Donnas Schreibprojekt

Donna hat wieder den Anfangssatz vorgegeben. Und ich habe eine kleine Geschichte dran gehängt.

Frühere Zeiten

Die einzige Möglichkeit, Klarheit in diese Angelegenheit zu bringen, sah ich darin, einen Brief zu schreiben. Aber was sollte ich schreiben? Wo anfangen? Wie anfangen? Ich zermarterte mir das Gehirn, und je ich darüber nachdachte, desto weniger gefiel mir der Gedanke mit dem Brief. Aber was sollte ich tun? Wie sollte ich Eberhard erklären, wie ich mich fühlte? Vielleicht wäre es doch besser, anzurufen. Doch dann hätte ich dasselbe Problem wie mit dem Brief: wo anfangen?

Ich ging in den Keller und zog eine Flasche Wein aus dem Regal. „Oberbergener Bassgeige“. Eine Spätlese und fast schon ekelig süß. Normalerweise trinke ich solche Weine nicht. Aber die Oberbergener Bassgeige bildet eine Ausnahme. Eine Reminiszenz an frühere Zeiten. Zeiten, in denen ich noch jung und knusprig war. Rank und schlank. Frech und unerschrocken. Neugierig und wissensdurstig. Ohne Büstenhalter und mit den kürzesten Miniröcken rumlief. Das waren noch Zeiten – Mannomann!

Ich war ständig verliebt. In abwechselnde Männer. Die Auswahl war groß. Unerschöpflich. Fast schon qualvoll. Ein Besuch in der Disko und da standen sie. Aufgereiht an der Bar. Wie die Piepmätze auf der Stange. Damals, in den 70er Jahren, in den Zeiten der freien Liebe und dem „wer zwei mal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment…“ Ich pennte zwar mehrmals mit demselben, als Ausgleich aber auch mit vielen anderen. Im selben Zeitabschnitt. „Na, wie oft hast du mich betrogen?“, wollte Gerhard damals wissen. Gerhard wohnte in Bonn, und ich in Freiburg. Wir sahen uns nur am Wochenende. Und an einem dieser Wochenenden stellte er mir die erwähnte Frage.

„Zweimal“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Gerhard guckte nur ungefähr drei Sekunden etwas verunsichert. Dann dachte er weitere drei Sekunden nach, grinste, zwickte mich in die Wange und meinte: „Braves Mädchen.“  Seit damals weiß ich, dass es keine besseren Lügen gibt als die Wahrheit.

Die Liaison mit Gerhard dauerte ungefähr ein Jahr. Dann tauchte Peter auf. Peter sah unverschämt gut aus und hatte sich als Frauenaufreißer einen Namen gemacht. Wir begegneten uns im „Caveau“. Das war die angesagteste Disko damals. Im Im Keller eines alten Dachwerkhauses, verteilt über zwei Stockwerke, mit schummrigem Licht, Tropfkerzen auf dem Tresen,  spitzenmäßiger Musik und … andersgeschlechtlichen Menschen. Das Caveau gehörte zum täglichen Leben des Freiburger Jungvolks wie essen, trinken und Zähne putzen.

Lustigerweise stellte ausgerechnet Gerhard uns einander vor. Ja, damals machte man das noch. Vorstellen, meine ich. Zumindest in den Kreisen, in denen ich mich bewegte. Es waren sehr honorige Kreise. Sie bestanden aus Adelssprösslingen und Nachwuchs anderer edler Familien. Alle in teuren und angesehenen Internaten erzogen worden. Ich bin da rein zufällig rein gestolpert. War nicht schlecht für mich, weil ich lernte, wie man sich benimmt. Meine Familie kam aus äußerst einfachen Verhältnissen, und in einfachen Verhältnissen kam es nicht darauf an, wie man Messer und Gabel hält, sondern nur darauf, dass man was auf dem Teller hatte.

Wie dem auch sei. Ich lernte also Peter kennen und der baggerte mich an. Mit Erfolg. Obwohl ich wusste, dass er mit mindestens 90 Prozent aller hübschen Mädchen Freiburgs geschlafen hatte. Na ja, vielleicht waren es auch nur 85 Prozent.

Einige von den 85 Prozent lernte ich kennen. In der Disko natürlich. Und mit denen sprach ich natürlich auch über Peter. Und wir waren uns alle einig: Peter ist ein miserabler Liebhaber. Das lag vor allem an seinen Erektionsproblemen. Und diese Erektionsprobleme waren bestimmt auch die Ursache für seinen Frauenverschleiß. Ist mir auch wurscht – im Nachhinein. Denn andere Mütter hatten ja auch Söhne. Und viele davon hatten ein Auge auf mich geworfen. Was ich weidlich zu nutzen wusste. So gab sich ein Mann nach dem anderen die Klinke zur Tür meines Einzimmerappartements in die Hand und Liebeskummer war so gut wie ausgeschlossen.

Während vor meinem geistigen Auge die früheren Zeiten und die verschiedenen Liebhaber vorbeizogen und der Inhalt der Bassgeigen-Flasche rasant abnahm, hatte ich plötzlich eine Erkenntnis. Ich würde weder einen Brief schreiben, noch zum Telefon greifen. Nein, ich würde überhaupt nichts tun. Andere Mütter hatten ja auch Söhne. Mittlerweile zwar schon in die Jahre gekommen … aber trotzdem.


Die anderen Geschichten zum Schreibprojekt gibt es hier:

Donna

Elke Mainzauber

Follygirl

sunny

Waldviertelleben

5 Antworten auf Donnas Schreibprojekt

  • ingrid sagt:

    eine nette flotte geschichte ist das – gefällt mir sehr gut.
    lg
    ingrid

  • Bernd sagt:

    *grins* Seeeeeeehr schööööööööööön.
    Lieben Gruß
    HD und Bernd

  • Donna sagt:

    Liebe Renate, ich probiere es jetzt einfach noch einmal, nachdem meine Kommentare sich schon mehrfach in Luft aufgelöst haben.

    Erst einmal möchte ich mich bedanken, dass du wieder mitgeschrieben hast.

    Herrlich, wie du frühere Zeiten wieder auferstehen lässt!!! Man ist mittendrin in einem turbulenten Leben. Der arme Eberhard…

    Einen schönes Wochenende wünsche ich dir.
    Herzliche Grüße von Donna, die deine Header auch bewundert

  • Donna sagt:

    Oh, das hat ja nun endlich geklappt mit dem Kommentieren!!

  • Renate sagt:

    Gern geschehen, liebe Donna. Ich finde dein Projekt klasse!
    Herzlicher Gruß in die Runde – von Renate

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