Wetterbericht vom Ammersee

Es schneit ununterbrochen. Gut, dass ich einen Schreibtischjob habe …

Auf die Straße begebe ich mich nicht … zumindest nicht per Auto. Dort ist es mir zu rutschig, ich aber liebe mein in die Jahre gekommenes Peugeot-Cabriolet. Würde mir da jemand reinfahren (oder ich umgekehrt), wäre mein Auto Schrott … und die Versicherung würde mir lediglich den Zeitwert ersetzen. Und der beträgt vermutlich nur ein paar Euro. Also lasse ich mein wunderhübsches Auto in der Garage stehen … dort geht es ihm gut.

Und ich sitze in meinem gemütlich-warmen Arbeitszimmer und betrachte das Schneetreiben von drinnen.

Besuch in der alten Heimat

Es ist ein spezielles Gefühl, einen Ort aufzusuchen, wo man seine Kindheit verbracht hat.

Erinnerungen werden wach, und ich sitze plötzlich wieder in meinem alten Schulhaus.

Schule und Kirche

Ich bin gern zur Schule gegangen. Lernen fiel mir leicht, meine Lehrerin (Fräulein Dorner) mochte mich – eigentlich mochte sie alle Schüler. Sie war eine relativ strenge, aber gerechte und faire Lehrerin. Unterrichten machte ihr Spaß – das merkte man.

Sie gestaltete den Unterricht anschaulich und lebendig, zog nie stur einen Stundenplan durch, sondern machte in einer Geschichtsstunde zum Beispiel auch gedankliche Ausflüge in Geografie oder sonst ein Fach, das zum Thema passte.

Naturkundeunterricht fand oft dort statt, wo er am besten hin passt: in der Natur. Eine Landschullehrerin hat es diesbezüglich sehr bequem; schließlich liegt die Natur direkt vor der Haustüre.

Besonders gern machte sie Ausflüge auf den nahegelegenen Schönberg, und wir Schüler fanden das prima. Durch den Wald zu streifen, an den Mauern der Schneeburg-Ruine Verstecken zu spielen …


Ruine der Schneeburg – erbaut im 13. Jahrhundert

all das waren Vergnügen, die Stadtkinder wohl selten erleben. Und wenn, dann nur in den Ferien. Für uns gehörten solche Erlebnisse zum Schulalltag. Das, und nicht nur das, war wohl mit ein Grund, warum ich sehr gern zur Schule gegangen bin.

Es hat sich viel verändert, in dem ehemals kleinen Dorf. Vor allem sind viele Häuser hinzugekommen – erbaut von Städtern, die das Landleben dem in der Großstadt vorziehen.

Mein Kindheitsdorf heute

Erinnerungen … schöne Erinnerungen! An meine Kindheit.

Kleine Betrachtung über Selbsterkenntnis

selbsterkenntnis

 

Vorhin bekam ich eine E-Mail von einem Internetfreund, den ich sehr schätze, weil er ein bemerkenswerter Mensch ist: ein Mann mit Herz und Hirn. Diese Mischung ist rar – bei Männern und Frauen gleichermaßen.

Was ich bei diesem Mann auch schätze, ist seine Bereitschaft zur Selbstkritik. Auch diese Eigenschaft kann man mit der Lupe suchen. Was ich sehr bedauere, denn es macht einfach sehr viel mehr Freude mit Menschen zu kommunizieren, die bei Kommunikationsproblemen jeglicher Art die Schuld auch bei sich suchen. Wie wir alle (nicht nur) aus der Bibel wissen, ist es deutlich leichter, Fehler bei anderen zu entdecken als die eigenen zu erkennen. (Bergpredigt: “Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ Matthäus 7:3)

Durch meine langjährige Lebenserfahrung aber weiß ich, dass an fast jedem Problem beide “Parteien” beteiligt sind. Ich weiß das deshalb so genau, weil mir Selbsterkenntnis seit vielen Jahren vertraut ist und mittlerweile sogar Spaß bereitet. Sich selbst auf die Schliche zu kommen, ist nämlich nur im ersten Moment ein kleiner Schock, danach ändert sich die Einstellung zu sich selbst, man entwickelt Verständnis für sich und seine “Macken” und kann mit liebevollem Augenzwinkern zu seinen Eigenschaften und Gefühlen (den positiven und den negativen gleichermaßen) stehen und sich manchmal sogar mit Vergnügen dabei selbst beobachten.

Dazu plaudere ich aus dem Nähkästchen und berichte über ein Erlebnis, das ich mit ungefähr 19 hatte.

Ich war auf eine Féte eingeladen, viele Leute waren da und mir fiel ein Mann auf, der nicht zu übersehen bzw. nicht zu überhören war – er hatte dauernd die Klappe auf. Mit einer merkwürdigen Mischung aus Abscheu und Faszination konnte ich meine Augen einfach nicht von ihm lassen. Er stand mitten in der Menge, und war damit beschäftigt, die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf sich zu ziehen. Was ihm trefflich gelang. Mit offenen Mündern standen die Leute um den “selbstgefälligen Affen” (so nannte ich ihn in Gedanken) herum und lauschten seinen Worten. Denn er war – das musste ich zugeben – sehr wortgewandt. Dass er gut aussah, kam noch dazu, spielte für mich aber keine Rolle.

Doch was war es, das mich zu diesem Mann einerseits so hinzog und andererseits so abstieß? Ich hatte keine Antwort darauf. Ich wusste nur, dass ich ihn – eigentlich – nicht leiden konnte. Aber warum schaute ich dann immer wieder zu ihm hin? Ich hätte mich ja leicht anderen Leuten zuwenden können – waren schließlich genug da. Aber nein, ich schenkte meine Aufmerksamkeit dem “Affen”.

Der Abend war lang und feuchtfröhlich, und immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich diesen Mann aus dem Augenwinkel beobachtete. Irgendwas an ihm kam mir bekannt, auf gewisse Weise sogar vertraut vor, aber was?

Zu fortgeschrittener Stunde dann und völlig unerwartet, schlug die Antwort auf meine Frage wie eine kleine Bombe in mein Gehirn ein. Denn wieder stand ich da und beobachtete den Mann. Und ganz plötzlich wusste ich, was mich so an ihm faszinierte und gleichzeitig abstieß: Es war seine Art zu reden, seine Art zu gestikulieren, seine Art sich ständig in den Mittelpunkt zu drängen. Und mit dieser Erkenntnis verband sich eine weitere: Renate, du verhältst dich oft genau wie dieser Typ!

Das ist wie gesagt viele Jahre her. Aber diese Erkenntnis war richtungsführend für mein Leben. Denn hat man mal eine Erkenntnis über sich gewonnen, bleibt sie einem treu. Es sei denn, man ist ein Weltmeister im Selbstbetrug. Und das bin ich nicht. Ich bin nicht nur zu anderen Menschen ehrlich, sondern auch zu mir. Zumindest bemühe ich mich darum, und es gelingt mir immer besser. Ich bin mir über viele meiner Charaktereigenschaften und der damit zusammenhängenden Gefühle bewusst und gehe ihnen mit wachsender Freude auf den Grund. Auch wenn es manchmal eine zeitlang dauert. So gab es einen Fall, bei dem ich fast zwei Jahre lang nachdenken musste, um die Ursache für meine Gefühle zu entdecken. Und darum ging es: Ich ärgerte mich über das Verhalten eines lose befreundeten Ehepaares. Die Beiden hatten eine große Feier veranstaltet, alle meine Freunde eingeladen – mich aber nicht. Warum ich mich darüber so geärgert habe, wunderte mich selbst, denn die Beiden bedeuteten mir nichts. Im Gegenteil, ich fand sie belanglos und langweilig. Trotzdem regte ich mich über ihr Verhalten auf, und ich wollte unbedingt herausfinden, warum. Also habe ich immer wieder nachgedacht, und eines Tages war es dann so weit. Ähnlich wie im oben geschilderten Fall kam die Erkenntnis von einer Sekunde auf die andere: Das Verhalten des Pärchens erinnerte mich an Situationen in meiner Kindheit, als Spiel- und Schulkameraden mich oft nicht mitspielen ließen, und ich keine Ahnung hatte, warum, und sehr verletzt war. – Die Kränkung aus Kindertagen saß mir nach über vierzig Jahren offensichtlich noch immer in den Knochen, besser gesagt im Gemüt.

Diese Erkenntnis war interessant und wichtig, und sie hilft mir bis heute, in vielen Lebenssituationen gelassener zu reagieren als ich es früher gemacht habe: Ich reagierte betroffen und wehrte mich – aber indirekt. Denn ich sagte (und wusste) nicht, dass ich gekränkt war, sondern ärgerte mich und verteilte Vorwürfe. Ich sublimierte also meine Gefühle. Gefühle sublimieren – das machen wir wir Menschen nur allzu gern, wenn wir unsere wahren Gefühle nicht erkennen/zugeben wollen. Kränkungen gehören besonders oft dazu … weil wir befürchten, gekränkt zu sein, könnte Schwäche bedeuten.

Genau das ist im Umgang mit anderen Menschen oft der Knackpunkt: Sublimieren wir unsere Gefühle, dann ist der Konflikt vorprogrammiert. Erkennen wir hingegen unsere wahren Gefühle, sind wir in der Lage, sie unserem Gegenüber zu erklären, und es besteht eine große Chance, dass das Gegenüber uns versteht – und kein (weiterer) Konflikt entsteht, sondern der bereits vorhandene bestenfalls aufgelöst wird. Zumindest ist das meine Erfahrung. Allerdings bedarf es zur Konfliktlösung auch der Bereitschaft des Gegenübers, mit Verständnis zuzuhören. Und am allerbesten stehen die Chancen, wenn das Gegenüber zusätzlich noch Spaß an Selbsterkenntnis/kritik hat. Denn wie gesagt … am Entstehen eines Konfliktes sind fast immer beide beteiligt.

Jetzt bemerke ich, dass ich gar nicht auf die E-Mail meines Internetfreundes eingegangen bin, der u. a. schrieb: “Bei Dir verbinden sich Resilienz und Empathie zu einer ganz besonderen Kraft.”

Mir ist nicht  klar, wie er das gemeint hat, aber zumindest hat mich dieser Satz zum Nachdenken angeregt, denn dass ich tatsächlich so resilient bin … ich bezweifle es. Doch zumindest beschäftige ich mich mit Dingen/Situationen/Menschen, die mich belasten und versuche, die Probleme zu klären. (Oft nur im Zwiegespräch mit mir selbst.) Denn Weglaufen oder Wegschauen bringen mich nicht weiter. Im Gegenteil. Der kleine Konfliktteufel hängt mir im Gemüt und arbeitet dort fröhlich vor sich hin – mit seinen spitzen Werkzeugen.

PS: Erprobt durch viele Selbsterkenntnissituationen ertappe ich mich relativ häufig, wie ich vor mich hingrinse und murmle: “Ach Renate, was hast du da nur wieder gedacht/gesagt/getan …” Und genau da fängt das erwähnte Vergnügen an: Wenn ich mich frage , warum ich dieses oder jenes gedacht/gesagt/gemacht/gefühlt habe, finde ich fast immer eine (einleuchtende) Antwort darauf. Auch wenn sie nicht immer bequem ist.

Und genau das ist das Schöne an selbstkritischen Erkenntnissen: Ich verstehe mich und meine Beweggründe besser und bin meinen spontanen und meist unüberlegten Abwehrreaktionen nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern habe die Wahl, wie ich handle. Und das ist gut so. Sehr gut sogar!