Das perfekte Dinner

“Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.”

So lautet der Kantsche Imperativ und frei interpretiert könnte man auch sagen: “Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.” Oder: “Behandle andere Menschen so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.”

Obwohl mir das durchaus nicht immer leicht fällt, bemühe ich mich, danach zu handeln, und seit ich das mache, habe ich weniger Probleme im Umgang mit anderen Menschen – aber auch mit mir selbst, denn meine eigenen Unzulänglichkeiten schmettern mich nicht mehr nieder, sondern lassen mich immer öfter grinsen – “ach, Renate, was hast du denn da wieder gedacht/gemacht/gesagt…”

So, das war die Einleitung und ich komme zum Thema: Das perfekte Dinner

Normalerweise finde ich an Vorabend-Serien wenig Gefallen. Und von allein wäre ich nie auf die Idee gekommen “Das perfekte Dinner” anzuschauen, das allabendlich um 19.00 Uhr bei Vox über die Bühne geht. Aber vor ein paar Monaten hatte ich ein paar Frauen aus meiner Xing-Regionalgruppe zum Essen eingeladen, und dabei kam die Rede auf diese Koch-Sendung. Von sechs Frauen war ich die einzige, die sie nicht anschaute. Bis zu jenem Tag, denn am nächsten Abend hockte ich um sieben Uhr abends vor dem Fernseher. Und seitdem schaue ich diese Sendung an, jeden Abend – mit wachsender Begeisterung.

Diese Sendung hat was! Ja, sie hat sogar mehrere interessante Facetten. Einmal befriedigt sie die menschliche Neugierde, den Hang zum Voyeurismus, denn der Zuschauer bekommt Einblicke in das Leben anderer – manchmal sogar erstaunlich freigiebige, teilweise sogar intime. Zum zweiten lernt man neue Rezepte und Kochweisen kennen. Für Menschen, die gern kochen, so wie ich, eine tägliche Inspirationsquelle. Und zum Dritten kann man psychologische Studien betreiben, und das nicht zu knapp! Wie gehen wildfremde Menschen bei der Zwangszusammenführung miteinander um. Schließlich müssen sie fünf Abende miteinander auskommen – und einer davon auch noch den perfekten Gastgeber geben. Keine einfache Angelegenheit. Ich möchte kein Abendessen zelebrieren – vor laufender Kamera und mit kritischen Gästen. Ich koche zwar wirklich gern, aber ohne Stress und Leistungszwang. Und perfekt sind meine Abendmahle definitiv nicht, im Gegenteil. Sie sind sehr leger und zwanglos und die Gäste müssen ihr Essen selbst aus der Küche holen, beziehungsweise abholen – weil meine Küche so winzig ist, dass ich die Teller nacheinander befülle.

Nun aber zurück zum perfekten Dinner im Fernsehen. Da geht es zu wie im richtigen Leben. Es gibt sympathische Zeitgenossen und unsympathische. Es gibt welche, die wenig reden und welche, die unentwegt plappern. Es gibt bescheiden Zurückhaltende, und es gibt die Selbstdarsteller. Es gibt welche, die dem Gastgeber gegenüber wohlwollend sind und welche, die kein gutes Haar an ihm lassen, beziehungsweise an seinem Kochkünsten. Und genau das finde ich immer wieder erstaunlich: diejenigen, die selbst am wenigsten Ahnung vom Kochen haben, Fertigsoßen servieren zum Beispiel und/oder deutlich sichtbar zu erkennen geben, dass ihnen Kochen überhaupt keinen Spaß macht und sie nur aus einem einzigen Grund in die Kochrunde eingestiegen sind: ein Auftritt im Fernsehen.

In der vergangenen Woche nun war ein Kandidat dabei, der mir von der ersten Sekunde an herzlich unsympathisch war. Ein ungepflegter Dauerredner mit fettigen Haaren und dunkler Sonnenbrille. Er gab sich extrem lässig und lachte unentwegt – am meisten über seine eigenen – belanglosen – Sprüche. Dieser Mann, der sich an seinem eigenen Kochabend outete, indem er zugab, nicht kochen zu können und aus deshalb einen Co-Koch engagieren musste, um sich nicht bis auf die Knochen zu blamieren … dieser Mann, der definitiv keine Ahnung vom Kochen, geschweige denn von einem perfekten Dinner hatte … dieser Mann vergab Punkte beziehungsweise machte Punktabzüge bei den anderen Kandidaten, dass seine miese Absicht mehr als offensichtlich zum Vorschein kam. Gestern Abend zum Beispiel, als eine Frau ein meiner Meinung nach fast perfektes Dinner ablieferte, vergab dieses Rumpelstilzchen gerade mal fünf Punkte. Fünf Punkte, das bedeutet: die Köchin hat sich zwar bemüht, aber ihr Bemühungen waren vergeblich. Fünf Punkte für ein Dinner, das ein anderer Gast mit vollen zehn Punkten bewertete. 5:10. Da kann irgend etwas nicht stimmen, und was da nicht stimmt, ist eindeutig: das Rumpelstizchen vergibt absichtlich wenige Punkte – um selbst das Preisgeld abzuräumen. Dass jeder darauf hofft, Sieger zu werden, ist verständlich. Dass nur einer siegen kann, ist bekannt. Aus Gründen der Fairness und im Sinne von Herrn Kant sollte man aber sein eigenes Essen genauso kritisch oder wohlwollend bewerten wie das der anderen. Bei Herrn Klaus (so heißt der Mann mit dem Fetthaar) kommt vermutlich noch Neid hinzu, denn die gestrige Gastgeberin lebt in einem Traumhaus mit Traumgarten.

Fairness und Selbstkritik fehlte bisher so einigen Kandidaten, doch der Typ von gestern hat wirklich den Vogel abgeschossen. Vom Kochen keine Ahnung, zwei Drittel seines Dinners von einem anderen Menschen zubereitet – und dann eine Bewertung, als sei sein Name Lafer oder Schuhbeck oder Mälzer oder Lichter – wobei die Spitzenköche mit dem Verteilen von Punkten vermutlich gnädiger gewesen wären.

Aber so sind sie halt, die Menschen. (Viele, nicht alle!) Je kleiner sie selber sind, desto kleiner müssen sie andere machen. Da mit die eigene Winzigkeit nicht so auffällt.

4 Antworten auf Das perfekte Dinner

  • Regina sagt:

    Hallo Renate, ich schaue diese Sendung auch gern an. Da gibt es manchmal tolle Rezeptideen.

    Und dieser Typ von gestern war wirklich widerlich! Ein unangenehmer Zeitgenosse. Und die Frau lebte ja in einem Haus … da kann man ja nur davon träumen.

  • Katrin sagt:

    Ich oute mich auch …. ;-)
    Lieber Gruß und schönes Wochenende!
    Katrin

  • gokui sagt:

    was soll man(n) dazu sagen,

    irgendwie kommt die sendung doch allen entgegen:
    - dem sender = sendung bringt quoten
    - dem puplikum = bringt unterhaltung “leichter/einfacher” art
    - den darstellern = wer auf der TV matscheibe ist ist eben wieder präsent ( selbstdarstelung/ werbung/ befriedigung innerster “gelüste” )
    die anzahl der eher ( wirklich ) kritischen zuschauer – so wie du renate – sind wohl eher selten. und; nein ich schaue solche sendungen nicht. eigentlich schaue ich gar kein TV…

  • Pingback: Renate Blaes » Blog Archiv » Das perfekte Dinner II. – die extra (Tofu)Wurst

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