„Ihre Aufrichtigkeit finde ich erstaunlich …“ hat eben jemand in einem Kommentar zu einem meiner Blogartikel geschrieben. Erstaunlich finde ich, dass jemand Aufrichtigkeit erstaunlich findet. Offensichtlich gehört Aufrichtigkeit nicht mehr zur Tagesordnung – falls sie es überhaupt jemals getan hat. Vermutlich nicht. Vermutlich war es immer schon üblich, unaufrichtig zu sein, sonst würde es auch das 8. Gebot nicht geben: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“. Du sollst nicht lügen, heißt das im Klartext. Gelogen wird aber, dass die Schwarte kracht. Die Gründe dafür sind vielfältig, und zwei sind wesentlich: die Angst vor der Wahrheit, also Feigheit, und unlautere Absichten.

Nun, ich räume ein, dass ich auch nicht ständig die Wahrheit sage. Das fängt schon an bei der Antwort auf die Frage „Wie geht es dir?“ Meistens sage ich: „Danke, gut!“ Das sage ich auch, wenn es mir nicht gut geht. Ich sage das hauptsächlich deshalb, weil ich davon ausgehe, dass es kaum jemanden bis niemanden interessiert, wie es mir tatsächlich geht. Die Frage nach dem Wohlbefinden ist rhetorisch, eine Höflichkeitsfloskel. Und mit der Antwort „danke, gut“ ist das Geplänkel dann beendet und man kann zu Dingen übergehen, die (anscheinend) tatsächlich relevant sind.

Hin und wieder aber gibt es Situationen, in denen ich keine Lust habe, so zu tun, als ginge es mir gut. Vergangenes Jahr war so eine Situation und zwar das ganze Jahr über. Denn bei meiner von mir sehr geliebten Katze Lili wurde ein Lymphosarkom diagnostisiert. Lymphdrüsenkrebs. Eine tödliche Krankheit. Seit dem Tag der Diagnose rechnete ich ständig damit, dass Lili stirbt. Ständig! Selbst nachts träumte ich davon. Wen der weitere Verlauf interessiert, kann sich auf meinem Katzenblog informieren. Dazu einfach den Suchbegriff „Lili“ eingeben …

Nur wer selbst ein Haustier hat und es genauso liebt, wie ich meine Lili geliebt habe, kann verstehen und nachvollziehen, wie sehr mich diese – ein Jahr andauernde – Situation belastet hat. Mal ging es ihr schlecht, mal ging es ihr wieder besser. Mal fraß sie, mal hatte sie keinen Appetit. Mal hat sie ihr Futter drinbehalten, mal hat sie es wieder rausgekotzt.Mal lag sie apathisch in irgendeiner Ecke, mal rannte sie wie ein Wiesel durch den Garten. Mal waren die Lymphknoten groß wie eine Kastanie, mal klein wie eine Haselnuss. Mein Liebling im Sterbeprozess – meine Psyche war am Boden!

Wenn die Psyche am Boden ist, ist es mit der Kreativität nicht weit her. Genau gesagt ist die Kreativität genauso am Boden wie die Psyche. Ich lebe aber zum großen Teil von meiner Kreativität und musste mich zum Arbeiten wirklich zwingen. Am liebsten hätte ich mich nämlich – mit Lili im Arm – ins Bett verkrochen. Aber das ging nicht, also raffte ich mich auf und machte wenigstens das Notwendigste.

Zwölf Monate und eine Woche nach der Diagnose ist Lili dann gestorben. Ich habe sie erlösen lassen, besser gesagt. Denn es ging ihr nun so schlecht, dass ich sie nicht länger leiden lassen wollte. Sie starb in meinen Armen, und während mir die Tränen über die Wangen liefen, schnurrte sie. Solange, bis das Narkosemittel wirkte …

Der Plan für 2015 war gewesen, die Biografie des Unternehmers Erwin Kaeß fertigzustellen. Ich habe viel Interview-Material, etliche Kapital angefangen, einige auch (zu meiner Zufriedenheit) komplett geschrieben. Aber fertig war das Werk nicht. Ende des Jahres sollte es soweit sein. Doch dann kam wieder was dazwischen: Ich habe mir den Arm gebrochen. Mit gebrochenem Arm kann man keine Tastatur bedienen …

So, und nun wieder zurück zum Thema Aufrichtigkeit. Ist es denn eine Schande, zuzugeben, dass es einem nicht gut geht? Müssen wir ständig so tun, als könne uns nichts umhauen? Müssen wir anderen und auch uns selbst vorgaukeln, immer fit und leistungsfähig zu sein? Dürfen wir keine Schwächen zeigen? Egal, ob emotional oder körperlich.

Das Burnout-Syndrom nimmt ständig zu. Warum wohl? Weil Menschen sich überfordern oder überfordern lassen. Weil sie emotional erschöpft sind. Weil ihre Leistungsfähigkeit an Grenzen gestoßen ist.

Wir können nicht ständig Leistung bringen. Denn jeder von uns hat Phasen, in denen er nicht leistungsfähig ist. In denen er Rückzug braucht. In denen er Zuwendung braucht. In denen er ganz einfach Ruhe braucht. Diesen bedürftigen Zustand muss er sich selbst eingestehen. Und deshalb gibt es auch keinen Grund, ihn vor anderen zu verheimlichen. Und wer Schwächen zugibt, motiviert damit vielleicht auch andere, das Gleiche zu tun. Deshalb ist Aufrichtigkeit auch nicht erstaunlich, sondern wichtig und richtig. Und eines kann ich aus Erfahrung auch sagen: Aufrichtigkeit erleichtert die Kommunikation. Erheblich! Und Aufrichtigkeit tut auch gut. Dem, der sie gibt, und dem, der sie empfängt. Denn sie verstärkt das Verständnis füreinander. Es fühlt sich wunderbar an, verstanden zu werden. Und genauso wunderbar fühlt es sich an, einen anderen zu verstehen.

Gedanken zu Aufrichtigkeit

5 thoughts on “Gedanken zu Aufrichtigkeit

  • 9. Februar 2016 bei 16:35
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    Liebe Renate,
    Du sprichst mir aus dem Herzen. Hin und wieder gönne ich mir auch den Luxus, einfach zu sagen, was ich denke. Die Reaktionen sind gemischt, aber mir geht es meistens besser damit. In Fällen, in denen unbedingt „Diplomatie“ angesagt ist, schweige ich jetzt oft. Nicht ganz so befreiend, aber immer noch besser als die Dauerproduktion von Worthülsen.

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    • 9. Februar 2016 bei 17:04
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      Oh ja, liebe Kirsten, den Austausch von Worthülsen vermeide ich auch, wo und wann immer es geht. Was ich allerdings gern mache: mit bestimmten Freunden so richtigen Blödsinn reden. Wir lachen und kichern dann wie die kleinen Kinder und haben einen Riesenspaß.

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  • 9. Februar 2016 bei 17:48
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    mir hat es so gut gefallen was Du geschrieben hast, ja auch ich sage meistens „danke, gut“, es sei denn, es sind Menschen denen ich vertraue und dann anvertraue, das es mir nicht so gut geht.
    Davon gibt es nicht viele und auch in meinem Berufsleben habe ich lieber die zwei Worte gesagt, obwohl es mir nicht so gut ging. Da waren Tage, als mein Mann mit einer Lungenembolie im Krankenhaus lag, oder als meine Mutti wieder nicht so fit war und ich befürchtete, das sie den nächsten Tag nicht erlebt, oder als es unserer Mausi mit ihrem Nierenversagen und der Gelbsucht in der Tierklinik so schlecht ging. Es waren einfach Situationen, wo ich mich nicht mitteilen wollte. Aber manchmal waren auch Momente, wo ich meine Sorgen und Nöte mitgeteilt habe, aber immer nur mit den Personen, wo ich wußte, daß sie mich verstehen und ich nicht einfach nur jammere. Aufrichtig zu sein ist nicht einfach und oft gehört eine Menge Mut dazu es zu sein. Aber bei den richtigen Menschen ist es ganz leicht.

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  • 9. Februar 2016 bei 20:23
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    „Müssen wir ständig so tun, als könne uns nichts umhauen? Müssen wir anderen und auch uns selbst vorgaukeln, immer fit und leistungsfähig zu sein? Dürfen wir keine Schwächen zeigen?“
    Was das Geschäftsleben angeht: Ja. Das ist nicht schön, aber es ist so. Abgesehen von schweren Erkrankungen/Unfällen haben Kunden meist kein Interesse daran, wie es mir geht. Sie wollen jemand, der leistungsfähig ist und die gestellten Aufgaben bewältigen kann – dafür zahlen sie schließlich. Und reagieren wir selbst wirklich anders? Wenn im Restaurant das Essen versalzen auf den Tisch kommt, ist dann unser erster Gedanke:“Oje, die Arme Köchin hat vielleicht einen Burnout“?

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    • 10. Februar 2016 bei 14:29
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      Vor vielen Jahren, ein Tag, nachdem meine Mutter gestorben war. Ich hatte einen Geschäftstermin – mein erster sehr großer Auftrag. Mein Geschäftspartner begrüßte mich und fragte: „Wie geht es Ihnen?“
      Ich sagte: „Nicht so gut, meine Mutter ist gestern gestorben.“ Er sagte nichts, sondern legte nur für einen kurzen Moment seine Hand auf meine Schulter. Diese Geste werde ich nie vergessen.

      Man kann auch im Geschäftsleben Gefühle zeigen. Kann – und sollte. Wir sind Menschen, keine Roboter.

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