Archiv für die Kategorie „Fortsetzungsroman“

buch_1.jpg Teil III, Kapitel 23

Es war fünf Uhr nachmittag und die Dunkelheit bereits herein gezogen. Die Stellfläche des Tresens, der Charlottes Wohnzimmer von der Küche trennte, war übersät mit gefüllten Platten und Schüsseln. Das Kaminfeuer knisterte, der Geruch von Tannenreisig und Glühwein lag in der Luft, aus den Lautsprechern drang leise Musik, in den Gläsern auf dem Esstisch spiegelte sich das Licht des Feuers und Dutzender von Kerzen.
Regine saß auf einem Fensterbrett und ließ ihren Blick schweifen. „Nicht zu fassen, wir sind tatsächlich fertig bevor die Gäste kommen“, sagte sie und klatschte zufrieden in die Hände. „Das ist ja ganz was Neues.“
Kaum gesagt, klingelte es und gleich darauf stand Otto in der Tür, einen großen Strauß weißer Moosröschen in der Hand.

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buch_1.jpg Teil III, Kapitel 22

Das Wetter am Heiligen Abend präsentierte sich dem Anlass angemessen. Petrus, der in den vergangenen Tagen nichts als Dunkelheit und Schneestürme ins Land geschickt hatte, hatte es sich anders überlegt. Über Nacht war der Himmel aufgerissen, klar und wolkenlos lag er über der weihnachtlichen Landschaft, in der die Farben weiß und blau dominierten. Gleißendes Sonnenlicht brach sich in den Schneekristallen, die glänzten, funkelten und blitzten, als habe ein übermütiger Weihnachtsengel einen riesigen Sack Edelsteine über der Erde ausgeschüttet. Das Wasser des Ammersees schimmerte wie blank polierter Stahl, mit länglichen, flimmernden Schlieren in der Oberfläche. Die Äste der Bäume und Sträucher waren von Raureif überzogen, der je nach Sonneneinfall schmolz und wie Glasperlenschnüre an den schwarzen Ästen hing.

„Mein Gott, ist das ein Wetter“, sagte Regine, die mit Sektglas in der Hand auf Charlottes Terrasse stand und um sich blickte. „Das perfekte Geburtstagswetter … aber jeder kriegt, was er verdient.“

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buch_1.jpg Teil III, Kapitel 21

Es war kurz vor ein Uhr nachts, als Charlotte die Souterrainwohnung verließ und den karg beleuchteten Flur vorsichtig nach oben tappte.

„Ich wünsche dir schöne Träume“, rief Islama leise hinter ihr her. „Und ich hoffe, dass die Erinnerung dir dieses Mal treu bleibt.“

„Worauf du dich verlassen kannst!“ Charlotte beugte sich über das Treppengeländer und winkte nach unten. „Nicht eine Minute werde ich vergessen!“ rief sie fröhlich.

Dann betrat sie ihre Wohnung und begab sich ohne Umwege ins Arbeitszimmer. Dort legte sie eine CD auf, schaltete den Computer ein und öffnete ihre Mailbox – was mittlerweile zur obligatorischen Handlung geworden war.

Wie erhofft, befand sich der Name „Titan“ auf der Mailliste, und daneben, im Betreff, stand: „Happy birthday!“ Ungeduldig klickte sie drauf und las.

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buch_1.jpg Teil III, Kapitel 20

„Hmm, das riecht ja köstlich“, sagte Charlotte, als sie eine Viertelstunde später die Souterrain-Wohnung betrat und schnuppernd die Nase in die Luft hielt.

„Hühnchencurry“, sagt Islama, lächelte und schenkte ihr ein Glas Wein ein. „Ich kann zwar nicht so gut kochen wie du, aber die Currys gelingen mir einigermaßen. Das habe ich von meinem Vater gelernt.“

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buch_1.jpg Teil III, Kapitel 19

Die vom Wetterbericht angekündigte, aus Südfrankreich kommende Warmfront schien irgendwo unterwegs steckengeblieben zu sein, denn die Sicht auf der Autobahn in Richtung Ammersee war durch dichtes Schneetreiben massiv eingeschränkt. Mit Ach und Krach konnte Charlotte die Schlusslichter des vor ihr fahrenden Autos erkennen. Auch die Scheinwerfer auf der Gegenfahrbahn bohrten sich nur mühsam durch den Flockenvorhang und besaßen die Leuchtkraft eines erschöpften Glühwürmchens.

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buch_1.jpg Teil III, Kapitel 18

„Ich glaub es nicht!“ stieß Regine hervor. Sie saß mit Charlotte an einem Ecktisch eines kleinen griechischen Lokals in der Nähe des Viktualienmarktes und schaute kopfschüttelnd Islama hinterher, der gerade mit einem kleinen Winken das Lokal verließ.

„Nein, ich glaub es wirklich nicht“, wiederholte sie und kaute geistesabwesend auf der Spitze einer Haarsträhne herum. Nachdem sie diese eine Weile durchgewalkt und eingespeichelt hatte, spuckte sie sie angewidert aus und klemmte sie hinters rechte Ohr. Wortlos nahm sie einen Schluck Wein aus dem innerhalb weniger Minuten zur Hälfte geleerten Glas, ließ ihren Blick mit glasigen Augen erst geistesabwesend durchs Lokal schweifen und sagte dann: „Ich fasse es immer noch nicht.“ Danach trank sie ihr Glas leer.

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