Es ist schon eine Weile her – da gab es in meinem Leben eine Situation, die mir nicht gefiel. Sie hat mir nicht nur nicht gefallen, sie hat mir gestunken, ich habe mich so richtig geärgert. Irgendjemand (ich weiß gar nicht mehr, welcher Idiot das war) hat sich mir gegenüber so beschissen verhalten, dass ich wie Rumpelstilzchen (bildlich gesprochen) in der Gegend rumgesprungen bin und am liebsten etliche Teller oder ähnlich zerbrechliche Gegenstände an die Wand geschmissen hätte.

Das habe ich natürlich nicht gemacht. Bin schließlich erwachsen. Leider!

Stattdessen habe ich einen von mir sehr geschätzten Freund angerufen und ihm mein Leid geklagt. Und was macht der Typ? Wie reagiert er? Ich hatte mir Verständnis erhofft, so nach dem Motto „du arme, arme Renate …“, aber nein, er sagt, völlig emotions- und empathielos: „Mensch, Renate, ärgere dich doch nicht immer so.“

Ich soll mich also nicht IMMMER (!) so ärgern!

Zugegeben, dieser Satz trug nicht dazu bei, meinen Ärger zu reduzieren. Im Gegenteil. Mein Ärger wuchs innerhalb weniger Sekunden um das Dreifache. Blähte sich auf, und ich musste mich wirklich beherrschen, um nicht lauthals in den Telefonhörer zu plärren, dass er (mein Freund) sich mit derart dämlichen Bemerkungen gefälligst zurückhalten bzw. sie ganz unterlassen solle.

Da ich aber (wie oben schon erwähnt) erwachsen bin, riss ich mich zusammen und sagte zu meinem Freund:

„Also, lieber Michael (so heißt der Freund), jetzt hör mir doch mal in aller Ruhe zu.“ Ich atmete tief durch und fuhr dann (sehr ruhig) fort. „Weißt du, das mit dem Ärger ist ja nicht so, dass ich hier hocke, mich langweile und denke, ach, was könnte ich denn jetzt Feines machen? … Ah ja, ich ärgere mich ein bisschen. Nein, so läuft das leider nicht, denn es ärgert sich von allein. Ganz einfach so. Ich ahne nichts Böses, und plötzlich passiert irgendetwas, das mich SEHR, SEHR ärgert. Und wenn ich mich ärgere, dann tue ich nicht so, als ärgerte ich mich nicht, sondern ich ärgere mich. Und ich stehe dazu. Und das Gute daran ist, dass ich nicht wie eine Irre in der Gegend rumlaufe und nach etwas suche, an dem ich meinen Ärger abreagieren könnte, sondern ich sitze da und überlege: Warum ärgere ich mich? Und dass ich mich so verhalte, finde ich SEHR, SEHR gut. Denn die meisten Zeitgenossen, die sich ärgern, machen sich diese Gedanken nicht und reagieren ganz spontan. Schmeißen mit Gegenständen, zum Beispiel. Beleidigen andere Menschen – sofern welche in ihrer Nähe sind. Manche bringen sogar andere Menschen um. Und das sind gar nicht so wenige. Die Gefängnisse sind voll von ihnen. – Alles in allem kenne ich keinen Menschen, der diesen wunderbaren Knopf besitzt, auf dem steht: Ärger aus!“

Ich atmete tief durch.

Michael räusperte sich und sagte: „Ich verstehe, was du meinst.“

Ich sagte. „Prima!“ Ich ich sagte es übrigens nicht besonders freundlich … Denn, wie gesagt: Es (mein inneres Ich) ärgert sich von allein. Ohne meine Absicht. Ohne mein Zutun. Es ist ein völlig selbstständiges Wesen, das einfach macht, denkt und fühlt, was es will. Und wem das nicht so geht, der soll sich glücklich schätzen, und mir bei Gelegenheit mal schreiben, wie das funktioniert. Vielleicht hat dieser Jemand tatsächlich diesen sagenumwobenen „Ärger-aus-Knopf“ entdeckt. Ich würde ihn kaufen, diesen Knopf. Preis: Verhandlungssache.

Mensch, ärgere dich nicht!

3 thoughts on “Mensch, ärgere dich nicht!

  • 25. Januar 2016 bei 21:02
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    Sehr erbaulicher Beitrag!
    Ist mir spontan dazu der Werbeblog meiner Kindheit vor Augen erschienen.
    Dachte als Kind immer, der gehört zu den Mainzelmännchen:
    Halt mein Freund, wer wird denn gleich in die Luft gehen!
    Greiffe lieber zur HB.
    Denn HB ist mild und schmeckt.

    Antwort
    • 26. Januar 2016 bei 17:49
      Permalink

      An das HB-Männchen habe ich in diesem Zusammenhang auch gedacht … ;-)

      Antwort
      • 27. Januar 2016 bei 14:49
        Permalink

        Ich sag:
        Sehr erbaulicher Artikel!
        Vorzügliche Hochachtung dazu noch einmal!

        Antwort

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