Weihnachtsgeschichten

Weihnachten ist die Zeit der Liebe.« Mit goldfarbenem Lackstift geschrieben stehen diese Worte auf einem dicken Herz aus Ton. Meine Freundin Lisa hat es mir vor ein paar Jahren geschenkt. Zu Weihnachten natürlich. Und seitdem hängt es jedes Jahr in der Advents­­zeit immer wieder an meinem Küchenfenster. Nicht zur Dekoration, sondern als Mahnmal.

Wir waren damals eine Handvoll Freunde – alle mal wieder Single – und hatten beschlossen, den Heiligen Abend nicht trübsinnig allein, sondern vergnügt gemeinsam zu verbringen. Bei Gans, Kartoffelklößen, Rotkraut und Rotwein und in aller Harmonie, selbstverständlich.
Wir, das waren Lisa, Anna, Hartmut und meine Wenigkeit. Drei Frauen und ein Mann, das Verhältnis war also nicht ausgeglichen, aber das kümmerte keinen. Schließlich kannten wir uns lange genug, hatten in Studienzeiten so manche Nacht durchzecht, miteinander Tennis gespielt, Skitouren unternommen und mit aufrichtiger Anteilnahme gegenseitig die unendlichen Geschichten angehört, wenn mal wieder eine hoffnungsvolle Beziehung wie eine Seifenblase zerplatzt war.

Hartmut war der Gastgeber und für die Gans zuständig, Anna für das Rotkraut, ich für Salat und Klöße und Lisa, Spezialistin in Sachen Nachtisch, für die Mousse au Chocolat, die sie bereits zu Hause zubereitet hatte, weil die Stunden braucht, um fest zu werden. Lisa war also die Einzige, die nichts zu tun hatte. Nüsse knackend und Rotwein trinkend saß sie am Esstisch und unterhielt uns unter Gekicher mit Zoten aus ihrem Liebesleben. Da gab es viel zu erzählen, weil Lisa eine sehr attraktive Frau ist und die Männer hinter ihr her sind wie der Teufel hinter der armen Seele – was Lisa weidlich nutzt.

Sie berichtete gerade von einem ihrer zahlreichen amourösen Abenteuer, als das Telefon klingelte. Hart­mut ging ran, horchte eine Weile wortlos in den Hörer und sagte dann: »Mensch, Friedel, komm doch einfach her. Wir haben genug zu essen.« Zustimmung heischend schaute er uns. »Und ein Mann mehr kann auch nicht schaden«, fügte er hinzu. »Also schwing dich ins Auto!«

Er legte auf und begab sich wieder zur Gans, die er jede Viertelstunde mit Bratenflüssigkeit begoss, damit die Haut schön knusprig wurde.
Friedhelm war also im Anmarsch. Er ist ein Kollege von Hartmut, und ich kann den Kerl nicht leiden, weil er ein Lahmarsch ist und ein Langweiler dazu. Seine Bewegungen haben Zeitlupencharakter, er kriegt die Zähne nicht auseinander und grinst bei unseren Ge­sprächen immer dämlich, ohne irgendetwas von sich preiszugeben allerdings. Wir haben also keine Chance, genauso dämlich zurück zu grinsen. Das finde ich unfair. Lisa teilt meine Meinung.

Die Hauptspeise in der Röhre glänzte verlockend und verbreitete einen Geruch, bei dem einem das Wasser im Mund zusammenlief, das Rotkraut dampfte, und die Klöße schwammen alle schon an der Oberfläche des Garwassers, als die Hausklingel schellte. Da der Gastgeber gerade mit der Gans beschäftigt war und Lisa keine Anstalten machte aufzustehen, wischte ich mir die mehligen Hände an der Schürze ab und ging widerwillig zur Tür, um Friedhelm reinzulassen.

»Grüß Gott«, knurrte ich.

»Hi, wie gehts?«, nuschelte er grinsend und schlurfte in die Küche, wo er sich am Esstisch niederließ und nach einem Glas Wein fragte. Ein Gastgeschenk hatte er nicht dabei, was mich nicht wunderte, weil Fried­helm Schwabe ist. Dieser Spezies wird ausgeprägte Spar­samkeit nachgesagt, und Friedhelm ist das wan­delnde Beispiel für die landläufige Meinung, dass in jedem Vorurteil auch ein Fünkchen Wahrheit steckt.

Lisa holte ein weiteres Gedeck und ein Glas und deutete gönnerhaft auf die Rotweinflasche, die auf dem Tisch stand. Ein teurer Bordeaux. Friedhelm füllte sein Glas bis zum Rand und prostete uns zu. Ich erwiderte seine Geste mit einem unfreundlichen Blick, sagte aber nichts, sondern rührte die Salatsoße an. Anna füllte derweil das Rotkraut in eine mit Weihnachtsmotiven verzierte Porzellanschüssel, und Hartmut holte die Gans aus dem Ofen.

»Kann mir mal einer helfen?«, sagte er und schaute in die Runde. Friedhelm leerte sein Glas und erhob sich ächzend vom Stuhl.
»Melde mich zur Stelle!«

Er führte seine Hand mili­tärisch zur Stirn und grinste einfältig. Dann wollte er wissen, was zu tun sei. Die Gans solle er festhalten, sagte Hartmut und griff zur Geflügelschere.

»Ha, des mach i doch glatt«, meinte Friedhelm, griff nach einer Gabel, stieß sie der Gans in den Bürzel, und Hartmut legte los. »Schnapp!« machte die Geflügelschere und rutschte vom Gelenkknochen ab. »Aua!«, schrie Friedhelm und schaute entgeistert auf seine Hand, aus der Blut quoll und auf den Terrakottaboden tropfte. Anna hastete ins Bad, um Verbandszeug zu holen.

Nachdem der Patient versorgt war und mit in Mull eingewickeltem Daumen am Tisch saß, konnten wir endlich essen, doch irgendwie wollte keine Stim­mung aufkommen. Vorwurfsvoll schielte ich zu Friedhelm hinüber, der mit leidendem Gesichts­aus­druck an einer Gänsekeule nagte, als die Haus­klingel wieder schellte. Hartmut ging nach draußen und kam – eingerahmt von Exfrau und gemeinsamem Sohn Moritz –
wieder zurück. Verblüfft schauten wir den drei entgegen. Keiner sagte was, stattdessen rückten wir zusammen. Ich legte zwei Gedecke nach.
Moritz, ein scheidungsgeschädigter, siebenjähriger Knabe, zwängte sich neben Lisa und stocherte lustlos in einem Kartoffelkloß herum.
»Das schmeckt mir nicht«, nörgelte er.

»Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt«, meinte Lisa kategorisch.

»Ich will aber nicht!«, quengelte Moritz und traktierte den Kloß solange, bis er vom Teller rutschte, über den Tischrand kullerte und auf Lisas Schoß landete. Lisa überlegte keine Sekunde und gab Moritz eine Ohrfeige.
Moritz wimmerte theatralisch.

weihnachtsgeschichten»Wer gibt dir das Recht, mein Kind zu schlagen«, stieß Hartmut hervor und erhob sich erbost von seinem Stuhl, der scheppernd umfiel. Moritz wimmerte immer noch, schaute aber interessiert auf seinen Erzeuger.
»Ach«, fauchte Lisa, während sie einen Soßenfleck auf ihrer Seidenhose inspizierte, »dieses verwöhnte Blag hat schon längst mal ne Tracht Prügel verdient.«
»Du auch«, brüllte Hartmut, »du Nutte!« Er rannte um den Tisch rum und haute ihr eine runter. Lisa ihrerseits fackelte auch nicht lange, griff nach ihrem Rotweinglas, kippte den Inhalt Hartmut ins Gesicht, zischte »blöder Wichser« und schoss nach draußen. Krachend fiel die Haustür hinter ihr ins Schloss.

Keiner sagte was, wir starrten uns nur fassungslos an. Hartmuts ehemals blütenweißes Hemd war übersät mit himbeerfarbenen Flecken, sah aber ganz hübsch aus.

Zur Christmesse wollte dann auch keiner mehr, und nach einer Stunde mit zähen Gesprächen beschloss ich, nach Hause zu fahren, um mir den amerikanischen Schwarz-Weiß-Film mit Spencer Tracy und Kathrine Hephurn anzusehen. Ein Liebesfilm natürlich, weil ich Liebesfilme grundsätzlich mag. Und weil Weihnachten die Zeit der Liebe ist. So steht es zumindest auf dem Tonherz, das zurzeit mal wieder in meiner Küche hängt.


Das war eine Geschichte aus meinem Büchlein „Advent, Advent …“
Hier kann man es bestellen.


Hier gibt es eine Geschichte aus dem Büchlein zum Hören.


Die Zeit der Liebe

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