Ja, ist denn jetzt schon Weihnachten?
Vor ein paar Tagen war ich einkaufen – beim Discounter meines Vertrauens. Ich schlenderte im Mittelgang an den Sonderangebotstischen vorbei und entdeckte was, von dem ich im ersten Moment dachte, es sei eine Halluzination. Dort, wo vor kurzem noch eingelegte italienische Sommerleckereien dargeboten waren, stapeln sich nun Pappteller mit … ja, mit was wohl?
Mit Weihnachtsplätzchen! Man hält es kaum für möglich, aber es ist wahr: Weihnachtsplätzchen am 24. September, also ein Vierteljahr vor Weihnachten! Man hat sich ja mittlerweile an den Anblick gewöhnt: Erdbeeren in der Obstabteilung rund ums Jahr. Wobei ich sagen muss, dass mich die mit Pestiziden versetzten roten Früchtchen kalt lassen. Ich kaufe sie lediglich dann, wenn sie auf heimischen Feldern reifen und ernte sie vorzugsweise dann auch selbst. Denn es geht nichts über das Aroma einer frisch gepflückten und direkt von der Sonne und ohne Plastikplane beschienene Erdbeere. Mal abgesehen davon, dass der Anbau dieser Ganzjahres-Erdbeeren ökologisch sehr bedenklich ist – sie schmecken (mir) einfach nicht. Und teuer sind sie außerdem.
Aber nun das … Weihnachtsplätzchen im September. Das ist doch ungehörig! Früher habe ich meine Linien und Striche mit der Tuschefeder gezogen und meine Texte mit einer IBM-Schreibmaschine getippt. Heute ziehe ich die Striche mit „InDesign“ oder „Illustrator“, und meine Texte tippe ich auf einer Computertastatur. Ich liebe das Internet und all die meisten damit verbundenen technischen Entwicklungen – ich halte mich also für durchaus fortschrittlich. Aber Weihnachtsplätzchen drei Monate vor Weihnachten … nein, da mache ich nicht mit!
Was ist denn mit dem Charme der Adventszeit, wenn man nur wenige Tage nach Herbstanfang schon mit Lebkuchen, Spekulatius und Butterplätzchen konfrontiert wird. Ja, zum jetzigen Zeitpunkt erlebe ich dieses Gebäck als Konfrontation – als unmoralisches Angebot. „Alles zu seiner Zeit“, hat mein Vater immer gesagt, wenn ich aus einer Laune heraus zum unpassenden Zeitpunkt etwas haben wollte, und heute gebe ich ihm Recht. Und ich erinnere mich noch mit Wonne an die Weihnachtszeit meiner Kindheit. Leckere Duftschwaden drangen aus der Küche. Es roch nach Nusstalern, Buttergebäck und Zimtsternen und dieser Geruch kündigte unvergleichliche Gaumenfreuden an. Gaumenfreuden, die es nur zu dieser Zeit gab und entsprechend etwas Besonderes waren. Und ich erinnere mich an den Geruch von Orangen und Mandarinen, die damals auch nur um die Weihnachtszeit angeboten wurden. Dieses südländische Obst und selbst gebackene Plätzchen, eine unschlagbare Kombination – während der Kachelofen bullerte, sich Eisblumen an den Fenstern bildeten, draußen der Schnee rieselte und ich mit einem Buch auf dem Sofa lümmelte oder zusammen mit meiner Mama einem Hörspiel lauschte (wir hatten damals noch keinen Fernseher).
Die Zeiten ändern sich, klar. Aber es gibt Relikte und Rituale, bei denen man sich gut überlegen sollte, ob man ihnen den Zauber des Besonderen nehmen sollte. Und Weihnachtsplätzchen gehören für mich untrennbar zur Weihnachtszeit – das sagt ja schon der Name.










Hallo Renate,
über Platinnetz bin ich auf deinen Blog gekommen, da muss ich einiges bei dir nachlesen. Mir gefällt es sehr gut hier.
Weihnachten gehört in den Dezember, keine Lebkuchen im September, Weihnachtsplätzchen erst recht nicht.
Leider werden wir es aber nicht ändern können, mir tut es auch sehr leid um die Kinder, viele kennen den Zauber von Weihnachten nicht mehr, so wie wir ihn kannten.
Ich wünsch dir ein schönes Wochenende.
Liebe Grüße
Lydia
Ja, liebe Lydia, an die früheren Weihnachten habe ich wunderbare Erinnerungen!
Herzlicher Gruß von Renate
Hallo Renate,
es macht mir richtig Freude, bei Dir “herumzusurfen”. Ja, das mit den Weihnachtsplätzchen im September verfolgt uns ja nun schon einige Jahre. Auch ich bin darüber richtig empört und kaufe aus Protest vor Dezember nichts an Plätzchen, geschweige denn, ich backe selber. Es macht wirklich richtig Freude und der Duft und die Erwartung auf die besonderen Speisen, die diese Winterjahreszeiten ausmachen, gibt mir immer ein Stückchen Kindheit in meinem hohen Alter zurück. Zusätzliche Freude ist das Verschenken der selbstgebackenen Plätzchen an Freunde; sie alle wissen das sehr zu schätzen.
Unsere Zeit läuft schneller, der Globus dreht sich schneller und wir hetzen mit. Da tut es doch gut, wenn man Gleichgesinnte findet, die dieses nicht zulassen wollen und aufmerksam um sich schauen.
In diesem Sinne: ein erbauliches Wochenende für Dich,
liebe Grüße, Renate
Herzliche Grüße zurück, liebe Namensschwester.
Auch für Dich ein schönes Wochenende! Renate