Vor einiger Zeit habe ich einen ganz besonderen Film gesehen. Er handelte von einer alten Dame, die die Qualität ihrer Tage mit Farben belegte. Die blauen Tage, das waren die, an denen alles normal verlief. Ihr Gedächtnis funktionierte wie gewohnt, sie wusste, wer sie war, wo sie wohnte und wie sie ihre täglichen Dinge zu verrichten hatte. Die anderen Tage hingegen, das waren die, an denen sie sich nicht mehr an ihren Namen erinnerte, ihre Familienmitglieder nicht mehr erkannte und keine mehr Ahnung hatte, in welcher Stadt und welcher Straße sie lebte. Tage, an denen sie vollkommen die Orientierung verloren hatte und hilflos wie ein Baby war. Das waren die grauen Tage.

Was mich betrifft, so funktioniert mein Gedächtnis noch ganz hervorragend, allerdings könnte ich meinen Tagen auch Farben geben. Als grau, blau und bunt würde ich meinen kontinuierlich wechselnden Gemütszustand bezeichnen.

Dabei stellt sich gleich die Frage, welche Tagesfarbe denn die beste ist. Bunt, so würde doch die spontane Antwort lauten. Fröhlich bunt! Ja, diese Tage fühlen sich auch wirklich prima an. Alles läuft wie geschmiert. Kein Ärger, kein Stress, keine Widrigkeiten, die mir den Spaß verderben, keine Menschen, die sich quer stellen. Das eine oder andere Erfolgserlebnis, ein unerwartetes Geschenk, eine überraschende Begegnung, eine Liebeserklärung, ein neuer Auftrag … es gibt vieles, was die Tage bunt macht und an denen ich wie mit Engelsflügeln durchs Leben schwebe. Ich fühle mich leicht, schwerelos und glücklich, und am liebsten hätte ich nur solche Tage. 365 mal im Jahr.

Doch das Schicksal meint es anders und bedenkt mich stattdessen mit einer Vielzahl blauer Tage. Das sind die Tage, an denen nichts Besonderes passiert. Ich stehe auf, frühstücke, gehe in mein Arbeitszimmer, mache meine Entwürfe oder Texte, bearbeite Fotos, esse zu Abend, haue mich vor den Fernseher und gehe irgendwann schlafen. Keine Höhepunkte, keine Tiefpunkte, ereignislos dümpeln die Stunden vor sich hin. Na ja, das ist nicht besonders tragisch, denn es gibt weit Schlimmeres. Nämlich die grauen Tage.

Das sind die Tage, an denen nichts läuft wie ich es gern hätte. Aber auch wirklich gar nichts. Das fängt beim Aufwachen schon an. Am liebsten würde ich gar nicht aufstehen. Unerklärlich schlechte Laune durchflutet mich, und am liebsten würde ich mich in die Kissen verkriechen und träumend auf bessere Zeiten warten. Schließlich stehe ich dann doch auf und lasse garantiert die Dose mit dem Kaffeepulver auf den Fußboden falle. Oder die Messerklinge fährt mir beim Brotschneiden in den Daumen. Oder Erdbeermarmelade kleckert auf mein T-Shirt. Oder eine meiner Katzen schmeißt den Teller mit Schinken vom Tisch.

Sitze ich dann endlich am Schreibtisch, finde ich eine Email, die besagt, dass der gestern erteilte Auftrag storniert wird. Oder ich erfahre, dass ein Lieferant den dringend erwarteten Artikel nicht liefern kann. Oder der Computer stürzt ab. Oder ein aufgebrachter Kunde teilt mir mit, dass die frisch aus der Druckmaschine gekommenen Prospekte eingestampft werden müssen, weil ein paar Seiten vertauscht worden sind – was natürlich mein Fehler war.

Hab ich einen Auswärtstermin, geht’s draußen weiter. Ich stehe mal wieder zehn Minuten vor der geschlossenen Bahnschranke. Oder die S-Bahn fährt mir vor der Nase weg. Oder ich stehe auf der Autobahn im Stau. Oder ich stolpere über den Gehsteig und der Absatz meines Schuhs bricht ab. Oder ich klemme mir den Finger in einer Tür. Oder ich sitze eine Stunde auf dem Stuhl und warte, bis mein Geschäftspartner sich endlich Zeit für mich nimmt – ich bin schließlich nur eine subalterne Dienstleisterin. Oder ich habe eine wichtige Unterlage vergessen. Oder der Akku meines Laptops ist leer. Oder oder oder… Die Liste der Dinge, die mir den Tag versauen können, ist beliebig erweiterbar.

Derartige Tage also sind grau. Grau aber hat viele Nuancen, und deshalb gibt nicht nur graue, sondern auch dunkelgraue Tage. Was da so alles passieren kann, zähle ich hier lieber nicht auf. Manchmal passiert auch gar nichts, sondern ich werde einfach nur von einer tiefen Melancholie befallen. Das sind die Tage, bei denen ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, dass mal wieder bessere Zeiten kommen. Das sind die Tage, an denen ich alles und vor allem mich selbst in Frage stelle und dabei auch überlege, womit ich all diesen Ballast verdient habe, der zentnerschwer an mir hängt und mir die Freude am Leben vergällt.

Doch genauso plötzlich, wie die grauen und dunkelgrauen Tage auftauchen, verschwinden sie auch wieder. Wie weg gezaubert, von einer guten Fee. Die Sonne lacht (auch wenn es regnet), alles läuft wieder wie am Schnürchen und ich könnte platzen vor guter Laune – manchmal auch grundlos.

Wirklich pervers an der ganzen Sache mit meinen Tagesfarben aber ist folgendes, und vielleicht sollte ich mal mit einem Psychologen darüber reden. Denn wenn es mir so richtig gut geht, ich mich also rundum prächtig und stark fühle, dann spüre ich so ein Grummeln in mir. So eine Art innerer Stimme, die sagt: „Renate, sei vorsichtig und pass gut auf. Denn jetzt bist du auf dem Höhepunkt der Amplitude, und von nun an gehts bergab.”

Diese innere Stimme kommt aber auch zu Wort, wenn die Amplitude ihren Tiefpunkt hat, ich also mal wieder in meinem schwarzen Loch hocke und mich ultimativ miserabel fühle. Und das ist das Perverse, das ich eben angesprochen habe: allmählich kann ich diese schwarzen Löcher auf gewisse Weise sogar genießen, denn ich weiß, dass es nun wieder nach oben geht. Das liegt einfach in der Natur einer Amplitude, und deshalb haben auch graue Tage für mich ihr Gutes. Aber normal ist das nicht, oder?

Dieser Beitrag stammt aus meinem Buch “Mit einem Lächeln durchs Leben”.

4 Kommentare zu „Die Farbe der Tage“

  • Lisa:

    Oh, wie gut ich diese Farbpalette kenne. Danke fuer diesen Beitrag!
    Alles Gute fuer dich, liebe Renate
    Lieber Gruss
    Lisa

  • hallo Renate,

    mich wundert es das du graue tage so noch wahrnimmst. sollte man mit einem gewissen vortgeschritten lebenszeitraum diese tage nicht ach als ein geschenk oder sogar als herausvordung hinehmen ?
    ich sehe inzwischen viele tage nicht mehr in einer farbe, was nicht an der farbe liegt, sondern mehr an einer anderen “zeitrechnung”.

    denn nicht die farbe des tages bringt uns unser “verderben” oder auch die schönen stunden, sondern der zeitraum in der wir diese abschnitte versuchen zuzuorndnen.

    wir setzten uns so beinahe ständig unter zwang.
    bei mir gibt es keine farben auf nur eine tag. manchmal wache ich morgens rot auf, gehe dann blau aus dem haus, verbringen den tag in gelb oder grün usw..

    einen schönen bunten farbwechselenden sonntag noch.

    ;-)

  • Renate:

    Liebe Gokui, ich denke, mit den Tagesfarben ist es ähnlich wie mit allen anderen Lebensbereichen. Alles wird individuell wahrgenommen und bewertet. Für mich sind die Tage, an denen ich mich nicht gut fühle, nicht unbedingt Geschenke, das wäre wirklich nicht ehrlich, wenn ich mich darüber freuen würde – im jeweiligen Moment. Aber sie sind in der Tat Herausforderungen, und wie ich im letzten Absatz geschrieben habe, kann ich solchen Tagen durchaus etwas Positives abgewinnen … nämlich die Gewissheit, dass wieder bessere Zeiten kommen.

    Lieber Gruß von Renate

  • Liebe Renate,
    so graue, blaue oder sonnig luftige Tage kenne ich auch. Die grauen Tage habe ich meistens im Zusammenhang mit meinen Sprösslingen, die es immer wieder schaffen mich runter zu ziehen. Aufmunterung bringt mir in dieser Zeit dann meine Vierpfote Socke und natürlich im besonderen Maße Bernd. Manchmal frage ich mich an so grauen Tages wie es Menschen geht die alleine leben, denen keiner so schnell aus dem Tief hilft. Es ist für diese Menschen bestimmt nicht einfach.
    Sonnige Grüße an den Ammersee
    von Angelika und Bernd
    (Bernd ist im Wahlkampf, der hat kaum noch Zeit. Gott sei Dank ist das Ganze am 14. März zu Ende)

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