Küsschen! Küsschen?
Reichte man sich in früheren Jahren zur Begrüßung die Hand, so ist heutzutage ein Küsschen auf die Wange angesagt. Meistens sogar zwei – eins links, eins rechts.
„Bussi-Gesellschaft“, so nennen wir uns heute – aufgrund dieser inflationären Küsserei. Man küsst jeden, egal, ob man ihn mag oder nicht. Aber ich mach bei diesem Spiel nicht mit. Und genau das ist der Fehler. Das meinen zumindest andere.
Aber von vorn.
Vor ein paar Wochen war ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Bei Bekannten. Die Veranstaltung war ganz nett. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und während ich so rumstand, mit einem Glas Wein in der Hand, steuerte eine Frau auf mich zu, die ich zwar kenne, die ich aber nicht besonders leiden kann. Sie redet am Stück, interessiert sich ausschließlich für sich selbst und erzählt in diesem Zusammenhang dauernd, wie toll sie ist. Eine Mischung, die ich überhaupt nicht schätze. Und Menschen, die ich nicht schätze, gehe ich aus dem Weg – wenn möglich. An jenem Abend hatte ich die Frau zu meinem Schreck zwar bald in der Menge entdeckt, aber mein Bestes getan, ihrem Blickfeld zu entgehen und gehofft, dass der Kelch an mir vorüber gehen möge. Das tat der Kelch aber nicht, sondern steuerte – zielstrebig auf mich zu. Und – das erschwerte die Sachlage – der Kelch wollte mich in den Arm nehmen und küssen.
Ganz ehrlich, es war keine Absicht, sondern eine spontane Reaktion. Eine Reaktion meines Innenlebens, vermutlich. Mein Innenleben revoltierte aufs Heftigste, verweigerte den Kuss und streckte stattdessen – aus reiner Höflichkeit – dem Kelch die Hand entgegen.
Der Kelch und ich gaben uns (sehr schlaff) die Hand, und dann zog der Kelch von dannen. Sichtlich pikiert.
Danach habe ich an die Situation nicht mehr gedacht. Bis vorgestern. Denn da war ich zum Abendessen eingeladen. Die Gastgeber sind gut befreundet mit dem „Kelch“. Und der Kelch hat sich beschwert. Beschwert darüber, dass ich den Kuss verweigert habe.
Ich war (wurde) dann gezwungen (aufgefordert), mein Verhalten zu erklären. Denn so ein Verhalten sei „asozial“. Es sei doch wohl nicht tragisch, jemanden auf die Wange zu küssen. Darauf konnte ich lediglich sagen: „Ich küsse nur Menschen, die ich mag.“
Die Antwort war: „Mein Gott Renate, stell dich nicht immer so an!“
Ja, ich gebe zu … ich bin ein Mensch, der sich „anstellt“. Das war schon immer so. Und seit ich mich erinnern kann, wird mir das vorgeworfen. Weil ich mich nicht an Verhaltens-Regeln halte, von denen ich nichts halte. Unter anderem ich lehne es ab, Menschen zu küssen, die ich nicht mag. Und ich frage mich, ob das wirklich so verwerflich ist…











Nein, liebe Renate, das ist es ganz und gar nicht. Mir war dieses Bussi-Bussi gänzlich fremd, bis ich in die Münchner Gegend gekommen bin. Und als jemand, der in einer Umgebung aufgewachsen ist, in der Begrüßungen strikt mit Händedruck abgehandelt werden, habe ich mich damit extrem schwer getan. Tue es zum Teil immer noch, denn genau wie Du sagst – bitte warum soll ich Leute “abbusseln”, die ich nicht leiden kann?! Es gelingt mir nicht immer konsequent, aber meistens erledige ich das dann auch über die Distanz mit einem Händedruck. Ich will mir doch selber aussuchen, mit wem ich auf Tuchfühlung gehen will und mit wem nicht. Dass man damit Unverständnis ernten kann, habe ich allerdings auch schon erlebt.
Liebe Renate,
zunächst mal wäre Dein Verhalten höchstens “unsozial”, jedoch keinesfalls “asozial” gewesen. Kleiner aber entscheidender Unterschied zwischen den zwei Wörtern.
Und ich teile Deine Bussi-Bussi-Abneigung voll und ganz. Konnte ich auch noch nie leiden. Bei Menschen, die ich mag/liebe gibt es diese Wangenküsschen allerdings auch nicht. Ich stehe mehr auf eine lange, feste Umarmung.
Grüss Gott Renate,
ich mag diese “Judasküsse” auch überhaupt nicht und schaue, dass ich mindestens einen Meter Abstand habe. Menschen die den Wunsch nach Abstand nicht respektieren sind mir höchst suspekt. Du hast völlig richtig gehandelt.
Liebe Grüsse//Erika
Hallo Renate,
hier schreibt Dir der HD von Bernd. Ich persönlich stimme Dir aus vollem Herzen zu. Dieses Gebussel und die dazugehörende Tuchfühlung mag ich auch nicht. Bis jetzt hat mich fast immer ein dazwischen gehaltenes Glas und der Spruch:”Oh, Vorsicht das Glas” gerettet. Es ermöglichte mir nämlich eine kleine seitliche Drehung und ich war aus dem Gefahrenbereich. Aber es ist bei sehr anhänglichen Menschen schwierig, dem Ganzen zu entrinnen.
Lieben Gruß Angelika