Fortsetzungs-Roman
Es war bereits dunkel, als Charlotte – mit einem halbem Gugelhupf, zwei Gläsern Pfirsichmarmelade und einem Stück geräuchertem Schinkenspeck im Gepäck – wieder Zuhause eintraf. Sie räumte die Sachen an Ort und Stelle, fütterte Max und begab sich mit einer Kanne Tee und verschiedenen Käsesorten auf einem Holzbrettchen ins Arbeitszimmer. Die monatliche Kolumne war fällig.
Sie trank einen Schluck Tee, schob sich ein Stück Käse in den Mund und versuchte, ein Thema zu finden. Ohne Ergebnis. Sie aß noch einen Käsewürfel, trank noch einen Schluck. Immer noch nichts! Ihr Kopf war wie ausgehöhlt. Sie suchte ihre speziell für derartige Situationen angelegte Stichwörterliste nach einem Begriff ab, den sie mit Leben füllen konnte, entdeckte aber keinen. Dafür kam sie angesichts des Wortes „Freundschaft“ auf die Idee, Regine anzurufen und griff spontan zum Telefonhörer. Statt Regine meldete sich der Anrufbeantworter. Missmutig legte Charlotte auf, ging ins Badezimmer, warf eine handvoll Ölperlen in die Wanne und drehte den Heißwasserhahn auf. Dann ging sie wieder in die Küche, öffnete eine Flasche Wein, füllte ein Glas, setzte sich auf den Tresen und leerte mit kleinen Schlucken das Glas. Die Hoffnung, damit ihre Laune zu verbessern, erfüllte sich aber nicht, im Gegenteil, von Minute zu Minute wurde diese schlechter.
Charlotte ging wieder ins Bad, stieg in die Wanne und ließ sich durch den leise knisternden Schaum sinken. Mit glasigen Augen saß sie eine Weile im heißen Wasser und starrte in den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand, aus dem ihr ein unfreundliches Gesicht entgegen sah. Sie schnitt eine missvergnügte Grimasse, erhob sich ruckartig, stieg aus der Wanne, trocknete sich eilig ab, hüllte sich in den Bademantel, ging mit schnellen Schritten wieder ins Arbeitszimmer, setzte sich vor den Computer, öffnete ihre Mailbox und suchte die Liste neuer Nachrichten ab. Ziemlich weit unten befand sich der Name „Titan“. Ungeduldig klickte sie drauf und las.
„Liebe Charly. Ich bedauere deinen Entschluss, respektiere ihn aber selbstverständlich. Ich wünsche dir alles Gute!
Herzliche Grüße von Fabian“
Den Blick auf die wenigen Worte geheftet, saß Charlotte vor dem Bildschirm und spürte wieder dieses diffuse Gefühl in sich auftauchen, ähnlich dem, das sie empfunden hatte, als sie mit Regine in Streit geraten war. Wut machte sich in ihr breit, aber dieses Mal war kein Gegenüber da, das dafür verantwortlich gemacht werden konnte. Mit einer heftigen Bewegung fegte sie einen Zeitschriftenstapel von der Schreibtischplatte. Max, der schlafend daneben gelegen hatte, sprang erschreckt auf, hopste vom Tisch und rannte davon.
Charlotte sammelte die Zeitschriften wieder ein, setzte sich dann kurz entschlossen wieder an den Computer und schrieb:
„Lieber Fabian,
es ist mir ein wenig peinlich, dass ich mich nun doch wieder melde, denn normalerweise bin ich nicht wankelmütig, sondern stehe zu meinen Entschlüssen. Aber die Mail von gestern habe ich weggeschickt, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Grund dafür war wohl der Streit mit meiner besten Freundin. Jetzt, im Nachhinein, weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ich weiß nur noch, dass ich unglaublich zornig war. Der Zorn ist mittlerweile verflogen, und nun grüble ich darüber nach, was die Ursache dafür gewesen sein könnte. Ich glaube, es liegt an ihrem Männerverschleiß. Regine – so heißt meine Freundin – pflückt nämlich Männer wie andere Menschen Blumen auf der Wiese. Und genauso gedankenlos wirft sie sie auch wieder weg. Was sie damit anrichtet, das scheint ihr egal zu sein. Hauptsache, sie hat ihren Spaß. Warum mich das so ärgert, weiß ich nicht, vielleicht tun mir die armen Kerle leid. Auf alle Fälle hat mir die Auseinandersetzung total die Laune verhagelt, und das war der Grund für meine übereilte Mail an dich.
Heute früh war meine Laune noch mehr im Keller, also bin ich kurz entschlossen nach Hause gefahren. Ich brauchte einfach ein wenig Trost, und den finde ich immer bei Klara, meinem ehemaligen Kindermädchen. Sie ist eine kluge und warmherzige Frau und steht mir emotional viel näher als meine Mutter. Ich mag meine Mutter zwar, aber was ich an ihr nicht leiden kann, ist ihre Schwäche. Und ganz besonders übel nehme ich ihr, dass sie meinem Vater nie Paroli bietet – diesem Zyniker mit seinen Weibergeschichten. Stoisch wie ein Opferlamm lässt sie alles über sich ergehen, und wenn ich sie darauf anspreche, setzt sie eine Leidensmiene auf und sagt, sie warte nur auf den richtigen Zeitpunkt, dann würde sie sich trennen. Dieser Zeitpunkt wird aber nie kommen, denn in ihrer Rolle als Märtyrin fühlt sie sich augenscheinlich sehr wohl, sonst hätte sie sich längst scheiden lassen. Sie kommt nämlich aus einer wohlhabenden Familie und ist auf das Geld meines Vater nicht angewiesen.
Nun aber genug des Lamentos über meine Familienangelegenheiten! Ich wünsche dir einen schönen Tag mit besserer Laune als meiner und hoffe, dass du mir meinen Sinneswandel nicht übelnimmst.
Liebe Grüße von Charly“











;-) arbeitetst Du Sonntags auch ….. , dann schau ich nachmittags mal wieder rein ;-)
Gut, dass “Titan” von einer Autorin erfunden wurde. So wird er keinen männlichen Stolz zeigen, sondern mit weiblichem Großmut auf diese Email reagieren…
Wetten, dass?