Muttertag

Der jetzt wieder vor der Tür stehende Muttertag wurde von den Amerikanern erfunden, von einer Amerikanerin, genauer gesagt. Anna Marie Jarvis hieß sie. Am 12. Mai 1907 ließ sie in ihrer Kirche einen Gedenkgottesdienst für ihre verstorbene Mutter zelebrieren und intensivierte danach ihr Bestreben, den “Tag der Mutter” als anerkannten Feiertag zu initiieren. 1914 hatte sie damit Erfolg, „Mothers Day“ wurde als nationaler Feiertag eingeführt. Wir verdanken den Amerikanern also nicht nur Mac Donalds, die rote Tracht des Weihnachtsmannes und ähnlich wichtige Errungenschaften, sondern auch dieses Familienfest.

Die Mutter, Quell unseres Menschseins. Monatelang trägt sie uns in ihrem Bauch, bringt uns zur Welt, nährt und wärmt uns, sorgt für unser körperliches und seelisches Wohl, erzieht, behütet und beschützt uns, und trotz dieser enormen Leistung besitzt sie einen ähnlichen Stellenwert wie das Wetter: man meckert an ihr herum und nimmt sie bestenfalls als selbstverständlich hin.

Um diesen unwürdigen Zustand zu ändern, wurde 1922 auch bei uns in Deutschland der Muttertag eingeführt. Liebe und Dankbarkeit sollte man zeigen – wenigstens einmal im Jahr.

Wie habe ich als kleines Mädchen diesen Tag geliebt! Meine Geschwister und ich haben Wildblumen gesammelt und eine Kleinigkeit gebastelt oder gehandarbeitet (Taschentücher umhäkelt zum Beispiel) oder in Schönschrift ein Gedicht zu Papier gebracht. Papa wartete mit einer Schachtel Konfekt und der Einladung zum Essen auf. An ihrem Ehrentag sollte Mama nicht am Herd stehen, sondern bekocht werden, in einem Restaurant, Dorfkneipe, besser gesagt. „Hirschen“ hieß sie.

Zu essen gab es erst Nudelsuppe, dann Schnitzel mit Pommes Frittes und (lecker saurem) Salat und als Nachspeise gemischtes Eis mit Sahne. Mama war verlegen ob all der „teuren“ Speisen und des Gedönses um sie, Papa war ausnahmsweise guter Laune und machte Witzchen. Wieder zu Hause, setzte Mama sich aufs Sofa, lobte unsere kleinen Gaben, ließ sich ein, zwei Stückchen Konfekt schmecken und reichte großzügig die Schachtel herum. Natürlich lehnte jeder ab. Der Inhalt gehörte ausschließlich Mama, das war ungeschriebenes Gesetz. Alles in allem war der Muttertag ein prima Tag, auch wenn Papa am nächsten Tag dann wieder der Alte war: schlecht gelaunt und despotisch.

Nachdem aus uns Kindern Teenager und junge Erwachsene geworden waren und wir eigene Wohnungen in unterschiedlichen Städten bezogen hatten, geriet das kleine Familienfest allmählich in Vergessenheit und keiner weinte ihm eine Träne nach, denn im Grunde verlaufen unsere Feiertage heutzutage ja alle ähnlich: stereotyp und ohne wirkliche Hingabe zum Anlass. Weihnachten zum Beispiel, das Fest der Liebe: von Liebe keine Spur. Laut Statistik erreicht die Zahl der Familienkräche an diesen Tagen sogar ihren Höhepunkt.

All unsere ehemals rituellen Feste sind im Laufe der Zeit zu standardisierten Konsum- und Pflichtveranstaltungen verkommen, von denen lediglich die Kaufleute profitieren. So ist es auch dem Muttertag ergangen. Rote Rosen, herzförmige Schmuckstücke und Pralinenschachteln – symbolträchtige Beweise für Liebe und Dankbarkeit. Liebe und Dankbarkeit bedarf keiner (teuren) Geschenke. Warum setzt sich denn nicht mal einer hin und schreibt seiner Mutter einen Liebes- oder Dankesbrief? Einfach, schlicht und ohne Sperenzchen. Das erfreut die Mutter bestimmt mehr als ein goldener Anhänger oder der obligatorische Blumenstrauß.

Und wenn ich schon mal dabei bin … wieso überhaupt Muttertag? Nicht nur Mütter erbringen anerkennenswerte Leistungen. Es gibt auch Väter, denen man Tribut zollen sollte (damit meine ich nicht den feuchtfröhlichen Vatertag, dem die Väter – vorzugsweise im Suff – selbst frönen). Oder Töchter und Söhne, die sich aufopfernd um ihre Eltern kümmern, denn achtzig Prozent der Alten in Deutschland werden nicht im Heim, sondern von Angehörigen gepflegt.

Und dann gibt es noch die Zeitgenossen, deren Leistungen in keinerlei Familienstatus begründet sind, aber trotzdem Anerkennung und Dank verdient haben. Die vielen Helfer an unterschiedlichsten Orten, die sich liebevoll und in selbstloser Weise um die Belange und Nöte von Mitmenschen (und Tieren) kümmern, und deren Mut, Engagement und gute Werke überhaupt nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Eigentlich sollte man all die verkommerzialisierten Feiertage abschaffen und dafür den „Tag des Menschen“ einführen. Und den sollte man nicht nur einmal im Jahr zelebrieren, sondern täglich. Im eigenen Bewusstsein und im Umgang mit anderen. Auch wenn’s nicht immer einfach ist…

9 Antworten auf Muttertag

  • Bernd sagt:

    Hallo Renate,
    eigentlich stimme ich deiner Einstellung zu den diversen Feier- und sonstigen dazu erfunden Feiertagen zu. Als Mutter von 4 Kindern fand ich es aber in früheren Zeiten immer sehr niedlich, wenn meine 3 jüngeren Kinder am Tag zuvor anfingen sehr geheimnisvoll zu tun. Es wurde gewispert und beraten und wenn ich kam verstummte alles. Am Muttertag kam dann um 7:00 Uhr morgens die Überraschung. Frühstück im Bett mit einem liebevoll dekoriertem Tablett und den dazugehörenden Brötchenkrümmeln anschließend im Bett. Die freudestrahlenden Augen meiner Bande möchte ich doch nicht missen. Es war immer ein schönes Erlebnis. Heute kommen Anrufe aus der Republik, über die sie sich verteilt haben auch ausserhalb vom Muttertag. Das ist schön so.

    Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag

    Angelika und natürlich auch Bernd

  • Renate sagt:

    Ja,liebe Angelika, man kann den “Muttertag” feiern wie man möchte. Ich persönlich habe ihn mit meiner Mama sehr oft “gefeiert”, indem ich ihr immer wieder gesagt und gezeigt habe, wie sehr ich sie liebe. Und ich mache das in anderen Lebensbereichen ebenso: ich “feiere”, wann ich das für richtig halte.
    In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine immer wieder kehrende Episode: wir saßen beim von Mama gekochten Essen. Und sie kochte sehr gut. Ich aß also und sagte immer wieder “oh, Mama, das schmeckt ja sooooo gut.”
    Mein Vater sagte: “Einmal reicht”.
    Ich sagte: “Nein, das reicht nicht. Und ich sage es so oft wie ich es will.”
    Und … Mama strahlte…

  • Renate sagt:

    P. S.: Wenn man nicht nur diesen einen Tag Wertschätzung zeigt, dann kann man den rituellen Tag wirklich zelebrieren. Mit Krümeln im Bett und anderen schönen Kleinigkeiten … und das kann dann auch richtig Spaß machen.
    Ich verstehe sehr gut, was du meinst, liebe Angelika. Besondere Tage kann man auch besonders feiern. Ich liebe Rituale!

  • Uschi sagt:

    Heute las ich in der Zeitung einen wirklich passenden Bemerk: Just ignore ‘mothers day’ and love me the rest of the year…

    Wuensche dir ein schoenes Wochenende, und ja, ich lese immer deine Beitraege, wenn auch nicht immer mit Reflektion.
    Schoene Gruesse, Uschi

  • Renate sagt:

    Der Spruch ist gut!
    Lieber Gruß in meine kalifornische Lieblingsstadt – von Renate

  • Sieglinde sagt:

    Liebe Renate, gestern, 21:47h schrieb mein Sohn mir eine Muttertagskarte:

    eCards: Gratis-Grüße zum Muttertag

    Machen Sie Ihrer alten Dame eine Freude: Verschicken Sie zum Muttertag herzliche Online-Grüße – kostenlos. Zwölf Motive stehen Ihnen zur Wahl. Sie brauchen nur noch E-Mail und Name des Empfängers eingeben sowie einen Text. Viel Spaß!

    Da sollte ich doch glatt Deinen Bericht oder den Spruch aus Kalifornien zurück schreiben
    Tut irgendwie schon weh….
    Liebe Grü´ße Sieglinde aus Südamerika

  • renate sagt:

    Das solltest du in der Tat machen, liebe Sieglinde. Und ich verstehe, dass so was Liebloses weh tut. Da wäre nichts zu schicken besser gewesen. :-(

    Lieber Gruß nach Südamerika – von Renate am Ammersee

  • sieglinde sagt:

    Liebe Renate, heute hat unser Sohn geskypt, gestern waren wir nicht online, und er hat sich für die Grusskarte soweit entschuldigt, er wollte einfach was losschicken. Also, wie Mütter so sind, verzeiht man alles, zumal er mir, wenn ich im Sommer (Juni/Juli) in Deutschland bin, eine Überraschung angekündigt hat. Liebe Grüße an unseren Ammersee sendet Sieglinde

  • Renate sagt:

    Liebe Sieglinde, verzeihen zu können, ist eine schöne Eigenschaft. Und oft ist man verletzt in Situationen, die das Gegenüber völlig anders gemeint hat als sie angekommen ist.

    Herzlicher Gruß von Renate

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>



 
Kraeuterbuch kraeuterbuch Buch

"Ein Buch, das verzaubert"
Jutta Aurahs
Redaktion "Geliebte Katze"

Für nähere Informationen aufs Bild klicken.