien, aber eines davon spricht Bände: ich habe Zeit. Das ist verdächtig, und darüber hätte ich mir schon längst mal ernsthafte Gedanken machen sollen.

Denn, wenn ich so um mich herum schaue, sieht das ganz anders aus. Meine Freundin Ulrike zum Beispiel. Die hat nie Zeit. Dabei ist sie weder verheiratete Hausfrau, noch stolze Besitzerin mehrerer Kinder. Nein, sie macht eigentlich nichts anderes als ich, sie arbeitet. Das ist es aber nicht, was ihr die Zeit raubt. Nein, wirklich nicht. Die längsten Telefonate führen wir tagsüber, während sie arbeitet. Im Gegensatz zu mir wird sie dabei aber bezahlt. Ulrikes Zeitnot besteht also nicht bei der Arbeit, sondern danach. Und dieses Problem teilt sie mit Millionen anderer bedauernswerter Zeitgenossen: Freizeitstress.

Der beginnt bei Ulrike schon am ersten Tag der Woche. Am Montag ist Yoga angesagt. Am Dienstag dann Kultur. Theater, Konzert oder Vernissage. Von allem gibt’s in München ja genügend, allein die vielfältige Auswahl gereicht da schon zum Stressfaktor. Mittwochs ist Sozial-Engagement, Terres des Hommes, Green Peace oder weiß ich nicht, was es noch alles gibt. Donnerstags muss sie endlich mal raus in die Natur. Also, rauf aufs Rennrad und mit rasantem Tempo über Asphaltstraßen jagen. Fünfzig Kilometer hin, fünfzig Kilometer zurück. Das macht die Birne leer und setzt Adrenalin frei.

Am Freitag will ihr Freund endlich mal mit ihr essen, ins Kino oder/und ins Bett gehen, samstags wird im Winter Ski gefahren und im Sommer auf die Berge geklettert. Und sonntags, ja am Sonntag, da muss sie ja endlich mal ausruhen, sich erholen von dem ganzen Wochenstress. Wenn ich mich mit ihr mal zu einem gemütlichen Abendessen verabreden will, muss ich mich Wochen vorher anmelden, weil sie natürlich einen ihrer fixen Termine verschieben oder womöglich ganz absagen muss.

Andere Freunde haben übrigens ähnliche Probleme. Einen Abend gemeinsam mit mehreren von ihnen? Das unter einen Hut zu bringen, benötigt Unmengen von Telefonaten, Faxen und e-mails und das gemeinsame Treffen findet frühestens ein Vierteljahr später statt. Frühestens!

Und ich? Was mache ich nur falsch? Mindestens vier Abende pro Woche stehen zu meiner freien Verfügung. Ich kann machen, was, wann, wo und mit wem ich will. Kann (sommers) Golf spielen, mich vor den Fernseher hocken, in die Badewanne legen, die Katze streicheln, am See lustwandeln, mit Nachbarn ratschen und dabei ein oder mehrere Gläschen Rotwein trinken, vollkommen unnütze Telefonate führen, ein genauso unnützes Buch lesen, ein noch unnützigeres Buch oder eine Kolumne schreiben, Cooljazz hören, mir Gedanken übers Leben im allgemeinen und über meins im speziellen machen und mich vor allem fragen, was mit mir nicht stimmt. Denn ich habe tatsächlich Zeit, in meiner Freizeit. Sehr bedenklich!

6 Antworten auf Nicht ganz normal

  • Andrea sagt:

    Die Frage wäre, ist deine Freundin denn damit unglücklich? Oder gefällt es ihr, wie sie ihre Zeit verbringt?
    Du setzt halt andere Prioritäten was deine Freizeit betrifft. Mir wäre das auch zuviel Stress, aber soll doch jeder nach seiner Facon glücklich werden…

  • Renate sagt:

    Sehe ich genau wie du, liebe Andrea.

  • april sagt:

    Nein, ich sehe das nicht so; ich glaube nicht, dass ‘Ulrike’ sich glücklich fühlt. Das ist die Fortsetzung von den Kindern, die montags Kindergruppe haben, dienstags Flötenkurs, mittwochs Ballett oder Judo … samstags Fußballtraining und sonntags wissen sie nicht, was sie tun sollen *g*. Mir scheint, Zeit haben ist der wahre Luxus. Ich habe sie auch und unsere (wenigen) Freunde ebenfalls. “Das machen wir spontan” ist unser Lieblingssatz.

  • Renate sagt:

    Ich denke nicht, dass meine Freundin unglücklich ist. Sie verbringt (verplant) einfach ihre Freizeit völlig anders als ich.

    Mir persönlich ist die “spontane Entscheidung” auch lieber als auf Wochen hinaus verplant zu sein. Mehr als zwei Verabredungen in der Woche plane ich nicht. Andere Freunde/Bekannte dagegen sind nahezu jeden Abend verplant. Mich würde das einengen … jeden Abend auf Achse. Nö, nix für mich. Aber das ist wirklich jedermanns persönliche Sache.

  • Christa sagt:

    Ich scheine auch was falsch zu machen liebe Renate. Ich finde Zeit sogar Zeit in Blogs zu lesen und zu kommentieren.

    In meinem Bekanntenkreis gibt es auch viele, die nie oder kaum Zeit haben – ewig gestresste Leute. Ich habe beobachtet, dass dies meist Menschen sind, die sich schwer damit tun mit sich alleine zu sein.

    Gruß Christa

  • Bernd sagt:

    Liebe Renate,
    bestimmt, ganz sicher machst du etwas falsch. Siehe mich – einen Rentner, nie aber auch gar nie habe ich Zeit. Heute z.B. hatte ich nichts zu tun, den ganzen Tag frei und da hab ich den Fehler gemacht, in das Log meines Servers zu schauen und das wars. Die nächsten sieben Stunden habe ich mich mit einem amerikanischen Robot rumgeprügelt, bis das Mistvieh das Weite suchte.

    So etwas würde nie passieren, wenn ich einen Termin habe, so etwas passiert immer, wenn nichts anliegt.
    Lieben Gruß
    HD und Bernd

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>



 
Kraeuterbuch kraeuterbuch Buch

"Ein Buch, das verzaubert"
Jutta Aurahs
Redaktion "Geliebte Katze"

Für nähere Informationen aufs Bild klicken.