Donna kam auf die Idee, den ersten Satz für eine Geschichte zu formulieren, den verschiedene Schreiberlinge dann weiterführen. Jeder auf seine Weise.

Hier meine Variante:

Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal Nusskuchen gegessen hatte. Nein, wirklich nicht, sein Gedächtnis ließ ihn jämmerlich im Stich und das bereitete ihm Kopfzerbrechen.

Er wusste nicht mal, ob er überhaupt jemals Nusskuchen gegessen hatte. Und genau das war sein Problem.

Begonnen hatte es in der Mittagspause. Kurz vor eins. Er schob sich gerade das letzte Stückchen Hirschgulasch in den Mund, als Gerlinde, die dralle Kollegin aus der Reklamationsabteilung sich bereits der Nachspeise widmete. Während er sich für eine rosarote Creme entschieden hatte, lag auf ihrem Tellerchen eine Scheibe Kuchen. „Hmh … schmeckt der lecker“, sagte Gerlinde und verdrehte genüsslich die Augen. „Hier, probier mal“, sie drückte ein Stückchen vom Kuchen ab, spießte es auf die Gabel und hielt es ihm vor den Mund.

Er schaute verlegen nach links und rechts und zog dann mit spitzen Fingern das Kuchenstückchen von der Gabel. Gerlinde hatte Recht, dieser Nusskuchen schmeckte hervorragend. Das Aroma war angenehm nussig und das Gebäck nicht so trocken wie sein Anblick vermuten ließ.

„Na…?!“ Gerlinde schaute ihn neugierig an und leckte sich einen Krümel von der Lippe. „Schon mal so ‘nen guten Nusskuchen gegessen?“

„Nein“, sagte er und überlegte, ob er jemals Nusskuchen gegessen hatte.

Es fiel ihm nicht ein.

Er grübelte den ganzen Nachmittag. Und auch abends ließ ihn der Gedanke an den Nusskuchen nicht los. „Sag mal“, er warf einen Blick zu seiner Frau, die auf dem Sofa saß und an einer Socke strickte.

Sie hob den Kopf.

„Hast du schon mal Nusskuchen gebacken?“

„Ich kann doch überhaupt nicht backen“, sagte seine Frau lakonisch und widmete sich wieder ihrem Strickwerk.

Am nächsten Morgen rief er seine Mutter an und stellte ihr dieselbe Frage. Im Gegensatz zu seiner Frau konnte seine Mutter zwar backen, versicherte aber glaubwürdig, dass sie noch nie in ihrem ganzen Leben einen Nusskuchen in die Backröhre geschoben habe.

Diese Auskunft trug allerdings nicht dazu bei, den Gedanken an den Nusskuchen zu vergessen. Im Gegenteil. Der Gedanke an das Gebäck manifestierte sich in seinen Gedanken. So sehr, dass er nachts von Nusskuchen träumte.

„Wo liegt Ihr Problem“, fragte drei Wochen später ein freundlicher Mann. Er hatte ihn von einem Kollegen empfohlen bekommen.

„Nusskuchen“, antwortete er.

Nachdem er ein dreiviertel Jahr jede Woche eine Stunde in der Praxis des freundlichen Mannes verbracht hatte, wusste er immer noch nicht, ob er vor jenem besagten Tag in der Kantine jemals Nusskuchen gegessen hatte. Aber der freundliche Mann hatte ihm glaubhaft versichert, das sei völlig egal.

Von diesem Zeitpunkt an lud er regelmäßig ein Stück dieses hervorragenden Gebäcks auf seinen Nachspeisenteller. Und es befriedigte ihn ungemein, dass er sich daran erinnern konnte, dass das erste Stück Nusskuchen, an das er sich erinnern konnte, von Gerlindes Gabel stammte. Denn für Gerlinde hegte er eine heimliche Leidenschaft von jenem Tag an, als sie die Leitung der Reklamationsabteilung übernommen hatte. Doch das ist eine andere Geschichte, und sie hat auch überhaupt nichts mit Nusskuchen zu tun…
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Hier die Links zu den anderen Schreibern. Ich bin selbst ganz gespannt, was für Ergüsse dabei herausgekommen sind…

April
babsi
bigi
Chinomso
Follygirl
Marga
Sunny
Wildgans

7 Kommentare zu „Nur der erste Satz ist gleich…“

  • In so einer Firma möchte ich auch arbeiten, wo der Nusskuchen so lecker schmeckt, das man dabei den Verstand verliert … lach.

    Nette Idee, liebe Renate.

  • Oh, du hast die leckere Nusskuchenvariante gewählt!!! Wirklich gelungen und sehr vergnüglich zu lesen. Und diese Gerlinde aus der Reklamationsabteilung – nun gut, von ihr hören wir bestimmt auch noch etwas.

    Ich danke dir, liebe Renate, dass du an meinem Schreibprojekt teilgenommen hast. Vielleicht bist du im August wieder mit dabei…

    Herzliche Wochenendgrüße schicke ich zu dir an den Ammersee.

    Donna

  • Eigentlich eine Alltagsepisode, die aber dann ins Skurrile abgleitet. Sehr zum Schmunzeln.

  • hat die frau, die seine, nun socken gestrickt oder gestickt, ich meine ja nur, weil sie sich wieder ihrem stickwerk zuwandte.
    lustige geschichte eines vermutlich schweren gemütes, arg introvertiert, sich wenig zutrauend- beim nächsten mann, bei der nächsten frau wird alles anders, fällt mir da ein.
    dass man derart intensiv über nusskuchen schreiben kann…schön!

  • Einfach der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der Mann ist aufgewacht.

    Gerlinde als Auslöserin für die sinnliche Genussfähigkeit des Mannes.

    Sehr schöne Geschichte.
    Gefällt mir.

  • Hallo Renate.

    Der arme Mann musste sich wegen des Nusskuchens in psychologische Behandlung begeben, herrje. Aber die Gerlinde konnte er ihm (noch) nicht ausreden, das muss wohl seine Frau übernehmen.
    Tolle Geschichte, hat Spaß gemacht, sie zu lesen.

    Viele Grüße,
    Wolfgang

  • @ Wildgans
    Danke für den Hinweis mit dem fehlenden R. Hab es eingefügt.

    Danke an Euch alle für Eure Kommentare. Es ist schon lustig, was aus einem Anfangssatz so alles entstehen kann. Ich persönlich hab einfach nur drauf los getippt. Dass ER Probleme mit dem Nusskuchen bekommen würde, war nicht meine Absicht. Es ist einfach entstanden. Aber: Ende gut, alles gut. ;-))

    Herzlicher Gruß von Renate

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