Die Segen der Emanzipation

An einem weinseligen Abend haben ein paar Freundinnen und ich neulich darüber diskutiert, ob uns die Emanzipation eigentlich das gebracht hat, was wir uns von ihr erhofft haben. Und meine Antwort darauf ist weiß Gott nicht positiv ausgefallen, ganz im Gegenteil.

Thema Job.
Die Vorstellung, in Designerkostüm und auf fuck-me-shoes dem Erfolg entgegen zu stöckeln, klingt für manche Ohren vielleicht verlockend, ist es aber nicht. Tag für Tag perfekte Leistung bringen zu müssen, und dabei noch in Konkurrenzkampf mit allem und jedem (jeder) zu stehen, ist Stress pur. Es gibt – nicht wenige – Tage, an denen ich mir wünsche, von morgens bis abends nichts anderes zu tun, als Bohnen zu schnibbeln. Oder Marmelade zu kochen. Oder meine Bude umzudekorieren. Oder Kindern den Hintern abzuwischen. Oder die Maximilianstraße entlang zu flanieren und für teures (vom Gatten verdientes) Geld die zigste Klamotte zu kaufen. Nix da, ich muß arbeiten, Ideen und Texte kreieren und dann auch noch überzeugend an den Mann (!) bringen.

Apropos Mann: Vor gar nicht allzu langer Zeit war ich aktives Mitglied im Chor der Alice-Schwarzer-Singers. Voller Inbrunst habe ich das Antimacho-Lied geschmettert und nach dem ultimativen Softie gefahndet. Heute verfluche ich diese, von uns Frauen im Reagenzglas der 68er Jahre entwickelte Spezies. Mit trübsinnigem Gesichtsausdruck hockt sie auf meinem Sofa, belabert mich in epischer Breite mit ihrem Beziehungsdilemma, und wehe, ich komme mal mit eigenen Problemchen. “Ach, Renate, du bist so stark, du schaffst das schon!” Und dann lamentiert es weiter, das Weichei.

Thema Sex.
Ich erinnere mich an Zeiten, in denen die Männer glaubten, sie seien die nie alternde Reinkarnation Casanovas und müssten uns dreimal täglich den Hengst machen. Heute zählen sie Falten im Gesicht und Resthaare auf der Platte, kaufen sich Feuchtigkeitscreme und Augenmasken, messen Bauchspeck-Volumen und Blutdruck, essen DHEA und Viagra und schlafen trotzdem bei der Sportschau ein.

Thema Küche. Früher wussten die Männer nicht mal, was „al dente“ bedeutet und haben dankbar alles verzehrt, was ihnen serviert wurde. Heute verwickeln sie einen in lästige Diskussionen über die optimale Zubereitung von Loup de Mer in Salzkruste und Lachs-Carpaccio.

Thema Charme.
Früher hielten Männer den Frauen die Autotür auf, halfen ihnen in den Mantel, beglückten sie mit Blumen und Pretiosen und transportierten ihnen schwere Gegenstände von einem Zimmer ins andere. Heute müssen wir froh sein, wenn sie nicht davon fahren, bevor wir auf dem Autositz hocken, den Mantel müssen wir selber aus dem Gewühl in der Garderobe zerren und für Blumen in der Vase und ein güldenes Ringlein mit Brilli oder eine Halskette dürfen wir selber blechen. Am meisten aber begeistert mich der mit leidendem Gesichtsausdruck ausgestoßene Hinweis auf das verrenkte Kreuz, sobald ein Zwanzigkilosack Blumenerde nach oben zu schleppen ist.

Emanzipation … ach!
——————————————–
Aus meinem Buch: Die kleine Schwester der Liebe

8 Antworten auf Die Segen der Emanzipation

  • Markus sagt:

    Hallo Renate,
    wenn ich als Mann auch was zum “Segen der Emanzipation” sagen darf, dann vor allem: Danke für ein paar Tränen-Lacher… :o)
    Habe mich ein paar Mal “ertappt” gesehen, mag zwar keine Sportschau, aber trotzdem…
    Aber im Ernst: Würdest du die Emanzipation wieder rückgängig machen wollen? Ist die Freiheit (!), solche ketzerischen Artikel über Männer schreiben zu “dürfen” nicht von Frauen (und Männern) schwer erkämpft worden?
    Oder gehöre ich auch schon zu den “frauenverstehenden Weicheiern”? ;o)
    Liebe Grüße,
    Markus

  • renate sagt:

    Offen gestanden, lieber Markus, ich liebe Weicheier! Sie sind die besseren Liebhaber, sie sind die besseren Zuhörer – sie sind einfach die “besseren” Männer – aus meiner Perspektive zumindest.

  • Georg sagt:

    Nur scheinen es nicht die Männer zu sein mit denen Frauen älter werden möchten.
    “Du bist einfach zu lieb…”

    Kotz…

  • Renate sagt:

    Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
    Lieber Georg, siehst du nicht das Augenzwinkern zwischen den Zeilen. Das nächste Mal schreibe ich über so eine Art Beitrag “Achtung, Ironie!” Dann gibt es keine Missverständnisse.

  • gokui sagt:

    tja die guten alten zeiten. also wenn meine holde für ein bischen tür aufhalten und gentleman sein auch noch das tun würde was ich denke, sage und auch möchte…

    dann bitte !

    aber mal im ernst: die emanzipation ist tot – ja auch wenn ihr´s noch nicht wußtet oder wahr haben wolltet – und alle anderen gesellschaftformen sind auch nicht gerade up to date. ( da gab´s die tage ne´n bericht im TV über ehe und den ganzen quatsch…) es funktioniert alles so nicht mehr, weil sich unsere liebe schöne gesellschaft dertig rasant entwickelt hat, daß keiner mehr weiß wer er ist oder je sein wird. alle hetzten sie nur noch dem geld hinterher oder versuchen zu “überleben”.

    *ironie an*

    ach übrignes, hat einer nicht ne´guten job für mich, wo ich mal schnell ne mille machen kann ?

    *ironie aus*

  • renate sagt:

    so ne Mille würde mir auch gefallen.
    Also schließe ich mir der Frage von gokui an. Der Ironie auch…. ;-)

  • Eva sagt:

    Liebe Renate

    Dein Text ist klasse, doch fehlen noch so einige Fakten. Beispielsweise, dass die Arbeitswelt uns Frauen bis heute weniger Chancen einräumt als Männern. (Fast?) jeder Arbeitgeber bevorzugt bei gleicher Qualifikation doch lieber einen Mann. Denn die “Frau wird sowieso mal schwanger, geht in die Babypause oder hört dann ganz auf zu arbeiten”, dies als gängiges Vorurteil. Ja, die Emanzipation ist tot! Alle Freiheiten sind zwar da, doch fehlt es gewaltig an Chancen! (Ich kenne so manche Beispiele hochqualifizierter Frauen, denen schlussendlich, aufgrund mangelnder Möglichkeiten/Jobchancen nichts anderes als “Hausfrau und Mutter” übrig blieb).

    Chancen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, Chancen, einen Job überhaupt zu bekommen, Chancen, im Beruf aufzusteigen (siehe Vorurteil von oben).

    Die ganze “Emanzipation” war, ist und wird immer bloss eine “Pseudoemanzipation” sein. Die Theorie ist schön und gut, fair und nett, doch scheitert sie in der Praxis unserer Gesellschaft.

    Magst Du vielleicht im nächsten Text darauf eingehen? – Wär toll!

  • Renate sagt:

    Liebe Eva,

    mein Beitrag war eher ironisch gemeint.

    Ansonsten stimme ich dir zu, Emanzipation gibt es zwar theoretisch, in der Praxis hingegen sieht es anders aus. So war ich vor ein paar Tagen zu einem Treffen von Unternehmern eingeladen, zu einem bestimmten Thema, das hier gar nicht relevant ist. Das Verhältnis: 7 Männer und 1 Frau. Darüber habe ich dann doch gewundert!
    Wer daran “schuld” ist? Du sagst die Gesellschaft. Aber die Gesellschaft sind wir alle. Ich denke, an der Situation, so wie sie sich darstellt, haben auch Frauen ihren Anteil. Die Frauen und wie sie sich selbst sehen. In (gemischten) Diskussionsrunden fällt mir immer wieder auf, dass ich einige der wenigen Frauen bin, die den Mund aufmachen. Es sind definitiv – nahezu ausnahmslos – die Männer, die sich öfter zu Wort melden. Warum? Dazu habe ich lediglich Vermutungen…

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