Freunde oder Bekannte?

In der Nachbarschaft gab es vor einigen Tagen was zu feiern, und ich war zu einem Umtrunk eingeladen. Unter den Gästen war ein mir unbekannter Mann, der mit folgenden Worten vorgestellt wurde: „Das ist Armin, unser neuer Freund.“

Diese Worte gingen mir nicht aus dem Kopf, weil mich irgend etwas an der Formulierung störte. Ich brauchte nicht lange nachzudenken, es war die Wortkombination „neuer Freund“, die so klingt wie „neue Couch“ oder „neue Handtasche“. Ein Gegenstand, den man gestern oder vor kurzem erworben hat.

Wie sich dann heraus stellte, hatten die Nachbarn diesen Armin in der Tat erst vor kurzem kennengelernt. Und es stellte sich sehr schnell noch was heraus: Armin ist ein bekannter Fotograf und arbeitet für renommierte Redaktionen und Verlage. Die Gastgeber waren sichtlich stolz darauf, so einen Zeitgenossen „Freund“ nennen zu können. Macht ja auch nichts, die Engländer und Amerikaner pflegen auch jemanden als „friend“ zu bezeichnen, den sie eben erst kennengelernt haben.

Bei uns in Deutschland allerdings ist das anders. Bei uns unterscheiden wir zwischen Bekannten und Freunden. Bekannte sind alle, die man lediglich kennt und über die man nicht allzu viel weiß. Ein Freund ist mehr. Einen Freund kennt man besser, gut oder sogar sehr gut. Man empfindet tiefe Gefühle für ihn, man vertraut ihm. Man freut sich auf ihn, man freut sich über ihn.

Ich habe im Laufe meines Lebens sehr viele Menschen kennengelernt. Die meisten davon blieben Bekannte. Einige sind zu Freunden geworden, manche davon sind es bis heute. Es gibt auch Menschen, die mir auf Anhieb sympathisch sind, mit denen ich mich in der ersten Stunde schon über Themen unterhalte, die mit anderen Menschen nicht möglich sind. Aus solchen Menschen können Freunde werden – müssen aber nicht. Man kann freundschaftliche Beziehungen pflegen, die sich einfach auf einen „netten“ Niveau einpendeln und dort so bleiben. Dann aber gibt es Menschen, denen man Gedanken und Gefühle anvertraut, die man sonst niemandem erzählt, und diese Menschen nenne ich Freunde. Einem Freund vertraue ich meine Sorgen und Nöte an. Einem Freund zeige ich meine Schwächen – ohne Angst zu haben, dass er sie ausnutzt oder benutzt. Ein Freund ist ein Mensch, der das, was ich ihm anvertraue, nicht in der Gegend herumtratscht, sondern für sich behält und behutsam damit umgeht.

Ein Freund ist jemand, der mich so gut kennt, dass er bereits an meinen Tonfall am Telefon oder an meinem Gesichtsausdruck bei der Begrüßung erkennt, ob es mir gut geht. Ein Freund ist jemand, dem mein Wohlergehen am Herzen liegt und der sich um mich kümmert, wenn es mir nicht gut geht. Ein Freund ist ein Mensch, der meine Ecken und Kanten respektiert, bestenfalls sogar wertschätzt. Ein Freund ist ein Mensch, der mir zuhört, der mir Fragen stellt – weil er sich für mich interessiert. (Das mit den Fragen ist übrigens eine hervorragende Möglichkeit um herauszufinden, ob jemand nur Bekannter oder Freund ist, denn “Bekannte” stellen normalerweise keine Fragen, zumindest keine tiefgehenden.) Ein Freund ist jemand, der in kritischen Situationen sagt, was er denkt und mir nicht nach dem Mund redet. Ein Freund ist auch jemand, der nicht höhnisch grinst, wenn ich mal wieder in eines meiner üblichen Fettnäpfchen getappt bin, sondern verständnisvoll lächelt. Ein Freund ist jemand, der mir nicht böse ist, wenn ich mich mal wieder daneben benommen habe. Ein Freund ist jemand, der mir die Hand reicht, wenn ich stolpere – egal worüber. Und Stolpersteine gibt es ja genügend…

Ein Freund ist ein Mensch, den ich um Rat fragen kann, und der mir dann auch einen gibt. Ehrlich gemeinten und durchdachten Rat und nicht dahin geschluderte Worte – um dann blitzartig wieder auf die eigenen Angelegenheiten zu sprechen zu kommen.

Ein Freund ist ein Mensch, der mit mir zusammen auch schwierige Situationen durchsteht und nicht Fersengeld gibt, sobald es etwas kompliziert wird. Ein Freund ist keiner, der alle meine Wünsche erfüllt. Ein Freund ist kein Bilderbuchmensch, im Gegenteil, ein Freund ist oft ziemlich unperfekt. Aber genau das macht Freundschaft aus: das Wissen um die Stärken des anderen, aber auch das Wissen um seine Schwächen und ganz persönlichen Eigenarten. Aber dazu muss man sich kennen. Und deshalb kann es zwar „alte“ Freunde geben aber keine „neuen“. Das ist wie mit der Liebe. Man kann sich zwar spontan verlieben, aber damit sich Liebe entwickelt, braucht es Zeit, Toleranz, Geduld und vor allem Respekt. Genauso ist es mit der Freundschaft.

Ich habe Freunde, Gott sei Dank. Mehr als eine Hand voll ist es bei kritischer Betrachtung aber nicht. Doch angesichts der Tatsache, dass zwanzig Prozent der Deutschen laut Statistik überhaupt keine Freunde haben, ist eine Hand voll eine Menge.

7 Antworten auf Freunde oder Bekannte?

  • Bernd sagt:

    Liebe Renate,
    deine philosophische Betrachtung habe ich gern gelesen. Sie stellt das Thema gut dar. Eines würde ich gern hinzufügen, die Zahl der Freunde verhält sich diametral zu den Lebensjahren.
    Lieben Gruß zum Sonntag
    Bernd

  • Renate sagt:

    “… die Zahl der Freunde verhält sich diametral zu den Lebensjahren.”
    Kann ich bestätigen, lieber Bernd!
    Herzlicher Gruß von Renate

  • christiane sagt:

    liebe Renate, da ist soviel Wahrheit in Deinem Text, ich kann Dir nur zustimmen. Mir geht es oft genauso, ich bezeichne aber auch nicht Menschen, die ich erst ein paar Tage kenne als Freunde, da gehört einfach mehr zu und wie sagt man so schön: Verwandte hat man – Freunde kann man sich aussuchen.
    Tatsächliche Freunde sind wirklich sehr rar und es kristallisieren sich immer weniger im Lauf des Lebens heraus, auf die man sich wirklich verlassen kann.
    Ich finde, auf Dich kann man sich verlassen, auch wenn wir uns nur per Mail, Briefen und Telefon kennen, aber
    soviel habe ich in den zwei Jahren schon festgestellt und ich denke, wenn ich Dich um einen Rat frage, bist Du die letzte die mir nicht zuhört oder liest und dann Deine Meinung dazu abgibst (habe ich ja schon erlebt und Deine Aussage hat mir sehr geholfen und es hat sich bestätigt)
    Einen wunderschönen Restsonntag hier scheint ganz toll die Sonne, aber wir müssen auf den Klempner warten, unsere Heizung ist ausgefallen, sonst wären wir draußen.
    Ganz liebe Grüße und eine Umärmelung von Deiner Christiane.

  • Renate sagt:

    Ach du Schreck, liebe Christiane, ausgefallene Heizung, und das bei den Temperaturen… Ich drücke Euch fest die Daumen, dass Eure Bude heute Abend wieder warm ist.

    Ganz lieber Gruß und eine Umärmelung zurück – von Renate

  • christiane sagt:

    alles wieder im Lot, der Klempner war selber schuld, eine Steckverbindung zum Strom war wohl nicht richtig und hat sich gelöst.
    Kleine Ursache, große Wirkung. Um 15.30h war alles i.o.
    und jetzt ist es wieder kuschelig warm. Zwischendurch gab es Kakao und eine warme Decke.
    Aber wenn wir die Ursache heute früh gewußt hätten, wäre alles viel einfacher gewesen.
    Na ja, wir haben ein bischen gefroren, nun geht es aber wieder.
    Liebe Sonntagabendgrüße zu Dir von
    uns beiden und den Fellnasen.

  • Renate sagt:

    Na, Gott sei Dank. Macht Euch einen schönen, warmen Abend!
    Lieber Gruß von Renate

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