Lenas Krankheit
Brustkrebs – jede von uns kann er erwischen. Auch wenn man selbst denkt und vor allem hofft, dass er einen nicht erwischt. Und dass man nicht dauernd mit dem Schreckgespenst „Krebs“ im Kopf durchs Leben geht, ist auch gut. Denn falls man irgendwann mit der Diagnose konfrontiert wird, reicht es immer noch, sich darüber Gedanken zu machen, wie es nun weitergeht.
Lena hat es Anfang Dezember 2001 gemerkt. Sie telefonierte gerade mit ihrer Mutter und fuhr dabei gedankenverloren mit der Hand in ihre rechte Achsel. Der leichte Schmerz, den sie dort empfand, fühlte sich an, als drücke sie auf einen blauen Fleck. Sie tastete weiter und glaubte etwas zu spüren – keinen Knubbel, sondern eher eine Art verhärtete Stelle. Relativ klein und druckempfindlich. Lenas spontaner Gedanke war Krebs, der zweite war “werd’ jetzt bloß nicht hysterisch!“ Sie sprach weder mit ihrer Mutter darüber, noch mit ihrem Mann und ging ins Bett. Ihr Schlaf in dieser Nacht war unruhig und ihre Träume bedrohlich.
Am nächsten Morgen ein prüfender Druck mit den Fingerspitzen auf die Stelle neben ihrer Achsel. Die Stelle schmerzte immer noch und fühlte sich genauso verhärtet an wie am Abend zuvor. Sie vereinbarte einen Termin beim Gynäkologen. Die Ultraschalluntersuchung ergab eine Geschwulst, die per Mammographie genauer überprüft werden musste. „Die muss sofort raus“, sagte der Radiologe. Lena wollte mit der Operation bis nach Weihnachten warten, doch der Arzt drängte.
Lenas Freundin, bei der drei Monate zuvor Brustkrebs festgestellt wurde, ging es zu dieser Zeit nicht besonders gut. Ihr Tumor war apfelsinengroß gewesen und die Brust musste amputiert werden. Mit diesem Bewusstsein machte sich Lena eine Woche vor Weihnachten auf den Weg ins Krankenhaus. Am Heiligen Abend war sie wieder zu Hause – mit beiden Brüsten. Der Tumor war Gott sei Dank sehr klein gewesen, Lena hatte ihn glücklicherweise sehr früh ertastet. Lenas Freundin dagegen hatte schon seit Monaten Schmerzen der Brust gehabt, dachte aber, das sei eine Milchdrüsenentzündung – so wie in der Stillzeit bei ihrem ersten Baby. Auf den Gedanken an Krebs war sie nicht gekommen. Zumal auch gesagt wird, Frauen, die gestillt haben, seien weniger anfällig für Brustkrebs. Das relativ junge Alter von 38 kam noch hinzu.
Weihnachten verbrachte Lena besonnen aber voller Hoffnung. Zwei Wochen später empfahl ihr Arzt eine Chemotherapie. Er hatte stark erhöhte Zellwachstums-Rezeptoren entdeckt, Lena war schockiert.
Am 11. Januar 2002 fand die erste Chemotherapie statt. Das Medikament um Übelkeit zu vermeiden, wirkte bei Lena Gott sei Dank. Ihr wurde nicht schlecht – wie so vielen anderen. Doch am zweiten Tag bereits fühlte sie sich unendlich schlapp und kraftlos, und weitere Tage später konnte sie kaum noch allein auf Toilette gehen, der chemische Cocktail hatte sämtliche Kräfte aus ihrem Körper vertrieben. Dazu kam eine Entzündung sämtlicher Schleimhäute, durchgängig von oben nach unten. Essen tat weh, Appetit hatte sie ohnehin keinen. Lena nahm ab.
Nach zwei Wochen fielen die ohnehin kurz geschnittenen Haare aus. Büschelweise. Nach drei Wochen war sie kahl. Am ganzen Körper. Nach drei Wochen allerdings kamen ihre Kräfte wieder aus der Versenkung. Lena fühlte sich fit. Doch nur kurze Zeit, denn die zweite Chemo stand bevor. Der Kreislauf begann von vorn. Schlapp, kraftlos, entzündete Schleimhäute. Nur Haare verlor Lena nicht – weil sie keine mehr hatte.
Insgesamt vier Mal machte sie die Prozedur durch. Danach ergaben die Untersuchungen, dass die Chemie den Krebs besiegt hatte. Alle inneren Organe wie Herz, Leber, Nieren und Lunge waren in Ordnung, auch das Knochengerüst war frei von Metastasen. Die Ärzte waren zufrieden und Lena voller Zuversicht.
Lena hatte während der sieben Monate Behandlungszeit auch nie wirklich an Tod gedacht. Sie war überzeugt davon, den Krebs zu überwinden. Und ihre Zuversicht war berechtigt. Nach fünf Jahren sagten ihr die Ärzte, sie sei „überm Berg“.
Mit melancholischem Blick auf diese schwierige Zeit sagt Lena heute, dass sie trotz allem für ihre Krankheit dankbar sei. Denn nur dadurch habe sie es geschafft, ihrem Leben eine Wende zu geben. Aus Lena, dem allseits bereiten Helferlein, ist eine Frau geworden, die gelernt hat Nein zu sagen. Die ihre Grenzen nicht nur sieht, sondern anderen auch zeigt. Die hat eine Ehe hinter sich gelassen, in der sie schon viele Jahre nicht mehr glücklich war. Das gemeinsame Kind lebt bei Lena, und mit ihrem Mann ist sie freundschaftlich verbunden. Lena blickt optimistisch in die Zukunft, weil sie zum ersten Mal seit über 40 Jahren ihr Leben nicht von anderen Menschen bestimmen lässt, sondern selbst entscheidet, was zu tun und zu lassen ist. Sie hat eine Psychotherapie gemacht und viel an Selbstvertrauen gewonnen.
Ich freue mich, dass ich Lena kenne, und wir werden bestimmt viele fröhliche Stunden miteinander verbringen. Aber wir werden auch immer wieder mal über die Zeit sprechen, die ihr Leben so grundlegend verändert hat.
Lena
P. S.: Damals hat Lena Malen gelernt und heute malt sie sehr wunderschöne Bilder.
Hinweis: den 1. Teil der Geschichte gab es vergangene Woche: Kleine Geschichte des verletzten Bärchens.










Liebe Lena,
danke, dass Du via Renate Deine Geschichte hier teilst. Das Thema ist so wichtig und es gibt kaum eine Frau, die keine Angst vor diesem Schicksal hat. Es freut mich und gibt Hoffnung, dass Du es geschafft hast und dass Dein Leben sich so verändert hat – zum Guten, wie es aussieht. Alles Gute für Dich weiterhin. Und mal weiter so wunderschöne, kraftspendende Bilder!
Liebe Grüße, auch an Dich, Renate,
von Doris
Schön, dass wenigstens jemand (Doris) diesen Beitrag wahrnimmt. Mir stinkt die Oberflächlichkeit der Menschen immer mehr. Wenn ich über Sex schreiben würde, dann wäre die Aufmerksamkeit höher.
Liebe Renate,
ich glaube weniger, dass es Oberflächlichkeit ist, die viele hindern auf diesen Beitrag zu antworten, sondern ich glaube, manche wissen nicht wie sie mit dem Thema Krebs umgehen sollen und bevor sie etwas falsches schreiben wird nichts geschrieben.
Liebe Grüsse
Marita
Liebe Lena,
ich schliesse mich Doris an, danke das Renate deine Lebensgeschicht hier einstellen durfte. Damit hilfst Du
vielen betroffenen Frauen an sich zu glauben.
Lieben Gruss
Marita
Liebe Marita,
möglicherweise hast du Recht mit deiner Vermutung. Aber auch dann finde ich schade, dass so ein Thema so wenig Resonanz findet. Bei Brigitte-Blog war es ähnlich. Über jedes andere Thema wir geredet und kommentiert, doch so ein Thema, das bestimmt jede(n) von uns in irgendeiner Form betrifft, wird fast ignoriert. Ich denke, gerade solche “Tabuthemen” sollten endlich ihr Tabu verlieren. Davon profitieren die direkt Betroffenen und die indirekt Betroffenen ebenfalls.
Ich schreibe hin und wieder auch noch auf einem Über-50-Portal (vermutlich nicht mehr lange). Dort ist das Thema Nummer 1 eindeutig SEX. Ich dachte, in meinem Alter hätte man endlich begriffen, dass Sex zwar eine schöne Sache ist, aber dass es viel Wichtigeres gibt. Falsch gedacht!
Lieber Gruß von Renate
hallo Renate
glaube viele Leute sind sprachlos,weil sie nicht wissen was da abläuft bei der Chemo.
Auch öffnen sich nicht viele Betroffenen .
Werde in der nächsten Zeit eine Frau zum 2. auf dieser schlimmen Tour begleiten.2 Jahre war da angeblich nichts,nun bei der üblichen Kontrolle war die Leber schon ganz bedrohlich befallen.
Die Frau ist mir NUR durch Mails bekannt,aber das was da kommt ist mehr als tiefe Freundschaft.
Hoffe sie schafft es,denn sie möchte leben und das was da auf sie zu kommt kennt sie genau.Persönlich bewundere ich sie sehr und hoffe aus tiefstem Herzen sie schafft es,aber dann auch für IMMER gesund.
einen ganz lieben Gruß Eva
Liebe Eva, ich wünsche deiner Freundin von ganzem Herzen alles Gute! Bitte grüß Sie herzlich von mir.
Ein lieber und hoffnungsvoller Gruß zurück – von Renate
Liebe Eva,
auch ich wünsche Deiner Freundin alles Gute und viel Kraft. Schön, dass Sie in Dir eine treue Wegbegleiterin gefunden hat.
Ich wurde auch erst vor relativ kurzer Zeit mit dem Thema Brustkrebs “so richtig” konfrontiert, als mir meine Patentante und Cousine erzählte, man habe bei einem Screening einen Tumor festgestellt. Der Tumor wurde operiert entfernt, und sie bekam eine Strahlentherapie. Ich war sehr überrascht, dass sie mir das so offen erzählt hat, aber ich fands klasse, weil mir das jegliche Scheu nahm, mit ihr über das Thema zu sprechen und zu fragen, wie es ihr geht. Wie Eva schon sagte, viele Betroffene öffnen sich nicht, so dass die Scheu noch viel größer ist, sie auf die Krankheit anzusprechen. Man möchte schließlich nicht unsensibel sein und einfach drauflos trampeln.
Aber ich finde es sehr wichtig und positiv, wenn Betroffene und Nicht-Betroffene sich austauschen können. Beide Seiten profitieren davon, auf jeden Fall! Anteilnahme im besten Sinne ist doch eine gute Sache, ich sehe das als Geben und Nehmen.
Lenas Beispiel macht mir Mut. Danke dafür. :-)
Alles Liebe!
Doris