Nai, lueget doch des Spinnli a
Vorhin habe ich dieses Wunder der Natur fotografiert, und dabei ist mir dieses Gedicht des alemannischen Mundartdichters Johan Peter Hebel in den Sinn gekommen. Ich habe es vor vielen, vielen Jahren vorgetragen. In der Zwergschule von Wittnau, dem Dorf, in dem ich groß geworden bin. Die Zuhörer waren entzückt – denn schließlich wurde in meiner Familie hochdeutsch gesprochen, nur ich, das Nesthäkchen, bin in dem Dorf aufgewachsen und habe natürlich im Handumdrehen perfekt badisch sprechen gelernt.
Nai, lueget doch des Spinnli a,
wie’s zarti Fäde zwirne ka!
Bas Gvatter, meinsch, kasch’s au ne so?
De wirsch mer’s, traui, blibe lo.
Es macht’s so subtil und so nett,
i wott nit, aß i ‘s z’haschple hätt.
Wo het’s die fini Rischte gno,
bi wellem Meischter hechle lo?
Meinsch, wemme ‘s wüßt, wol mengi Frau,
sie wär so gscheit, und holti au!
Jez lueg mer, wie ‘s si Füeßli sezt,
und d’Ermel streift, und d’Finger nezt.
Es zieht e lange Fade us,
es spinnt e Bruck ans Nochbers Hus,
es baut e Landstroß in de Luft,
morn hangt sie scho voll Morgeduft,
es baut e Fußweg näbe dra,
‘s isch, aß es ehne dure ka.
Es spinnt und wandlet uf und ab,
potz tusig, im Galopp und Trab!
Jez goht’s ringum, was hesch, was gisch!
Siehsch, wie ne Ringli gwore isch?
Jez schießt es zarti Fäden i.
Wird’s öbbe solle gwobe si?
Es isch verstuunt, es haltet still,
es weiß nit recht, wo ‘s ane will,
‘s goht weger zruck, i sieh’s em a,
‘s muß näumis Rechts vergesse ha.
›Zwor‹, denkt es, ›sel pressiert jo nit,
i halt mi nummen uf dermit.‹
Es spinnt und webt, und het kei Rascht,
so gliichlig, me verluegt si fascht.
Und ‘s Pfarrers Chrischtoph het no gseit,
‘s seig jede Fade zsemmegleit.
Es mueß’n guti Auge ha,
wer’s zehle und erkenne ka.
Jez puzt es sini Händli ab,
es stoht und haut de Fade ab.
Jez sizt es in sin Summerhus,
und luegt die lange Stroßen nus.
Es seit: ›Me baut si halber z’Tod,
doch freut’s ein au, wenn’s Hüsli stoht.
In freie Lüfte wogt und schwankt’s,
und an der liebe Sunne hangt’s,
sie schint em frei dur d’Beinli dur,
und ‘s isch em wohl. In Feld und Flur
sieht ‘s Mückli tanze, jung und feiß,
‘s denkt bi nem selber: ›Hätti eis!‹
O Tierli, wie hesch mi verzückt!
Wie bisch so klei und doch so gschickt!
Wer het di au die Sache glehrt?
Denkwol der, wonis alli nährt,
mit milde Händ alle git. Bis z’frieden!
Er vergißt di nit.
Do kunnt e Fliege, nei wie dumm!
Sie rennt em schier gar ‘s Hüsli um.
Sie schreit und winslet Weh und Ach!
Du arme Ketzer hesch di Sach!
Hesch keine Auge bi der gha?
Was göhn di üsi Sachen a?
Lueg, ‘s Spinnli merkt’s enanderno,
es zuckt und springt und het si scho.
Es denkt: ›I ha viel Arbet gha,
jez mußi au ne Brotis ha!‹
I sag’s jo, der, wo alle git,
wenn’s Zit isch, er vergißt ein nit.












Ich verstehe zwar kaum ein Wort, aber das Foto ist genial.
Viele Grüße
Lizzi
Wir beide verstehen ganz, ganz viel Bahnhof und bitten ebenfalls um eine Übersetzung. Ich wusste gar nicht, dass du den Ming Dialekt der ganz alten Chinesen kannst.
Das Foto ist Klasse!!!
Lieben Gruß
Angelika und Bernd
… liebe Renate, es hat mich erfreut und überrascht, dass du auch Hebel-Gedichte vorgetragen hast, das war dann doch bestimmt an einem 10. Mai. An diesem Tag (Geburtstag von Hebel) gingen auch wir immer mit der Schulklasse in den Wald und dort wurden dann verschiedene Gedichte aufgesagt. Hier bei uns im Markgräflerland ist er noch immer polulär.
Herzlichst Ingrid
Tja, wenn ich diese Zeilen da oben lese, wundere ich mich selbst fast ein bisschen, dass ich das alles verstehe. Na ja, habe schließlich fast zwanzig Jahre in einem Dörfchen gewohnt, wo genauso gesprochen wurde.
Viele Grüße in die Runde – von Renate