Mein erstes Buch und Zündfunke für die folgenden sechs Bücher. In dem Büchlein habe ich über Gefühle geschrieben. Lachen, Weinen, Trauer, Glück, Freundschaft, Liebe, Abschied, Neubeginn … die ganze Palette des Lebens halt.

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Das Buch kann man bei mir bestellen. Für EUR 7,95 – portofrei und gern mit Widmung. – Einfach eine Email schicken an:info[at]renateblaes.de

Und hier eine Geschichte aus dem Buch:

Gottfried der Stinker

Es gibt Menschen, mit denen meint das Schicksal es einfach nicht gut. Zu ihnen gehörte Gottfried.
Gottfried war der jüngste Sproß einer Bauernfamilie im Schwarzwald und hatte nur deswegen das Licht der Welt erblickt, weil die Bäuerin es nicht übers Herz brachte, eine Engelsmacherin aufzusuchen. Für kurze Zeit hatte sie es zwar in Erwägung gezogen, sich dann aber anders entschieden, weil sie gläubige Katholikin war. Entgegen den zornigen Forderungen ihres Mannes, der meinte, die vorhandenen fünf Kinder seien mehr als genug, und wenn sie es nicht wegmachen ließe, würde er es gleich nach der Geburt an die Gartenmauer hinter dem Haus schmeißen. Genauso, wie er es zweimal im Jahr mit den kleinen Kätzchen tat.

Gottfried wurde geboren und nicht an die Mauer geworfen, was möglicherweise die gnädigere Variante gewesen wäre.

Als er ein Baby war, ignorierte der Vater ihn komplett. Seine von diesem aufgehetzten Geschwister konnten ihn auch nicht leiden. Großeltern hatte er keine, die waren bereits alle verstorben. So war der einzige Mensch, der Gottfried Zuneigung entgegenbrachte, seine Mutter. Die zurückhaltende und durch ihren Mann eingeschüchterte Frau nahm ihn – wenn niemand anwesend war – aus dem Weidenkorb, wiegte ihn in ihren Armen, spielte mit seinen kleinen Fingern, küßte die pausbäckigen Wangen und sang ihm Liedchen vor, was er unter Strampeln und Lächeln mit gutturalen Lauten quittierte. War die Mutter aber im Stall, auf dem Feld oder sonst wo, konnte der kleine Kerl so laut schreien wie er wollte, niemand kümmerte sich um ihn. Die einzige Reaktion auf seine Verzweiflung war höchstens die, daß eines seiner Geschwister mit einer unwilligen Bewegung den Korb unsanft in ein anderes Zimmer zerrte und demonstrativ die Tür zuknallte. Dort, in der Einsamkeit, brüllte Gottfried so lange, bis er vor Erschöpfung einschlief.

Als er laufen konnte, fiel er die Steintreppe von der Küche zum Keller hinunter und brach sich ein Bein. Die Knochen wuchsen nicht mehr richtig zuammen, und es blieb kürzer als das andere. Seitdem hinkte er ein wenig.
Als er anfing zu sprechen, sagten seine Geschwister, er solle den Mund halten. Und so redete er, außer mit seiner Mutter, lediglich mit sich selbst. Spielkameraden hatte er keine. Der Grund dafür war vor allem der, daß der Einsiedlerhof, auf dem seine Familie lebte, ungefähr zwei Kilometer vom Dorf entfernt hinter einem Wäldchen lag und sich kaum einmal ein Mensch hierher verirrte.

So saß Gottfried meistens mutterseelenallein im Garten vor einem Gemüsebeet, buddelte mit einem Schäufelchen in der Erde herum, entwurzelte Karotten, Kohlrabi und Rettiche und sprach zu den Hühnern und Gänsen, die um ihn herumwuselten, nach Körnern und Würmern pickten und mit aufgeregtem Geschrei und schlagenden Flügeln davonhasteten, wenn er sie streicheln wollte.

Als Gottfried fünf Jahre alt war, beendete sein Vater die Zeit des wohligen Müßiggangs und konfrontierte ihn mit dem Ernst des Lebens. Gottfried mußte arbeiten, mußte den Gegenwert dessen leisten, was er jeden Tag „wegfraß“.

Anfangs war er überglücklich, endlich in die Gemeinschaft aufgenommen worden zu sein, fütterte mit Begeisterung die Schweine, suchte Eier im Hühnerstall, warf den Kühen frisches Gras vor, sammelte Fallobst unter den Bäumen ein, drehte mit seinen dünnen Ärmchen die Kurbel des Butterfasses so lange, bis er kaum noch Kraft hatte, weil das Fett der Milch sich allmählich von der Flüssigkeit trennte und in schweren Klumpen an den Schaufeln des Rades klebte, stampfte mit seinen kleinen Füßen frisch geerntetes Heu bis unter den Giebel der Scheune zusammen und tat – ohne zu murren – alles, was ihm aufgetragen wurde.

Die sehnlich erwünschte Anerkennung allerdings blieb ihm versagt. Sein Vater hatte immer irgend etwas auszusetzen, vor allem an der Geschwindigkeit, mit der Gottfried die Dinge erledigte. Zugegebenermaßen tat er das nicht besonders schnell, sondern sehr bedächtig. Milde ausgedrückt. Lediglich von der Mutter erhielt er ab und zu ein paar Lobesworte. Manchmal strich sie auch zart über seine verfilzten Haare, seufzte aus tiefem Herzen, und Gottfried ahnte, warum.

Als er sechs Jahre alt war, kam er in die Schule, und dort erging es ihm auch nicht besser. Die anderen Kinder hänselten ihn vom ersten Moment an, machten sich lustig über sein Hinken, und die Tatsache, daß seine oberen Vorderzähne wie die eines Hasen über den unteren schwebten, sorgte für zusätzlichen Spott. Außerdem stellte sich sehr schnell heraus, daß Gottfried nicht der Hellste war. Ob es mangelnde Intelligenz oder einfach nur Verunsicherung war, kann im nachhinein niemand sagen. Auf alle Fälle stand er immer vor der Tafel „wie der Ochs vorm Berg“, wie Fräulein Olsmann, seine ledige Lehrerin, sich auszudrücken pflegte.

Im Grunde war sie gar nicht übel, im Gegenteil. Sie war zwar streng aber gerecht. Sie erkor auch Schüler mit schneller Auffassungsgabe und guten Noten nicht zu ihren Lieblingen, trotzdem fehlte ihr das, was einen guten Pädagogen ausmacht: Sensibilität und Feingefühl. Ob sie über diese Eigenschaften ursprünglich einmal verfügt hatte, sie im Laufe der dreißig Jahre, in denen sie sich als Dorfschullehrerin bemühte, „ihren“ Kindern wenigstens die Grundlagen des Lebens beizubringen, aus Resignation aber verloren hatte … auch das läßt sich heute nicht mehr sagen.

Der „dumme“ Gottfried jedenfalls wurde für seine falsch gelösten Aufgaben mehrmals die Woche vor allen Kindern mit Tatzen bestraft. Das sind kleine, scharfe Schläge auf die empfindliche Handfläche mit einer dünnen Weidenrute.

Unter den hämischen Blicken seiner Schulkameraden, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen und die Hasenzähne durch ein angedeutetes, verlegenes Grinsen halb entblößt, tat er so, als würde ihm die peinliche Prozedur nichts ausmachen. Was wirklich in ihm vorging, darüber hat er mit niemandem gesprochen. Auch mit seiner Mutter nicht.

Die ersten beiden Schuljahre überstand er einigermaßen und wurde mit knapper Not in die dritte Klasse versetzt. Dann aber blieb er das erste Mal sitzen, was ihm eine kräftige Tracht Prügel von seinem Vater einbrachte. Die Mutter stand hilflos daneben, wollte eingreifen, lief aber Gefahr, selbst ins Gemenge zu geraten. So rang sie lediglich die Hände und stieß immer wieder aus: „Franz … Franz … jetzt laß es doch gut sein! Der Junge kann doch nichts dafür!“

Aber Franz hörte nicht eher auf, bis er seine Aggressionen aus sich heraus geprügelt hatte. Das hatte er so gelernt. Von seinem Vater. Auch dessen Glaubenssatz, daß Prügel zu einer guten Erziehung gehören, hatte er übernommen.

Die nächste Versetzung überstand Gottfried mit Ach und Krach, an der übernächsten jedoch scheiterte er wieder und wurde damit zum Gespött des ganzen Dorfes.

Zu diesem Zeitpunkt begann er, die Schule zu schwänzen und die Unterschrift seiner Mutter auf den Entschuldigungen zu fälschen. Anfangs ging alles gut. Die Mutter dachte, ihr Sohn sei in der Schule, und die Lehrerin dachte, ihr Zögling sei krank.

Eines Tages aber griff der Dorfpolizist ihn zufällig im Wald auf, und der ganze Umfang der Schwindeleien kam ans Tageslicht. Daraufhin verdrosch ihm sein Vater derart den Hintern, daß der Junge ein paar Tage lang nicht auf der harten Holzbank sitzen konnte, was Fräulein Olsmann sehr gelegen kam. Sie stellte ihn als abschreckendes Beispiel in die Ecke. Dort stand er, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, die Hasenzähne, verlegen grinsend, entblößt.

Als Gottfried das dritte Mal nicht versetzt wurde, nahm das kein Mensch mehr zur Kenntnis. Dafür erregte etwas anderes die Aufmerksamkeit seiner Umwelt. Gottfried furzte. Kleine, heimliche, aber ungemein stinkende Fürze entwichen seinem Hintern. Seine Mutter meinte, das käme von den Unmengen Schweinefleisch, die er täglich vertilge. Diese Erklärung interessierte jedoch niemanden.

„Fräulein Lehrerin, der Gottfried stinkt!“

Erbarmungslos hingen die denunzierenden Worte über der Furzwolke im Klassenzimmer, und Gottfrieds Hintermann wedelte fröhlich mit der Hand.

Fräulein Olsmann unterbrach abrupt ihren Lehrauftrag, ging forschen Schrittes auf Gottfried zu, schnupperte mit gerümpfter Nase und befahl: „Gottfried, raus!“ Dabei deutete ihr ausgestreckter Finger unmißverständlich zur Tür.
Gottergeben zwängte Gottfried sich aus seiner Bank, verließ das Klassenzimmer und trabte hinkend um das Schulgebäude herum. Dreimal.

Große Fenster an West- und Ostseite ermöglichten den schadenfroh gaffenden Mitschülern den Blick auf seine Canossarunden. Sie lachten laut und zählten mit: „Eins.“ – „Zwei.“ – „Drei.“

Mit hängendem, hochrotem Kopf schlich er danach wieder ins Klassenzimmer und schob sich in die Bank.
„Gottfried, der Stinker. Gottfried, der Stinker“, raunten einige hämisch, und auf der Straße riefen sie es laut feixend hinter ihm her.

Als Gottfried dreizehn Jahre alt war, fehlte er wieder einmal, und alle dachten natürlich, er schwänzt.
Am nächsten Tag tauchte er auch nicht auf. Ebenso am übernächsten. Fräulein Olsmann schickte den Dorfpolizisten zu seiner Mutter, die angstvoll den Kopf schüttelte.
Eine Woche später fand ihn zufällig ein Pilzsammler. In der Schlucht hinter dem Wäldchen, nicht weit entfernt von seinem Elternhaus.

Neben Gottfried, halb verdeckt durch feuchte Buchenblätter, lag das Jagdgewehr seines Vaters.

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Das Buch kostet EUR 7,95 und man kann es direkt bei mir bestellen. Bitte eine Email schicken an: info[at|renateblaes.de

6 Kommentare zu „Liebe und andere Gefühle“

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